Zeitung Heute : Wer ist Ségolène Royal?

Albrecht Meier

WARUM GILT SEGOLENE ROYAL BEI FRANKREICHS SOZIALISTEN ALS FAVORITIN FÜR DIE PRÄSIDENTSCHAFTSWAHL?

Bei ihrem Auftritt vor den Parteianhängern am vergangenen Sonntag trug sie eine weiße Jacke. Weil sie ihre politische Unschuld noch nicht verloren hat? Weil sie eigentlich ein ziemlich unbeschriebenes Blatt ist? Man kann ziemlich viel über Ségolène Royal spekulieren. Aber spätestens seit jener Rede an einem regnerischen Wochenende im Burgund ist eines endgültig klar: Sie will Frankreichs Präsidentin werden.

In Frankreich fällt die Entscheidung über das höchste Staatsamt zwar erst in acht Monaten – und die großen Parteien haben offiziell ihre Kandidaten noch gar nicht gekürt. Ségolène Royal ist das aber egal. Die Sozialistin will bei den Wahlen die Linke um sich scharen und die Bürgerlichen aus dem Elysée-Palast, dem Amtssitz des Präsidenten, verjagen. François Mitterrand, dem Übervater der französischen Sozialisten, gelang dieses Kunststück vor 25 Jahren. Und auf niemand Geringeren als Mitterrand berief sich Royal am vergangenen Wochenende.

Hätte Royal ihren Machtanspruch vor einem Jahr so unverblümt vorgetragen, hätten ihre Parteifreunde wahrscheinlich nur süffisant gelächelt. So wie im September des vergangenen Jahres, als Royal in einem Interview mit der Zeitschrift „Paris Match“ zum ersten Mal erklärte, sie könne sich eine Präsidentschaftskandidatur vorstellen. Die eigene Partei reagierte mit Erstaunen: Ségolène Royal als Präsidentin? Umweltministerin ist sie gewesen, jetzt ist sie Präsidentin der Region Poitou- Charentes im Westen Frankreichs und Abgeordnete der Nationalversammlung, des französischen Parlaments. Aber Präsidentin aller Franzosen, Nachfolgerin von Jacques Chirac? Waren da nicht die Granden bei den Sozialisten, denen man eine Kandidatur viel eher zutrauen würde? Dem ehemaligen Wirtschafts- und Finanzminister Dominique Strauss-Kahn etwa, der das ABC der Globalisierung besser buchstabieren kann als die meisten in seiner Partei. Oder dem ewigen Hoffnungsträger der Sozialisten, dem ehemaligen Kulturminister Jack Lang.

Ségolène Royal hat sich von dem Grummeln der Schwergewichte in der eigenen Partei nicht beirren lassen. Sie besitzt, was die Männer in ihrer Partei alle nicht haben – Attraktivität und Popularität. Nach einer Umfrage des Instituts CSA wünschen sich 54 Prozent der Franzosen bei der Präsidentschaftswahl ein Duell zwischen Royal und Innenminister Nicolas Sarkozy, dem wahrscheinlichen Kandidaten der bürgerlichen Regierungspartei UMP. Damit liegt sie weit vor den Männern in ihrer Partei.

Man kann den Eindruck bekommen, dass Royal tun und lassen kann, was sie will – die Umfragen geben ihr immer recht. Es hat ihr nicht geschadet, als sie im vergangenen Mai rabiat forderte, jugendliche Straftäter müssten in „Systemen zur Betreuung mit militärischer Dimension“ zur Räson gebracht werden. Während die Offizierstochter Royal mit derartigen Äußerungen ein allgemeines Bedürfnis nach Autorität bedient, entspricht sie den Erwartungen der Linken, indem sie die strikte Einwanderungspolitik von Innenminister Sarkozy geißelt. Links, rechts, in der Mitte: Royal sammelt Punkte, wo sie sie bekommen kann. Bei älteren Wählern, haben Meinungsforscher allerdings herausgefunden, kommt sie schlechter an als ihr möglicher Gegenpart Sarkozy.

WAS MACHT SIE SO POPULÄR?

Zum Erfolg von Ségolène Royal in den Umfragen trägt bei, dass sie neben den altbekannten Gesichtern der Parteioberen – zu denen auch ihr Lebensgefährte François Hollande zählt – wie ein frischer Farbtupfer wirkt. Jahrelang haben die Anhänger der Sozialisten die Flügelkämpfe ihrer Partei mitangesehen. Beim Referendum über die EU-Verfassung im vergangenen Jahr kochten die parteiinternen Streitereien dann hoch: Ex-Wirtschaftsminister Dominique Strauss-Kahn und Parteichef Hollande sprachen sich für die Verfassung aus, der frühere Regierungschef Laurent Fabius dagegen. Von dem Richtungsstreit über die Rolle der Ökonomie in einer sich rasant wandelnden Welt haben sich Frankreichs Sozialisten bis heute nicht richtig erholt.

In dieser Situation mag Ségolène Royal auf viele Anhänger der französischen Linken, die der EU-Verfassung überwiegend ablehnend gegenüberstand, wie die geborene Hoffnungsträgerin erscheinen – paradoxerweise trotz ihrer Unterstützung für das Vertragswerk. Seit Royal vor einem Jahr erstmals ihre Kandidatur für das höchste Staatsamt ins Gespräch brachte, setzt sie sich regelmäßig in kleinen, überschaubaren Foren mit Bürgern zusammen. Jeder ist auf irgendeinem Gebiet ein Experte, hat die Absolventin der Elitehochschule ENA erkannt. Dass Royal nicht nur eine gute Zuhörerin ist, sondern auch fähig, Stimmungen in politische Botschaften umzusetzen, beweist ihr Erfolg in den Umfragen.

Es macht ihr nichts aus, wenn in ihren Bürgerforen über die alltäglichen Dinge des Lebens gesprochen wird – etwa die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (ein Leib- und Magenthema der vierfachen Mutter Royal) oder die Qualität des Schulunterrichts. Für stirnrunzelnde Bemerkungen parteiinterner Widersacher, dies alles sei doch noch keine „richtige“ Politik, hat sie beißenden Spott übrig. Ja natürlich, merkt sie sarkastisch an, man muss ein schwer wiegendes Ministeramt bekleidet haben, um wirklich etwas vom Leben zu verstehen.

Obwohl der Kandidat oder eben die Kandidatin der Sozialisten erst im November bei einer Urabstimmung durch die Parteibasis bestimmt wird, stellen sich die Franzosen schon jetzt auf ein Rennen um den Einzug ins Elysée zwischen „Sarko“ und „Ségo“ ein. Das Spiel mit den Medien, das sowohl Royal als auch Sarkozy perfekt beherrschen, hat in Frankreich allerdings auch zu einer Debatte über eine zunehmende Trivialisierung der Politik geführt. Anfang des Monats druckte das französische Leute- Magazin „Closer“, das sich normalerweise mit Popstars oder Sportlern beschäftigt, mehrere Fotos von Royal beim Baden in Südfrankreich. Royal empörte sich über die Paparazzi-Aufnahmen – die sie freilich auch wieder im Gespräch hielten.

WAS WILL SIE DURCHSETZEN?

Auf ihrer Webseite, die den Titel „Désirs d’avenir“ („Wünsche an die Zukunft“) trägt, veröffentlicht Royal zurzeit kapitelweise ihre Standpunkte zum Zustand der Demokratie, des Arbeitsmarktes, zu Familie, Schule und staatlicher Gewalt sowie zur Nation. Offenbar hat sie aus dem Erfolg der Internet-Kampagne der EU-Verfassungsgegner ihre Schlüsse gezogen. Das Internet dient ihr nicht nur als Medium, sondern soll der Basis auch möglichst viel „Partizipation“ – eines ihrer Mantra- Worte – ermöglichen.

Vieles in Royals Programm bleibt allerdings vage. Am markantesten ist noch ihre Kritik an der 35-Stunden-Woche, die zu den heiligen Kühen der eigenen Partei gehört. Die Verkürzung der Arbeitszeit, kritisiert Royal, habe vor allem die sozial Schwachen in die Wochenendarbeit gedrängt.

Royal arbeitet auch schon an ihrem außenpolitischen Profil. In diesem Monat reiste sie zu Arbeitsbesuchen nach Italien, Spanien und in den Senegal. Am vergangenen Wochenende im Burgund tippte sie außenpolitische Themen allerdings nur an. Dabei kritisierte sie US-Präsident George W. Bush und dessen Vorgehen im Kampf gegen den Terrorismus scharf: „Nur noch Bush glaubt daran, dass die Welt seit der Besetzung des Irak sicherer geworden ist.“

WIE WÜRDE SIE DAS AMT DES FRANZÖSISCHEN STAATSPRÄSIDENTEN VERÄNDERN?

In Frankreich liegt der Anteil der Frauen in der Nationalversammlung gerade einmal bei zwölf Prozent – das sind weit weniger als im Deutschen Bundestag. Aus dieser Perspektive käme es einer Revolution gleich, wenn erstmals eine Frau im Nachbarland Präsidentin würde.

Mit Chirac neigt sich zwar ohnehin die Ära zu Ende, in der sich die Franzosen mit ihrem Präsidenten eine Art Ersatzmonarchen wählten. Dennoch würde Royal dem Amt wohl zu einer zusätzlichen Erneuerung verhelfen – falls sie denn gewählt würde. Und während das sozialistische Parteivolk von der Idee fasziniert ist, Madame Royal den Weg ins Elysée zu bahnen, versuchen etliche Parteibarone mit zunehmender Offenheit, dies zu verhindern. Was liegt dabei näher, als eine Frau gegen Royal in Stellung zu bringen? Die Nominierung einer Frau zur Präsidentschaftskandidatin wäre „ein starkes Symbol“, sagte kürzlich die ehemalige sozialistische Ministerin Elisabeth Guigou. Dann aber fügte sie den entscheidenden Halbsatz hinzu: Allein das Frau-Sein garantiere noch keine „Kohärenz der Entscheidungen oder der Ergebnisse“. Guigou gilt als Vertraute des Parteigranden Lionel Jospin, der vor vier Jahren als Präsidentschaftskandidat scheiterte. Das Rennen hat für Ségolène Royal gerade erst richtig begonnen.

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