Zeitung Heute : Wer liest, tötet nicht

SILVIA HALLENSLEBEN

Zynismus mit Moral: "Ein Mann - Ein Mord" mit John CusackSILVIA HALLENSLEBENSammler ausgefallener Heiratsanträge können hier ihre Sammlung um ein gelungenes Stückchen erweitern, müssen sich allerdings mit der Antwort gedulden.Wer, schließlich, möchte schon unüberlegt einen Auftragskiller heiraten? Andererseits: Warum muß sich ein junger Mann erst durch die halbe Welt morden, bevor er es wagt, um die Hand der Frau anzuhalten, die er schon auf der Schule liebte, aber beim Abschlußball sitzenließ? Vielleicht könnte Martins Psychiater ihm einige Zusammenhänge erklären, aber Dr.Oatman sieht durch den Beruf seines Patienten die therapeutische Beziehung gestört und rät Martin nur, ein anstehendes Klassentreffen für die Aussprache zu nutzen - und einmal für ein paar Tage niemanden umzubringen, "um zu sehen, wie sich das anfühlt".So ist der melancholische Killer plötzlich allein gelassen und muß sich mit der Lektüre von Büchern wie "Making sense of creation" und dem rituellen Vergießen von Whiskey über dem Grab des Vaters behelfen. Allerdings: In Pointe Grosse, dem Ort des Zehnjährigen-Treffens und des Wiedersehens mit Jugendliebe Debi, hat Martin auch Geschäftliches zu erledigen - schließlich betreibt er sein Gewerbe wie ein Profi.Mit einem Büro über den Dächern der Stadt, einer beherzten Sekretärin (wunderbar: Joan Cusack), die am Telefon akquiriert und die sich häufenden Beschwerden über nicht verabredungsgemäß erfüllte Aufträge entgegennimmt.Und selbstverständlich gibt es auch in diesem Metier die entsprechenden Kleinkriege um die Aufteilung der Pfründe.Die Konkurrenz will mit dem Aufbau von Killerkartellen kontern.Doch die Firma Martin Q.Blank sträubt sich gegen solche Vereinnahmung.Der Zyniker ("Von welcher zivilisierten Gesellschaft redest du?") mit CIA-Vergangenheit hat durchaus eine Moral. Der Killer mit dem bübischen Charme wird von John Cusack ("Con Air"), der mit ein paar Highschool-Freunden auch das Drehbuch schrieb, auf angenehm attraktive Weise verkörpert.Regisseur George Armitage ("Miami Blues") und Kameramann Jamie Anderson erfreuen durch eine Erzählweise, die so altmodisch entspannt wirkt wie die 80er-Jahre-Musik von The Clash bis zu den Specials.Nur Debi, die hätten wir uns etwas dann doch weniger frischgeputzt gewünscht.Aber daran haben wir uns ja gewöhnt. Kurbel, Kosmos, Kinocenter Spandau, Filmbühne Wien und Zoo Palast

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