Zeitung Heute : Wer sind die Bhuttos?

Ruth Ciesinger

WOHER KOMMEN DIE BHUTTOS?

Der Januar 1979 in Rawalpindi ist bitterkalt. Zulfikar Ali Bhutto, seit eineinhalb Jahren im Gefängnis, hat keine drei Monate mehr zu leben. Doch selbst in der Todeszelle bleibt der charismatischste Politiker, den Pakistan je hervorgebracht hat, ungebrochen. Sein Schicksal und das des Landes – beides hält er für untrennbar. „Meine Familie besitzt seit Generationen nicht nur tausende, sondern hunderttausende Morgen von Land“, schreibt er im Gefängnis. „Meine Genesis zu politischem Ruhm haben die Sterne vorausgesagt. Wenn ich kein Teil von Pakistan bin … , dann kann auch Sindh kein Teil von Pakistan sein.“

Sindh, das ist Pakistans südlichste Provinz, und es ist die Wiege des BhuttoClans. Ackerland und Wälder voll mit Wild gehören zu deren Besitz; zu seinem 30. Geburtstag soll Zulfikar Bhutto dort einen ganzen Monat lang eine festliche Jagdgesellschaft unterhalten haben. Und die feudalen Bhuttos wussten ihren Reichtum schon immer zu mehren: 1941, mit erst 13 Jahren, heiratet Zulfikar zum ersten Mal – nicht die spätere Mutter seiner Tochter Benazir, sondern eine andere Frau. Dadurch sichert sich die Familie weitere Ländereien. In der Provinz Sindh hat die Pakistanische Volkspartei (PPP), die Zulfikar 1967 gründete, bis heute ihre Machtbasis. Und in Sindh, in der riesigen Hafenstadt Karatschi, ließ Benazir Bhutto im Oktober ihre Rückkehr aus dem Exil feiern. Der Anschlag auf ihren Triumphzug mit fast 140 Opfern wurde zum Vorboten für ihren eigenen Tod.

WIE HABEN ES DIE BHUTTOS GESCHAFFT, ZUM MYTHOS ZU WERDEN?

Im vergangenen Jahrhundert prägten eine Handvoll Familien das politische Schicksal Südasiens. In Indien sind es die Gandhis, im Nachbarland Pakistan wurden es die Bhuttos. Der Vater begründete den Mythos, der die Familie zur Dynastie werden ließ. Die Erbin Benazir nährte ihn weiter. Sogar seine erbitterten Gegner waren von Zulfikar Bhutto beeindruckt. Er war ein Genie, ein Magier, sagen selbst pakistanische Militärs. Der Mann mit den weichen Gesichtszügen und der elegant geschwungenen Bhutto-Nase war ein begnadeter Demagoge, ein Elitengewächs, das die Klaviatur der Macht zu spielen verstand wie kein anderer. Er hatte in Harvard und Oxford studiert. Ihm lagen die Menschen zu Füßen. Seine PPP war und ist die einzige wirkliche Massenpartei Pakistans. Und diese Massen störte und stört es auch nicht, dass die PPP zwar „Sozialismus“ und „Alle Macht dem Volk“ propagierte, ihre Führung aber mit jedem Tag an der Macht reicher wurde.

Als Regentin hatte Benazir Bhutto bis zu 1,5 Milliarden Dollar angehäuft. Zweimal wurde sie von Staatspräsidenten vorzeitig aus dem Amt der Premierministerin entfernt, 1996 sogar von einem früheren engen Vertrauten. Pakistan stand damals auch wegen der 1990 verhängten US- Sanktionen im Zusammenhang mit dem Atomprogramm kurz vor dem Bankrott. Doch all das tat dem Ruhm der Bhuttos wenig Abbruch – oder es wurde rasch wieder vergessen. Denn die Familie gab dem Land etwas. Zulfikar Ali Bhutto war 1977 aus dem Amt geputscht worden, seine PPP hatte – völlig überflüssigerweise – die Parlamentswahl gefälscht. Er selbst wurde am 4. April 1979 von der Armee gehängt. Benazir, die 24-jährige Oxford-Absolventin, übernahm damals mit ihrer Mutter die Parteiführung. Auch ihr warfen ihre Gegner vieles vor – aber sicher nicht mangelnde Courage. Für ihre Sache ging sie ins Gefängnis, zweimal ins Exil und schließlich wie ihr Vater in den Tod.

WAS FÜR EIN VERHÄLTNIS HABEN DIE BHUTTOS ZU PAKISTANS MILITÄR?

Pakistanische Trickfilmer hatten im vergangenen Jahr großen Spaß daran, aus Benazir Bhutto und dem Präsidenten Pervez Musharraf (damals auch noch oberster Militär des Landes) ein flirtendes Paar zu machen. Tatsächlich ist die Beziehung der Bhuttos zur Armee, der wirklichen Machtzentrale Pakistans, zwiespältig. In den 70er Jahren war es eines der Ziele Zulfikar Ali Bhuttos und der PPP, die Armeeführung zu ihren Gunsten zu schwächen. Ein Versuch, der tragisch misslang. Dass Benazir die Männer hasste, die ihren Vater töten ließen, das hat sie oft gesagt. Von da an witterte sie hinter jedem Hindernis und jedem Unglück, das ihrer Familie widerfuhr, eine Verschwörung. Auch den Anschlag im Herbst – das stand für sie fest – hatten „Elemente“ aus jenen Armeekreisen initiiert, die schon ihrem Vater zum Verhängnis geworden waren.

Andererseits handelte sie mit Pervez Musharraf einen Deal aus. Es ging darum, wie sie trotz anhängiger Korruptionsverfahren nicht nur nach Pakistan, sondern auch an die Macht zurückkehren könnte. Dieses Ziel ging ihr über alles. Während sie im Sommer staatstragend verkündete, die demokratische Opposition zu einen, ließ sie zugleich ein entsprechendes Bündnis aller Oppositionsparteien platzen. Die PPP-Chefin auf Lebenszeit hatte zugunsten ihres Pakts mit Musharraf auf ihre Teilnahme verzichtet.

Und indirekt liegt es sogar an den Bhuttos, dass heute viele westliche Regierungen die Militärs als bevorzugte Partner sehen. Es war Zulfikar, der 1972 mit Pakistans Atomprogramm begann und damit ein Gegengewicht zur dominanten Militärführung schaffen wollte. Nach seinem Sturz ging es in die Hände der Armee über. Sie kontrolliert heute Pakistans Atomwaffen.

WELCHE IDEE VON PAKISTAN HAT DIE BHUTTO-FAMILIE?

Roti, Kapra, aur Makaan. Brot, Kleidung, ein Zuhause – und zwar für alle. Das versprach Zulfikar seinen Anhängern. Mit diesem Slogan zog die Bhutto-Partei PPP 1970 dann auch siegreich in den Wahlkampf, und Roti, Kapra, aur Makaan verspricht die Volkspartei auch noch 2008. Doch während Zulfikar Bhutto einen islamischen Sozialismus ankündigte, sich auch in Kittel und Ballonmütze porträtieren ließ, und die Partei sich auf ein einfaches Leben im Sinne des Sufismus beruft, fühlte sich die Feudalfamilie Bhutto selbst diesen Standards nie verpflichtet. „Ich besaß schon immer viel Land und Eigentum“, hat Benazir einer englischen Journalistin geantwortet. „Was soll daran falsch sein?“

Allerdings war Benazir eine der liberalsten Regierungschefinnen Pakistans. Sie ließ Pressefreiheit zu, pflegte international enge Kontakte zu wichtigen Staaten, darunter die USA, und verfolgte, wenn auch weniger erfolgreich, eine liberale Sozial- und Wirtschaftspolitik. Weltoffen und international – sie hat nie Tendenzen zum radikalen Islam gezeigt. Doch ihren Einfluss auf Pakistan hat sie überschätzt. Sie habe 1993 einen Terrorstaat verhindert, hat sie in einem ihrer letzten Interviews behauptet. Die Islamisten wüssten, „dass ich das wieder tun kann“. Dabei hat Pakistans Militär während ihrer Regentschaft in den 90ern die Taliban in Afghanistan stark gemacht. Bhutto mag davon nichts gewusst haben – verhindern hätte sie es ohnehin nicht können.

WAS WIRD AUS DEN BHUTTOS?

Drei Tage nach dem Tod Benazir Bhuttos am 27. Dezember 2007 ruft die Pakistanische Volkspartei einen neuen Parteichef und Bhutto-Erben aus. Der 19-jährige Bilawal, Oxford–Student wie Mutter und Großvater, sitzt auf einem Podest, umlagert von Journalisten und Parteianhängern. Im Raum dröhnt es. Sprechchöre und Geschrei, nur Bilawal sagt nicht viel. Seine wenigen Worte spricht er nicht auf Urdu wie sein Vater Asif Ali Zardari, der neben ihm die Regie führt, sondern in Englisch mit britischem Akzent. Seine gerade Nase, die traurigen Augen, sie erinnern an den Großvater. Er blickt ausdruckslos wie einer, auf den alle schauen, und der um nichts in der Welt seine Gefühle zeigen will.

Bilawal Zardari, der jetzt den Namen der Mutter, Bhutto, annimmt, hat sein halbes Leben im Ausland verbracht. Erst mit 25 Jahren wird er sich überhaupt in ein Amt wählen lassen können. Und doch hat sein Vater ihn an die Parteispitze gestellt, obwohl Benazir offenbar ihn selbst, Zardari, im Falle ihres Todes auf diesem Posten sehen wollte. Aus Sicht Zardaris ist das ein kluger Schachzug: Schließlich ist er, der wegen Korruption und Mordvorwurf – an einem Bruder Benazirs – sogar von 1996 bis 2004 im Gefängnis saß, nicht nur einer der reichsten, sondern auch einer der verhasstesten Männer Pakistans. Selbst in der PPP hat er viele Gegner. Die Partei verzeiht zwar einer Bhutto Machtmissbrauch und Korruption, viel weniger aber einem Zardari. Außerdem sind immer noch Verfahren gegen ihn offen. Solange ein entsprechendes Amnestiegesetz nicht verabschiedet ist, könnte er jederzeit verhaftet werden.

Inzwischen soll ein Cousin von Zulfikar Ali Bhutto, Mumtaz Bhutto, überdies Bilawal als Erben der Dynastie angezweifelt haben – er sei kein echter Bhutto, nur ein Zardari. Auch wenn die PPP dies als „Gewäsch“ abgetan hat, ist die Zukunft der Partei und damit der Dynastie offen. Bilawal wird noch drei Jahre studieren. Die Stärke Benazirs, die auch im Exil alle Fäden in der Hand hielt, hat bisher niemand. Gewinnt nun die PPP die Wahl am 18. Februar, soll Ahmin Fahim Premier werden. Er ist ein treuer Vasall der Familie. Trotzdem ist nicht auszuschließen, dass sich die Volkspartei künftig spaltet.

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