Zeitung Heute : „Wer mag schon einen Klugscheißer?“

Warum sich Männer gegenseitig umbringen? Die Frauen sind schuld daran. Salman Rushdie findet sie trotzdem äußerst liebenswert.

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Salman Rushdie, 58, wurde weltberühmt mit „Die Satanischen Verse“. Nach Erscheinen des islamkritischen Romans verhängte das iranische MullahRegime ein Todesurteil gegen den Autor, eine Fatwa. Rushdie lebte lange Zeit im Verborgenen. Soeben erschien sein neues Buch „Shalimar der Narr“.

Interview: Philipp Lichterbeck und Ulf Lippitz Herr Rushdie, Sie sind heute mit dem Flugzeug in Berlin angekommen …

Gelaufen bin ich jedenfalls nicht.

Es gab Zeiten, da haben Fluggesellschaften Sie nicht an Bord gelassen, weil Sie als Sicherheitsrisiko galten.

Jetzt nehmen mich wieder alle mit, aber dafür muss ich die nervigen Sicherheitskontrollen über mich ergehen lassen. Mantel aus, Gürtel auf, Arme hoch, Sie kennen das. Nur weil ich Salman Rushdie heiße, wird da keine Ausnahme gemacht.

Verschafft Ihnen diese Prozedur kein Gefühl der Sicherheit?

Mir verschafft sie vor allem eins: schlechte Laune. Diese Sicherheitskontrollen sind dazu da, die Passagiere zu schikanieren. Ich selbst lasse mich nicht mehr von Personenschützern begleiten und gehe, wohin ich will. Vor 15 Jahren hätten Sie beide sich vor dem Interview noch kontrollieren lassen müssen. Heute nicht. Ist doch viel angenehmer so.

Dabei wurde das Todesurteil gegen Sie erst am 15. Februar vergangenen Jahres bestätigt.

Das ist doch eine olle Kamelle – und passiert jedes Jahr am 15. Februar. Ayatollah Khomeini hat die Fatwa am 14. Februar 1989 verhängt. Also verlängert irgendein Mullah sie jedes Jahr am 15. Februar, die Presse berichtet darüber, nichts passiert, alle vergessen die Angelegenheit für zwölf Monate, und die Geschichte wiederholt sich. Ich bewege mich seit mehreren Jahren ohne Einschränkung. Es ist okay. Gönnt mir eine Pause.

Sie haben bereits 1993 vor den Gefahren des Islamismus gewarnt. Im Jahr 2000 sagten Sie, dass eine Auseinandersetzung zwischen Terrorismus und Sicherheit die Politik bestimmen würde. Fühlen Sie sich manchmal wie die Prophetin Kassandra?

Ein bisschen, ja. Vor dem 11. September weigerte sich der Westen anzuerkennen, dass der islamistische Terrorismus eine weltweite Bedrohung darstellt. Man verstand nicht, dass die Terrorcamps in Afghanistan uns alle betrafen. Einzelne Anschläge fesselten die Aufmerksamkeit, aber man betrachtete sie isoliert. Kurz: Der Westen sah den Wald vor lauter Bäumen nicht. Meine Situation war auch so ein Baum.

Sie meinen die Fatwa?

Die Menschen dachten, das sei ein Einzelfall, der nur Salman Rushdie und sonst niemanden betreffe. Manche sympathisierten mit mir, andere sagten, ich sei selber schuld. Aber kaum jemand wollte verstehen, dass mein Fall repräsentativ war für die Radikalisierung des Islams. Deswegen habe ich alarmierende Essays geschrieben.

Sie erhielten viel Schelte. Man warf Ihnen vor, Sie wollten die Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Einige Kritiker behaupteten sogar, ich würde um eine Sonderbehandlung für meine Bücher bitten. Wenn man heute zurückblickt, scheint alles zu stimmen, was ich vorhersah. Doch mal ehrlich, wer mag schon einen Klugscheißer, der sagt: Ich hab euch ja gewarnt!

Befriedigt es Sie, Recht behalten zu haben?

Um Gottes willen. Mir wäre es lieber, ich hätte falsch gelegen. Es ist schrecklich, dass meine Thesen auf so abscheuliche Weise bestätigt wurden. Insbesondere weil es die Stadt traf, in der ich seit sechs Jahren lebe. Alles, was ich gesagt hatte, wurde an dem Tag im September nebensächlich.

Waren Sie damals in New York?

Ich war auf einer Lesereise, um für meinen Roman „Wut“ zu werben. Offizieller Erscheinungstermin des Buchs war ausgerechnet der 11. September. Ich war gerade in Houston und sollte am Morgen nach Minneapolis fliegen. Drei Tage war ich in Houston gestrandet. Ich hatte ein sehr mulmiges Gefühl: Ich war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Was, verdammt noch mal, mache ich in Texas, während mein Zuhause unter Beschuss gerät, meine Freunde, meine Familie?

Sie fühlten sich persönlich attackiert.

Stellen Sie sich vor, jemand greift Ihr Haus an. Der 11. September hat mir gezeigt, wie stark ich mich mit New York verbunden fühle. Ich war plötzlich kein Besucher mehr, sondern ein Einwohner dieser Stadt. Man hatte auch mich attackiert.

Kannten Sie Menschen, die starben?

Nein, aber es gibt eine Geschichte in meinem Freundeskreis, die von einer sehr knappen Flucht erzählt. Die Frau des australischen Schriftstellers Peter Carey ging an jenem Morgen einkaufen. Sie wollte in ein Kaufhaus, gleich gegenüber dem World Trade Center. Sie kam aus der U-Bahn-Station am Nordturm heraus, ging zum Bankautomaten und hob Geld ab. In der Sekunde, in der sie die Quittung aus dem Automaten zog, krachte das erste Flugzeug in den Turm. Sie rannte sofort weg. Aber bis heute hat sie die Quittung aufgehoben, auf der steht: World Trade Center, 9/11/2001, 08:43.

Fühlen Sie sich seitdem verletzbarer in New York?

Ich fühle mich so sicher wie alle anderen New Yorker auch, also nicht besonders. Aber die Stadt hat sich darauf besonnen, was sie immer war – ein Ort der Toleranz und der Weltoffenheit. In den Monaten nach den Anschlägen war das wirklich anders. Die Menschen reagierten panisch, wenn die US-Regierung die Terroralarmstufen erhöhte, dieses Farbenspiel mit Orange und Rot betrieb. Mittlerweile ärgern sie sich darüber. Das ist ein gutes Zeichen. Die Stadt hat ihr Gleichgewicht wieder gefunden.

Nicht überall in den USA scheint das so zu sein. Im Mittleren Westen verbrennen Fundamentalisten Harry-Potter-Bücher, weil sie angeblich unchristlich sind.

Wenn ich hier mal als PEN-Präsident der USA sprechen darf: Wir diskutieren in letzter Zeit viel über die Zensur. Sie breitet sich in Amerika mit dem christlichen Fundamentalismus aus. Da gibt es Orte, wo beispielsweise der Schriftsteller Kurt Vonnegut nicht in die Büchereien aufgenommen wird. Gleichzeitig regt sich aber auch Widerstand gegen die Dummheit. Sogar im konservativen Kansas, wo man die Schulen angewiesen hat, im Biologie-Unterricht neben Darwins Evolutionstheorie auch den Kreationismus zu lehren, weigern sich die Lehrer. „No way“, sagen sie, „den Mist erzähle ich meinen Schülern nicht.“

Der Konflikt zwischen verschiedenen Kulturen spielt auch in Ihrem neuen Buch „Shalimar der Narr“ eine Rolle. Sie beschreiben die Entwicklung des sympathischen Jungen Shalimar aus Kaschmir. Er wird zum Killer, weil ihm ein westlicher Diplomat die Frau ausspannt.

Und deshalb geht er in ein Trainingscamp für Terroristen. Doch seine Motivation ist persönlich. Er will einen einzigen Menschen umbringen, den Botschafter.

Sie meinen, Terroristen hätten eher persönliche als ideelle Beweggründe?

Natürlich. Persönliche Motive spielen immer die Hauptrolle. Wir begehen einen großen Fehler, wenn wir annehmen, bei Terroristen sei das anders. Stellen Sie sich eine normale Berufsarmee vor, und denken Sie an die unterschiedlichen Motive der Männer. Einige wollen eine bessere Bezahlung, andere finden das Töten aufregend. Wieder andere finden keinen besseren Job, weil sie unterqualifiziert sind. Meinen Sie, die denken alle: Ich muss die Freiheit meines Landes mit der Waffe verteidigen?

Wenn man sich nun vorstellt, diese Männer ziehen in den Kampf, weil man ihnen die Frauen ausgespannt hat, dann bekommt der Krieg etwas Lächerliches.

Leider ist er nicht komisch. Das Töten wird durch die Motive ja nicht besser. Erst neulich habe ich einen beunruhigenden Bericht in der BBC gesehen. Junge Hindus lassen sich von Islamisten für den Heiligen Krieg rekrutieren. Es ist ein Ausdruck der Verzweiflung, die nach dem schweren Erdbeben in Kaschmir herrscht. Diese Jungs brauchen Geld, sie wollen essen. Das sind sehr weltliche Motive.

In Ihrem Buch ist der Auslöser der Gewalt eine Frau.

Frauen bringen Männer dazu, sich gegenseitig umzubringen. Ich habe da eine ganz simple Tragödie geschrieben. Ein konventionelles Genre.

Wollen Sie etwa behauptet, die Angst islamischer Männer vor der weiblichen Sexualität sei eine Ursache für den Terrorismus?

Es steht außer Frage, dass eins der großen Projekte des radikalen Islam die Unterjochung der Frauen und ihrer Sexualität ist. Der weibliche Körper wird in ein Ghetto aus Vorschriften gesperrt. Die Islamisten bekämpfen, wovor sie Angst haben.

Was ist denn so Furcht erregend an der weiblichen Sexualität?

Das müssen Sie schon die Islamisten fragen. Ich selbst bin ein großer Anhänger von ihr.

Herr Rushdie, Sie zogen 1962 von Indien nach England, um das Gymnasium zu besuchen. In London sorgten die Swinging Sixties gerade für Wirbel – das muss ein Kulturschock für Sie gewesen sein.

Es war eher ein Temperaturschock. Ich kam im Januar in London an, direkt aus den Tropen.

Was haben Sie mitbekommen von Beat-Musik, Mini-Röcken und Ringelpullovern?

Kommen Sie, ich war 14 und ging auf ein Jungen-Gymnasium in Rugby, einer Kleinstadt 160 Kilometer nördlich von London. Es war nicht der toleranteste Ort in England.

Aber dann gingen Sie zum Studium nach Cambridge. Sie waren 1968, auf dem Höhepunkt der Jugendbewegung, 20 Jahre alt. Welche Drogen haben Sie bevorzugt ?

Ich habe doch noch nie irgendwelche Drogen genommen.

Okay, Sie lachen. Fanden Sie die Beatles oder die Rolling Stones besser?

Ich fand erst die Stones besser, verstand dann aber, dass die Beatles außergewöhnlicher waren. Sie steigerten sich mit jedem Album: „Revolver“, „Rubber Soul“, „Sergeant Pepper“, „White Album“.

Dabei sind Sie doch mit Mick Jagger befreundet.

Wenn ich mit Mick über die Beatles spreche, sagt er: Die Beatles gab es sieben Jahre lang, wir touren immer noch.

Und, ist das gut?

Dazu sage ich nichts.

Während Ihres Studiums in Cambridge sind Sie regelmäßig zu Ihrer Familie nach Bombay geflogen ...

… einmal bin ich sogar gefahren! In einem Mini, einem Minikombi, um genau zu sein. Ein Freund war noch dabei, es war 1968. Wir waren mehrere Monate unterwegs. Unsere Route führte uns durch die Türkei, den Iran und Pakistan. Das waren damals offene Länder.

Ausgerechnet durch den Iran.

Ein unglaublich schönes Land, mit einer gebildeten und klugen Bevölkerung. Wir waren Studenten, hatten kein Geld in den Taschen und haben Dutzende hilfsbereiter Iraner kennen gelernt.

Der Mini ist nicht das robusteste Fahrzeug.

Ja, wir waren gerade im Südiran unterwegs, fuhren auf die pakistanische Grenze zu, da hörte die Straße plötzlich auf. Einfach so. Auf unserer Karte war sie zwar eingezeichnet, aber es gab sie nicht. Sie endete in einer großen Salzwüste. Wir fuhren weiter und starrten wie blöde auf unseren Kompass. Ganz in der Nähe von Bam, wo letztes Jahr das Erdbeben war, passierte es. Der Mini blieb liegen. Nach einiger Zeit kommt ein iranischer LKW-Fahrer vorbei und schleppt uns ab. Er zieht uns mehrere hundert Kilometer weit durch die Wüste und fährt sehr vorsichtig. Aber als wir an der Grenze ankommen, kassiert er unser ganzes Geld. Dennoch denke ich heute voller Dankbarkeit an den Mann zurück.

Die aktuellen Nachrichten aus dem Iran sind beunruhigender. Präsident Ahmadinedschad beschwört einen kriegerischen Konflikt mit dem Westen herauf. Andererseits ist die Jugend sehr westlich orientiert. Man hört von Partys, Schönheitsoperationen, Chat-Rooms. Sie haben mal die Hoffnung geäußert, im Iran könnte eine Jugendrevolte ausbrechen.

Ich glaube, die jungen Iraner wünschen sich nichts sehnlicher als Veränderungen. Die Journalisten, die im Iran waren, erzählen mir immer das Gleiche: Die Jugend sei extrem unzufrieden mit der Lage. Dennoch passiert nichts, weil die politische Führung mit Gewalt an der Macht festhält. Aber bitte betrachten Sie mich nicht als Iran-Experten. Ich war 1968 das letzte Mal dort.

Aber Sie haben, um es vorsichtig zu formulieren, eine sehr spezielle Beziehung zu dem Land?

Uns verbindet in der Tat eine delikate Beziehung. Aber ich habe keine Lust mehr, über den Iran und die Fatwa zu reden. Das ist ein alter Hut. Fragen Sie mich etwas, über das ich Bescheid weiß!

Die Religion, haben Sie einmal gesagt, sei Gift für das Herz. Woher kommt diese Ablehnung?

Wenn ich mir anschaue, was die Religion in meiner Heimatstadt Bombay angerichtet hat, ist das allein schon Grund genug, wütend zu werden. Als ich dort aufwuchs, erlebte die Stadt gerade ihre Blütezeit, war ungeheuer weltoffen und tolerant. Hindus, Moslems und Christen feierten miteinander die Feste der jeweils anderen. Die Kinoindustrie expandierte, es war die Geburtsstunde Bollywoods. Doch dann machte sich ein Klima der Intoleranz breit. Und schuld daran war nicht der Islamismus, sondern der radikale Hinduismus.

Christliche Rechte in den USA, Mullahs im Iran, fanatische Hindus in Indien. Es scheint, als ob es den religiösen Eiferern immer auch darum geht, den Menschen die Freude auszutreiben.

Da müssen Sie sich nur mal anschauen, was die Hindus in Bombay mit dem Fest Ganapati gemacht haben, das zu Ehren des elefantenköpfigen Gottes Ganesch gefeiert wird. Für mich als Kind war das einer der schönsten Tage des Jahres. Die ganze Stadt befand sich in freudigem Aufruhr. Alle waren dabei, egal ob Hindu, Moslem oder Christ. Die konservativen Hindus haben aus dem Fest eine nationalistisch-faschistische Veranstaltung gemacht. Andersgläubige können nicht mehr hingehen, ohne eine Tracht Prügel zu riskieren. Radikale Hindus grüßen sich mit dem Nazigruß. Das ist nicht mehr das Bombay meiner Kindheit.

— Dieses Interview fand wenige Tage vor dem Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen statt. Später wollte sich Salman Rushdie trotz Nachfragen nicht zu dem Thema äußern.

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