Zeitung Heute : Wer malen will, der findet einen Weg

Nicht abstrakt, sondern modern sind die Porträts, die Chuck Close seit 30 Jahren malt

Christina Tilmann

Als er sich in der Schule seinem Lehrer nicht verständlich machen konnte, hat er ein drei Meter langes Wandbild gemalt. Und als er 1988 wegen einer Lähmung an den Rollstuhl gefesselt war, begann er noch in der Klinik wieder zu malen: Er befestigte einen Pinsel mit Klebeband an einer Schiene am Handgelenk. „Wer malen will, findet einen Weg, die Farbe auf die Leinwand zu bringen. Und wenn er sie darauf spucken muss“, hat Chuck Close 1994 in einem Interview gesagt.

Die Manschette, die den Pinsel hält, ist seitdem zum unentbehrlichen Werkzeug von Chuck Close geworden. Was den Künstler jedoch nicht davon abgehalten hat, auch heute noch zu malen, zu malen, zu malen. Und zwar fast ausschließlich das, was er seit mehr als dreißig Jahren malt: Porträts. Exakte, getreue Porträts, die er mittels eines Rasters minutiös Punkt für Punkt auf die Leinwand überträgt. Ein Schaffensprozess, den er einmal mit einem Gang über den Golfplatz verglichen hat: „Ähnlich wie beim Golf macht der Maler einige diskrete Manöver, um etwaige Fehler zu korrigieren und vom allgemeinen Gesamtüberblick zum ganz speziellen Detail zu gelangen.“

In seiner Arbeit ist der 1940 in Monroe/Washington geborene Chuck Close ein Autodidakt geblieben, auch wenn er den klassischen Studienweg beschritten hat und längst auch selbst als Lehrer an diversen Universitäten tätig war. Schon als Kind hat Close, der an einer Muskelschwäche und einer Lernbehinderung litt, den künstlerischen Ausdruck als den seinen erkannt – seine Eltern, die klug genug waren, dies zu fördern, schickten ihn schon als Achtjährigen auf eine Malschule. Es folgte ab 1960 ein Studium in Seattle, ein Sommerseminar an der Yale Summer School of Music and Art und, bis 1965, ein Studium in Yale und Wien.

Die Anfänge liegen, durchaus zeitgemäß für die frühen sechziger Jahre, in Pop Art und Minimalismus: Aus seiner Hochachtung gegenüber den Künstlerkollegen Andy Warhol, Roy Lichtenstein und Willem de Kooning hat Close nie einen Hehl gemacht: „Diese Künstler haben in den sechziger- und siebziger Jahren der nicht-abstrakten Malerei eine Dringlichkeit verliehen, die sie absolut modern macht.“ Nicht abstrakt, sondern gegenständlich sind auch Closes eigene Bilder von jeher gewesen – zu seinem eigenen Thema, den Porträts, hat er jedoch erst Ende der sechziger Jahre gefunden.

Die Technik allerdings hat sich deutlich verändert: Arbeitete Close in seiner Anfangszeit gern mit „Airbrush“, einer Technik, die die Farbe über der Leinwand zerstäubt, oder mit „Fingerprint“, indem er die Farbe mit den Fingerkuppen auf die Leinwand brachte, ist seine Malweise in den letzten Jahren lockerer geworden. Er tupft die Farben nun mit dem Pinsel auf die Leinwand. Auch die Farbigkeit hat sich verändert: Standen am Anfang, den ersten Passbild-Vorlagen geschuldet, Porträts in Schwarz-Weiß, malt Close seit den sechziger Jahren in Farbe, allerdings zunächst nur in den Grundfarben Rot, Gelb und Blau. Seit den achtziger Jahren sind seine Bilder immer leuchtender, auch impressionistischer geworden. Manchmal, so Close, komme er seinen Modellen mit den Bildern näher als die Fotos, die ihm als Vorlage dienen. Die Modelle sind dabei keineswegs Unbekannte. Der seit 1967 in New York lebende Chuck Close ist gut vernetzt, gut befreundet mit Künstlern wie Roy Lichtenstein, Alex Katz, der auch sein Lehrer und vielleicht sein dankbarstes Modell war, dem Komponisten Philip Glass, den er in einem fast drei Meter hohen Bild verewigt hat, oder dem Dramatiker John Guare. Sie alle hat er porträtiert, wieder und wieder, so dass seine Serien auch eine Langzeitbeobachtung des Alterns geworden sind - und ein Porträt der New Yorker Künstlerszene.

Einen „Porentief-Ehrlich-Spezialisten“ hat Christoph Tannert vom Künstlerhaus Bethanien Close einmal kritisch genannt. Gegen das Etikett „Fotorealismus“ jedoch hat sich Close immer gewehrt. „Mich interessiert die Künstlichkeit, nicht die Wirklichkeit“, hat er 1998 in einem Interview mit dem Tagesspiegel erklärt. „Für mich steht der Schaffensprozess im Vordergrund, die Tatsache, dass ich etwas anfertige, was mit dem äußeren Schein nicht übereinstimmt. Meine Bilder sind ja keine Fotos, sondern Ölgemälde.“ Um das zu erkennen, muss sich der Betrachter allerdings auf das subtile Spiel der Hinweise einlassen.

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