Zeitung Heute : Wer schweigt, ist noch sicher

Überläufer verraten Saddam – und riskieren damit ihr Leben

Andrea Nüsse[Amman]

Die Befragung von irakischen Wissenschaftlern ist ein zentrales Element der UN-Resolution 1441, um möglichen verbotenen Waffenprogrammen auf die Spur zu kommen. Denn die Aufdeckung von Iraks biologischem Waffenprogramm oder der VX-Nervengasproduktion gelang in der Vergangenheit nur durch Informationen von Überläufern, die das Regime so unter Druck setzten, dass es selbst Waffenberichte offenlegte.

Zu den prominentesten Überläufern gehören die beiden Schwiegersöhne Saddam Husseins, Hussein Kamil und Saddam Kamil, die sich 1995 mit ihren Ehefrauen nach Jordanien absetzten. Doch auch ihre Prominenz hat sie nicht vor der Rache des irakischen Machthabers geschützt. Angeblich wurde ihnen zugesichert, dass sie bei einer Rückkehr in den Irak nicht in Gefahr wären. Schon kurz hinter der Grenze jedoch wurden sie von ihren Frauen getrennt und kurzerhand zwangsgeschieden. Sie verschanzten sich in einem Haus in Bagdad, wo sie von Angehörigen überfallen wurden und starben nach einem drei Tage andauernden Feuergefecht.

Diese Episode zeigt, warum es so schwer ist, irakische Wissenschaftler dazu zu bringen, mit den UN-Inspekteuren zusammenzuarbeiten und sie ohne staatliche Aufpasser zu treffen: Die Angst vor Repressalien ist zu groß, auch wenn das Regime mittlerweile formell die Wissenschaftler zu Gesprächen mit den Inspekteuren ermutigt. Auch das Angebot, mitsamt der engsten Familie ins Exil zu gehen, gibt den Wissenschaftlern nicht die benötigte Sicherheit: Einmal könnten Saddam Husseins Agenten die „Verräter“ auch im Ausland aufspüren. Oder aber das Regime könnte sich an der Großfamilie des Abtrünnigen oder Freunden, die im Irak geblieben sind, rächen.

Seine Rache ist gewiss

Davon zeugt der Fall von Adnan Ihsan Saeed al Haideri: Der Mann floh im Sommer 2001 nach Amerika und wird als wertvolle Quelle zu chemischen und biologischen Waffenprogrammen gehandelt. Al Haideri lebt unter neuer Identität in einer Kleinstadt in Virginia, aber nach Angaben von Irak-Experten sind Mitglieder seiner Familie im Irak seither verschwunden. Es wird befürchtet, dass sie hingerichtet wurden, um möglichen Überläufern Angst einzujagen.

Nun sind Überläufer allerdings auch nicht immer zuverlässige Quellen. Denn viele Iraker suchen angesichts des drohenden Kriegs und Regimewechsels Asyl im Westen und bieten dafür höchst zweifelhafte Informationen an. Es wird auch befürchtet, dass sich unter den Überläufern der vergangenen 18 Monate Agenten des Regimes befinden, die durch ihre Fehlinformationen die USA auf eine falsche Fährte schicken wollten, damit das Regime in Bagdad dann die Anschuldigungen widerlegen kann. So waren die dem US-Verteidigungsministerium angegliederten Geheimdienste bisher den Informationen von Abtrünnigen gegenüber sehr offen, die CIA dagegen stellte oft deren Glaubwürdigkeit in Frage. Da die amerikanischen Geheimdienste aber seit vielen Jahren im Irak nicht mehr präsent sind, ist die US-Regierung auf die Aussagen von irakischen Überläufern angewiesen.

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