Zeitung Heute : Wer regiert die USA?

„Pearl Harbor“ beendete den Mythos der Unverwundbarkeit Amerikas. Diese Einsicht prägte die Generation, die heute an der Macht ist. Sie sind Schüler des Strategen Albert Wohlstetter. Sein Geist lebt weiter in einem Sicherheitskonzept, das auf vorbeugendes Angreifen setzt

Peter Siebenmorgen

Zu wenig Beweise für die Gefährlichkeit des Irak? Mit einer Handbewegung wischt Donald Rumsfeld, der amerikanische Verteidigungsminister, jeden Zweifel vom Tisch. Ein typischer Fall von „armseliger Vorstellungskraft und mangelnder Fantasie“. Zudem ein weiterer Beleg für jene Lebensweisheit: „Wir hören nur, was wir zu hören erwarten.“ Warum? „Die Natur des Menschen ist nun einmal so.“

Man sollte Rumsfeld also besser nicht mit seltsamen Fragen kommen, die doch nur darauf schließen lassen, dass man einer der Traumtänzer ist, die das „Unbekannte für das Unwahrscheinliche halten“. Dieser Gefahr, sich nur mit „einigen bekannten Gefahren, nicht aber mit den wahrscheinlichen“ zu befassen, hat Rumsfeld den Kampf angesagt.

Neue Erkenntnisse sind dies für Rumsfeld keineswegs. Seit Mitte der 70er Jahre, als er schon einmal Verteidigungsminister war, ist er von einem Thema besessen: böse Überraschungen. Seither empfiehlt er immer wieder ein Buch, und oft hat er es in den Jahren verschenkt: die politikwissenschaftliche Studie von Roberta Wohlstetter mit dem Titel „Pearl Harbor. Warning and Decision“. Nicht mangelndes Wissen, sondern die Unfähigkeit zu verstehen, bürokratisches Versagen im Angesicht des Unbekannten und schließlich mangelnde Vorsorge hätten die Katastrophe damals überhaupt erst ermöglicht.

Mit den Anschlägen vom 11. September 2001 erlebte Amerika sein zweites Pearl Harbor. Dieses Mal war es keine große Staatsmacht, kein gewaltiger Militärapparat, der die Vereinigten Staaten angegriffen hatte. Aber aus Sicht des Kriegsrates, den Präsident Bush bereits wenige Tage später, am 15. September 2001, zu sich geladen hatte, war es doch mehr als ein bloßer terroristischer Gewaltakt: Es war zugleich die Erfahrung der eigenen Verwundbarkeit – umgeben von einer Welt, der es an Todfeinden Amerikas nicht mangelt. Die Herausforderung sei umfassend, da waren sich die versammelten Helfer von Bush einig – mit der Bekämpfung des Terrorismus sei es nicht getan, auch darin stimmten alle überein. Als aber in einer Sitzungspause der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz auf den Irak zu sprechen kam, waren die Grenzen der Einigkeit erreicht. Saddams Regime müsse beseitigt werden, weil der an Programmen für Massenvernichtungswaffen arbeite, die – man möge sich das Unbekannte als wahrscheinlich vorstellen und nicht nur auf die altbekannten Gefahren achten – schon bald die Vereinigten Staaten bedrohen könnten.

Der US-Präsident soll, wie später in Bob Woodwards Buch „Bush at War" und im „New Yorker" zu lesen ist, sehr aufmerksam zugehört haben. Er forderte Wolfowitz sogar auf, seine Thesen weiter auszumalen. Das tat der dann auch – erst in Camp David in den folgenden Wochen dann immer wieder auch öffentlich. Doch bei Colin Powell, dem Außenminister, schrillten vom ersten Moment an alle Alarmglocken. Schon in der Regierung von Vater Bush hatten er und Wolfowitz gedient und um den Irak gestritten. Damals hatte sich Powell durchgesetzt. Zusammen mit James Baker, seinerzeit Außenminister, und Brent Scowcroft, dem Sicherheitsberater, war es auch gar nicht so schwer, den 41. Präsidenten der Vereinigten Staaten von der Richtigkeit des Maßhaltens zu überzeugen.

Powell gibt klein bei

Doch jetzt, unter Bush, dem 43. Präsidenten, lagen die Machtverhältnisse anders. Die Beziehung zwischen dem Präsidenten und seinem Außenminister ist nur ein kaltes Zweckbündnis und vertrackt dazu – wegen eines fundamentalen Missverständnisses. Bush denkt, Powell müsse dankbar sein, schließlich habe der doch den besten Job in der Regierung bekommen. Der Außenminister dagegen findet: Bush muss sich glücklich schätzen, mich in seiner Mannschaft zu haben. Denn Powell ist der populärste Politiker der USA und hilft, weil er ein Afro-Amerikaner ist, den erzkonservativen Republikanern, traditionell schwer erreichbare Wählerschichten anszusprechen.

Ganz anders, viel vertrauter, ist dagegen das Verhältnis zwischen Bush und seinem Vizepräsidenten Cheney – einem Falke. Was andere als Vorwurf meinen, nimmt Cheney als Kompliment für den Präsidenten. Der sei ein Cowboy? Stimmt, sagt Cheney gern in kleiner Runde: „So müssen Leader in der Welt von heute nun einmal sein.“

Rumsfeld denkt genauso. Bei Bush senior hatte er keinen Fuß auf den Boden bekommen – die beiden kennen sich bestens und verachten einander herzlich, seit sie in der Nixon-Regierung erstmals zusammengearbeitet hatten. Bei Bush junior jedoch ist Rumsfeld – ein Spezi von Cheney seit den späten 60er Jahren – die große Nummer.

Umgekehrt ist das klassische republikanische Establishment in George W. Bushs Mannschaft nicht mehr namhaft vertreten. Ausgleichende Kräfte wie Baker, Scowcroft und davor Henry Kissinger oder George Shultz fehlen völlig. Am ehesten konnte Powell noch auf die Unterstützung von Condoleezza Rice, der Sicherheitsberaterin, hoffen. Ihren glänzender Ruf hat sie als Sowjet-Expertin begründet, sie sollte sich vor allem um Moskau kümmern. Doch Russland ist nicht mehr die alte Sowjetunion, im neuen Moskau findet sie sich nicht zurecht.

Zu keinem der Mächtigen in Moskau hat sie wirklich Zugang – und damit hat sie auch im internen Ringen um Gunst und Ohr des Präsidenten keine Chance, wollte sie sich mit den Hardlinern tatsächlich anlegen. Sie tat es also nicht. Und Powell selbst ist am Ende mehr als alles andere Soldat: Er kämpft, solange es geht, doch wenn seine Anstrengungen am Ende ergebnislos bleiben, dann nimmt er den Befehl des Chefs, des Präsidenten, gehorsam entgegen.

Anders als bei Reagan und Vater Bush bestimmen damit Kräfte die Politik der nationalen Sicherheit, denen das Gegengewicht des klassischen republikanischen Establishments fehlt. Und diese Kräfte haben viel gemeinsame Vergangenheit – und ähnliche Prägungen. Im Grundsatz denken sie gleich. Die Wurzeln ihrer Ideen reichen weit zurück: bis Pearl Harbor.

Was damals geschah, ist schnell erzählt: Lange hatten sich die Vereinigten Staaten von Amerika gesträubt, aktiv als Kriegspartei in den Kampf gegen Hitler einzutreten. Dann kam der 7. Dezember 1941, der japanische Angriff auf Pearl Harbor, bei dem nahezu die gesamte amerikanische Pazifik-Flotte lahm gelegt, der größte Teil vernichtet wurde. So herausgefordert und erniedrigt, erklärten die USA am folgenden Tag Japan den Krieg. Am 11. Dezember 1941, antworteten Deutschland und Italien ihrerseits mit Kriegserklärungen an die Vereinigten Staaten. Innerhalb weniger Tage war Amerika, das sich eigentlich aus den Händeln der Weltpolitik heraushalten wollte, in einen globalen Krieg verwickelt.

„Willst du nicht in den Krieg ziehen, dann kommt der Krieg zu dir“: Das ist die eine traumatische Erfahrung von Pearl Harbor. Dass Unverwundbarkeit nicht der gottgegebene Zustand der USA ist, die andere.

In den Jahrzehnten bis zum 11. September 2001 spielte die Erfahrung der Verletzbarkeit keine wirklich entscheidende Rolle in der öffentlichen Diskussion. Denn der Sieg im Krieg gegen Deutschland war am Ende ja ebenso total gewesen wie die Erklärung desselben durch Hitler. Und die ungeheure Vernichtungsmacht der Atombomben, die Japan erleiden musste, war zwar längst nicht mehr kriegsentscheidend, sollte die Welt aber mahnen: Niemand darf sich mit der Großmacht Amerika, die mit dem Aufsteigen der Atompilze Supermacht geworden ist, anlegen.

Nach Hiroshima und Nagasaki war wenigstens der amerikanische Mikrokosmos einstweilen wieder in Ordnung. Dass die Bombe wegen ihrer ungeheuren Zerstörungskraft den Krieg abschaffen könne, war ein weit verbreiteter Glaube. Doch diese optimistische Sicht währte nur kurz. Denn auch Stalins Sowjetunion schickte sich an, die Atombombe zu bauen. Nur kurze Zeit würde sich die amerikanische Supermacht ihrer neu gewonnenen Sicherheit erfreuen können.

Ein radikaler Denker

In der kleinen abgekapselten Welt der amerikanischen Strategen gerieten die Lehren von Pearl Harbor ohnehin nie in Vergessenheit. Aber nur eine der vielen Schulen, die radikalste im Denken und umstrittenste von allen, wollte fortan keine Ruhe mehr finden: Das bedingungslose Streben nach Unverwundbarkeit und die Bereitschaft zur äußersten Konsequenz wurden ihr Credo.

Zur zentralen Gestalt, zum Spiritus rector jener, die so dachten, wurde der Mann jener Frau, die Jahre später Donald Rumsfelds Lieblingsbuch schreiben sollte: Albert Wohlstetter, ein mit Witz und Charisma reich ausgestatteter Mathematiker, der sich Anfang der 50er Jahre eher zufällig und widerwillig in die Kreise der Strategen verirrt hatte. Außer Henry Kissinger und einigen wenigen anderen, die diesen Titel lieber für sich selbst reserviert sehen möchten, sind sich Wohlstetters Freunde und Feinde fast alle in einem einig: Dieser geniale Denker, obgleich in der Öffentlichkeit kaum bekannt, ist der wohl einflussreichste strategische Kopf in der amerikanischen Nachkriegsgeschichte.

Ausgangspunkt aller seiner Überlegungen war eine Studie im Auftrag der Luftwaffe über die Verwundbarkeit der amerikanischen Nuklearstreitmacht. Was wäre, wenn sich Pearl Harbor wiederholte und die Sowjets einen Überraschungsangriff auf die strategische Luftflotte der Vereinigten Staaten unternähmen? Wohlstetter kam zu dem Ergebnis, dass Amerika trotz zahlenmäßiger Überlegenheit der eigenen Atomstreitmacht wahrscheinlich nicht mehr reagieren könnte. Diese Verwundbarkeit verstand er geradezu als Einladung zum Angriff einer böswilligen Macht.

1959 veröffentlichte Wohlstetter seine Forschungen mit dem Titel „The Delicate Balance of Deterrence“ in der einflussreichen Zeitschrift „Foreign Affairs“. Die Fähigkeit, einen gleichfalls nuklearbewaffneten Feind vollständig vernichten zu können, erzeuge auf Dauer kein stabiles Gleichgewicht. Daraus folgte für Wohlstetter zweierlei: die Aufrechterhaltung der Fähigkeit zur massisven Vergeltung unter allen Umständen, aber auch die Fähigkeit, im Kriegsfall selbst als Erster nuklear zuschlagen zu können, ohne einen Gegenschlag befürchten zu müssen.

Aus beidem ergaben sich klare politische Forderungen: die Optimierung des eigenen Atompotenzials bei gleichzeitigem Aufbau effektiver Abwehrsysteme. Seit Ende der 60er Jahre beschränkte sich Wohlstetter nicht mehr darauf, wissenschaftlich für seine Ideen zu werben, sondern er begann damit, sich aktiv in das politische Geschäft einzumischen. Denn das in Washington höher im Kurs stehende Gegenkonzept hielt er für dumm und pervers: die gegenseitige Verwundbarkeit als dauerhaftes Kernprinzip der nuklearen Abschreckung. Gemeinsam mit anderen Strategieexperten und konservativen Politikern beider großer Parteien warb er für den Aufbau eines Raketenabwehrsystems und kämpfte gegen gegen Abrüstungsvereinbarungen. Mitte der 70er Jahre war er der führende Denker im „Committee on the Present Danger“, das Reagans Wende in der Außen- und Sicherheitspolitik vordachte. Mit Recht darf er die geistige Vaterschaft des Raketenabwehrprogramms SDI für sich reklamieren. Sein Geist lebt weiter in der von George W. Bush im vergangenen Jahr notifizierten neuen Sicherheitsdoktrin, die auf Gefahrenabwehr durch vorbeugendes Angreifen statt auf Abschreckung durch Vergeltungsdrohung setzt.

Wohlstetter starb 1997 im 84. Lebensjahr. Doch seine Ideen sind lebendiger denn je. Er hinterließ auch viele Jüngern, die jetzt in der Bush-Regierung die zentrale Verantwortung für die Militärpolitik im Allgemeinen und die Irak-Politik im Besonderen tragen. Paul Wolfowitz etwa, der stellvertretende Verteidigungsminister und die eigentlich treibende Kraft hinter dem Kriegskurs der Vereinigten Staaten, wurde nach seinem ersten Studienabschluss in Mathematik während der 60er Jahre zum Schüler des zwischenzeitlich an der University of Chicago Politikwissenschaft lehrenden Meisterstrategen.

Bei Richard Perle, der das einflussreiche Defense Policy Advisory Board des Pentagon leitet, reicht die Liebe zum Guru im wörtlichen Sinne sogar noch etwas weiter. Beim Spanischunterricht in der Hollywood High School drückte der junge Perle die Schulbank neben Wohlstetters Tochter Joan, die den weitaus weniger sprachinteressierten Mitschüler eines Tages zu sich nach Hause einlud. Am Swimmingpool ihrer Eltern machte Richard dann die Bekanntschaft mit Joans Vater, der ihn schon bei dieser ersten Begegnung in eine Erörterung strategischer Fragen hineinzog. Dabei blieb es nicht: Perle wurde zu seinem Schützling – und Wohlstetter bald sein Schwiegervater.

Auch in den konkreten amerikanischen Planungen für den Irak seit der ersten Hälfte der 90er Jahre begegnen einem die Jünger Wohlstetters auf Schritt und Tritt. Ahmad Chalabi, der Führer des Irakischen Nationalkongresses ist, der wichtigsten irakischen Oppositions- und Exilgruppe, und seit einigen Jahren als politische Führungskraft für die Zeit nach Saddam in Stellung gebracht wird, zählt ebenso zu den bekennenden Schülern des Meisterdenkers wie Zalmay Khalizad, der von Präsident Bush als Sonderbeauftragter für Afghanistan eingesetzt wurde und die Arbeit der weit verstreuten irakischen Oppositionskräfte koordinieren soll.

Neu ist die Idee, den Irak umzukrempeln, in diesen Kreisen nicht. Wolfowitz hielt es als Angehöriger der Regierung von Vater Bush für einen schweren Fehler, den „regime change“ nicht mit letzter Entschlossenheit gesucht zu haben, die Panzer weit vor Bagdad anzuhalten und umkehren zu lassen. Während Clintons Präsidentschaft haben sie sich immer wieder lautstark zu Wort gemeldet und Taten statt Worte gefordert. 1996 haben sie sich sogar unter Leitung von Perle darangemacht, für Benjamin Netanjahu, den israelischen Ministerpräsidenten, ein umfassendes Strategiepapier zu entwerfen, wonach der Irak erst der Anfang sein sollte. Öffentlich sprechen sie so heute nicht mehr. Doch wenn die Herren Strategen ganz unter sich sind, dann reden sie immer noch so: „Win – Hold – Win“, dies sei die Marschroute, tönte wenige Tage vor Ausbruch des Krieges im Irark erst wieder die Nummer drei im Pentagon, John R. Bolton: Nach dem Irak erst Konsolidierung – dann auf zum nächsten Ziel.

Saddam beim Friseur

Lange Zeit haben sie gehofft, Saddam auch ohne Krieg loszuwerden. Bill Keller, ein Starautor der „New York Times“, hat unlängst an jenen Witz erinnert, den Wolfowitz seit über einem Jahrzehnt erzählt: Immer, wenn Saddam Hussein zu seinem Friseur geht, bringt der Barbier die Rede auf Rumänien und fragt den irakischen Staatschef nach Nicolae Ceausescu, der während des Volksaufstands am Ersten Weihnachtstag 1989 ermordet wurde. Irgendwann reicht es Saddam, und er fragt den Friseur entnervt, warum er ihn immer und immer wieder mit Ceausescu behellige. „Ihre Haare lassen sich so besser schneiden, sie stehen dann immer schön zu Berge“, gibt der Barbier von Bagdad zur Antwort.

So sollte es nicht kommen, und doch durfte das Problem Saddam nicht bleiben. Vielleicht sind heute die Falken des ersten Irak-Kriegs auch davon getrieben, das „unfinished business“ von damals endlich zu Ende zu bringen. Wahrscheinlich geht es auch um Öl. Im tiefsten Inneren aber treibt sie etwas anderes an, sie führen jetzt den ersten neuen Krieg. Er ist die Probe aufs Exempel der neuen Sicherheitsdoktrin, die aus dem Geist ihres Lehrmeisters geboren wurde: Sicherheit durch Unverwundbarkeit – Unverwundbarkeit durch Prävention und Preemption. Wie schade, dass Albert Wohlstetter das nicht mehr erleben konnte.

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