Zeitung Heute : Wer Masten setzt, wird Strom ernten

Einen Markt für Kleinwindanlagen gibt es bisher nur in Ansätzen – die Energiewende könnte den Auftrieb bringen

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Die komplizierte Alternative: Das Windrad im Garten. Ist die Anlage falsch eingestellt, fällt sie aus oder wird beschädigt. Denn der Wind bläst in unterschiedlichen Stärken. Vergleichbar mit einem Fahrrad-Dynamo, durch den die Lampe je nach Trittgeschwindigkeit unterschiedlich hell leuchtet, produziert ein Windrad variierende Stromstärken. Foto: ddp
Die komplizierte Alternative: Das Windrad im Garten. Ist die Anlage falsch eingestellt, fällt sie aus oder wird beschädigt. Denn...Foto: ddp

Steigende Energiekosten und ein erhöhtes Bewusstsein für Nachhaltigkeit regen viele Verbraucher dazu an, ihre Stromversorgung zu überdenken. Von den regenerativen Energien ist der Wind vielleicht die faszinierendste: Wenn es draußen ungemütlich ist, treibt er riesige Propeller an, die den Strom fließen lassen. Diese Art von Stromerzeugung begreift jeder, denn das Auge sieht, wie eine Naturgewalt etwas antreibt. Umweltfreundliche Eigenproduktion lautet daher die Devise.

Rückendeckung erhalten private Stromerzeuger dabei vom „Erneuerbaren Energie Gesetz“ (EEG). Denn wer zugunsten der Umwelt Strom aus Solar,- Wasser- oder Windkraft gewinnt und nicht selbst verbraucht, erhält von den Netzbetreibern eine gesetzlich vorgeschriebene Vergütung für die Einspeisung ins Netz. Das EEG sieht derzeit 9,1 Cent pro Kilowattstunde Vergütung vor. Hoffnungen auf eine Erhöhung gibt es nicht – im Gegenteil: Die Politik will die Zuschüsse für die regenerativen Energien weiter senken.

Dennoch: Die Windkraft kann für den Eigenbedarf eine sinnvolle Alternative zur Fotovoltaikanlage sein. Um sie allerdings richtig nutzen zu können, müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Doch auch dann rentiert sich der Spaß noch nicht unbedingt. Das gaben Besitzer privater Windanlagen für den Garten oder das Hausdach in einer Umfrage des Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik in Kassel (Iwes) zu Protokoll. Und doch sagte die Mehrheit, nochmals ein Windrand aufstellen zu wollen – die Freude an der Technik spielt hier eine größere Rolle als der Wunsch, das eingesetzte Geld wieder zurückzubekommen. „Wirtschaftlich lohnenswert sind Anlagen ab fünf Kilo- Watt-Nennleistung und wenn der Anteil des selbst verbrauchten Stroms möglichst hoch ist“, sagt Thomas Endelmann vom Bundesverband Kleinwindanlagen (BVKW).

„Vieles steht und fällt mit dem Standort“, sagt Paul Kühn vom Iwes. „Während man bei einer Fotovoltaikanlage gut abschätzen kann, ob sie sich lohnt, ist es beim Wind nicht so einfach festzustellen, ob man genug ernten kann, um eine Kleinwindanlage wirtschaftlich zu betreiben.“ Denn um aus Wind Energie zu gewinnen, wird eine konstante Anströmung ohne große Turbulenzen benötigt, die durch Bodenunebenheiten entstehen.

Kühn rät dazu, immer einen akkreditierten Windgutachter heranzuziehen und eine gründliche Windmessung vorzunehmen, um die mittlere Windgeschwindigkeit für den ausgewählten Standort zu ermitteln. Wobei die Messung über den Zeitraum eines ganzen Jahrs genommen werden sollte, um auch saisonale Schwankungen in Intensität und Richtung des Windes berücksichtigen zu können. Entscheidend ist jedoch, dass man den Wind auch in der Höhe misst. Hat man einmal den richtigen Standort im eigenen Garten gefunden – von einer Kleinwindanlage auf dem Dach ist wegen der Verwirbelungen und Vibrationen, die sich ergeben, eher abzuraten – stellt sich die Frage nach der richtigen Technik. „Prinzipiell gibt es zwei Arten von Windkraftanlagen: Horizontalachser und Vertikalachser“, erklärt Kühn. „Wobei horizontal ausgerichtete Windanlagen gebräuchlicher sind, wie man auch an den großen Anlagen sieht. Vertikalachser haben dagegen einen relativ kleinen Marktanteil und sind technisch nicht so ausgereift.“

Allerdings könnten sie sich künftig in bebauten Gegenden etablieren, sofern die technische Entwicklung dann einen wirtschaftlichen Betrieb zulässt. Darüber hinaus gibt es auf dem Markt auch sogenannte Hybridanlagen. Das sind Kleinwindanlagen, die zusätzlich mit einem Fotovoltaikmodul ausgestattet sind und so eine autarke Nutzung gewährleisten. „Diese beiden Techniken ergänzen sich gut und können gegenseitige jahreszeitliche Schwankungen ausgleichen“, sagt Kühn. Allerdings gibt er zu bedenken, dass zur optimalen Nutzung des produzierten Stroms eine Batterie benötigt wird. Nicht immer weht ausgerechnet dann genügend Wind, wenn man gerade viel Strom im Haus braucht.

Für den Betrieb einer Kleinwindanlage ist auch der Durchmesser der Rotoren entscheidend. „Das richtet sich nach dem Standort und dem eigenen Verbrauch“, sagt Kühn und errechnet, dass eine vierköpfige Familie ihren Jahresenergiebedarf von 5000 Kilowattstunden mit einem Horizontalachser decken könnte, der mit einer mittleren Windgeschwindigkeit von fünf Metern pro Minute angetrieben wird und dessen Rotordurchmesser fünf Meter beträgt. Aber wer hat da wirklich Platz? Darüber hinaus sind Windanlagen weder geräuschlos noch wartungsfrei, von den Genehmigungen ganz zu schweigen: Die Käufer rotieren ob der unterschiedlichen Regelungen für Windräder im deutschen Baurecht, denn die Bundesländer gehen mit Höhe und Größe der Anlagen unterschiedlich um. Nur Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen haben Baugenehmigungsfreiheit für Kleinwindanlagen mit einer Größe von bis zu zehn Metern Nabenhöhe und 40 Quadratmetern Rotorfläche.

„Sinnvoller als viele Kleinanlagen ist oft ein Bürgerwindpark“, resümiert Paul Kühn. „Trotzdem brauchen wir auch die kleinen Anlagen, um die Technik voranzubringen.“ Anlagen gibt es ab circa 3000 Euro. Je höher der Preis für die Anlage, desto besser sei die Laufruhe und Langlebigkeit, sagt Endelmann. In Deutschland bieten laut Kühn rund 15 Firmen Kleinwindanlagen an. (mit dpa)

Informationen zu Windenergie unter: www.wind-energie.de

www.kleinwind anlagen.de

www.windmonitor.de

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