Zeitung Heute : Wer sind die Brüder Kaczynski?

Thomas Roser[Warschau]

DIE ZWILLINGSBRÜDER KACZYNSKI KÄMPFTEN IN DEN 80ER JAHREN IM UNTERGRUND GEGEN DEN KOMMUNISMUS. WIE HABEN SIE ES VON DA AUS AN DIE SPITZE DES POLNISCHEN STAATES GESCHAFFT?

Die Zwillinge Lech und Jaroslaw, vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Warschau geboren, sind mit der Sehnsucht nach einem freien, unabhängigen Polen aufgewachsen. Ihr Vater war als Kämpfer der Aufständischen schwer verwundet worden, ihre Mutter war 14 Jahre alt, als sie in den Widerstand ging. Nach dem Abendgebet hätten ihre Jungs immer die polnische Nationalhymne gesungen, mit kerzengerader Haltung und Stolz im Gesicht, hat sie später erzählt.

In den 70er Jahren, die Brüder studierten Jura, engagierten sich beide im oppositionellen „Komitee zur Verteidigung der Arbeiter“. Als Berater und Mitglieder des Präsidiums der 1980 gegründeten und dann 1981 verbotenen Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc zählten sie zu den Männern der ersten Stunde. Lech Kaczynski wurde zusammen mit Gewerkschaftsführer Lech Walesa verhaftet und blieb bis Ende 1982 im Gefängnis.

1989, nach der Wende, war Jaroslaw Kaczynski an der Bildung des ersten demokratischen Kabinetts Polens unter Premier Tadeusz Mazowiecki entscheidend beteiligt. Doch nur wenige Monate später brachen die Kaczynski-Brüder mit dem liberalen Flügel der Solidarnosc. Sie hielten Mazowieckis Politik für einen faulen Kompromiss – eine Politik, die einen dicken Strich unter die sozialistische Vergangenheit ziehen wollte und sich für eine nationale Versöhnung aussprach. Die Kaczynskis aber wollten eine „Säuberung“ und „Dekommunisierung“ des Staatsapparats. Auch mit dem damaligen Staatschef Lech Walesa, der Jaroslaw mit der Leitung seiner Kanzlei betraut und Lech Kaczynski zum Chef des Nationalen Sicherheitsbüros ernannt hatte, zerstritten sich die Zwillinge. Seitdem haftet ihnen der Ruf an, unversöhnlich und nachtragend zu sein.

Im vergangenen Jahr zogen die Kaczynskis mit der Forderung nach einer „Vierten Republik“ in den Wahlkampf. Aufräumen wollten sie in Polen, radikal, und den Korruptionsskandalen der Transformationsjahre ein Ende setzen. Versprechen, die vor allem bei Wendeverlierern und in der strukturschwachen Provinz ankamen. Lech Jaroslaw gewann die Wahl.

Alte Seilschaften der Staatssicherheit müssten zerschlagen und die Skandale der Vergangenheit aufgedeckt werden, so begründen heute Polens neue Machthaber, Staatspräsident Lech Kaczynski und Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski, die radikalen Säuberungswellen in den Sicherheitsdiensten, Ministerien und der Verwaltung. Das Bemühen, wie zu sozialistischen Zeiten auch Medien und Justiz unter die Kontrolle der Regierung zu bringen, ist auch mit den misstrauischen Charakteren der Brüder zu erklären – sie vertrauen vor allem sich selbst.

WELCHES VERHÄLTNIS HABEN DIE BEIDEN ZUEINANDER?

Schon in Jugendjahren präsentierten sich die Zwillinge ihren Landsleuten als unzertrennliches Brüderpaar. Als Jacek und Placek begeisterten sie in dem Film „Über zwei, die den Mond stahlen“ in ihrer Heimat ein Millionenpublikum. Damals waren sie zwölf Jahre alt. In der Schule hatten sie sich den Spitznamen „die Enteriche“ eingehandelt, wegen ihres Watschelgangs.

Auch ihre politischen Karrieren machten die beiden 1,57 Meter kleinen Brüder im Gleichschritt. Die Marschroute wird dabei bis heute von dem 45 Minuten älteren Jaroslaw vorgegeben. Er ist der Stratege, die Show überlässt er meist seinem jüngeren Bruder. „Jaroslaw ersinnt die politischen Programme und Strategien – und Lech führt sie aus“, so umschreibt das Wochenmagazin „Polityka“ die brüderliche Arbeitsteilung. „Melde gehorsamst: Befehl ausgeführt“, salutierte dann auch Lech nach seinem Triumph bei den Präsidentschaftswahlen vor dem Bruder.

Es war Jaroslaw, der den familiären Durchmarsch an die Spitze Polens von langer Hand vorbereitet hatte. Er überredete vor sechs Jahren seinen Bruder, den vakant gewordenen Posten des Justizministers im Kabinett des schwächelnden Premiers Jerzy Buzek zu übernehmen. Lech wusste sich dann mit markigen Law-and-OrderParolen als Polens Sheriff zu profilieren: Er setzte ein schärferes Strafrecht durch und forderte sogar die Einführung der Todesstrafe. Als das damalige Regierungsbündnis der bürgerlichen Wahlaktion Solidarnosc zerfiel, gründeten die Kaczynskis 2001 ihre eigene Partei – die Partei für Recht und Gerechtigkeit (PiS), ein Sammelbecken für die nationalkatholischen Kräfte. Jaroslaw übernahm den Vorsitz, Bruder Lech gewann wenig später die Bürgermeisterwahlen in Warschau.

Bei den Parlamentswahlen im September 2005 führte Jaroslaw als Spitzenkandidat die PiS zum Wahlsieg. Er verzichtete allerdings auf den Posten des Premierministers, der ihm eigentlich zustand, um die Chancen seines Bruders bei der Präsidentenkür nicht zu gefährden. Denn in Umfragen hatten sich die meisten Polen gegen ein Kaczynski-Doppelpack an der Staatsspitze ausgesprochen. Jaroslaws Plan funktionierte. Sein Bruder Lech gewann die Präsidentenwahl, und er selbst hat es nun auch geschafft: Vor zwei Tagen ist er als Premier vereidigt worden.

Nicht nur das politische Amt, ein Muttermal auf der Wange von Lech und das etwas grauere Haar von Jaroslaw unterscheidet das Zwillingspaar. Im Gegensatz zu seinem verheirateten Bruder lebt Polens Premier in Warschau mit seiner Mutter und seiner Katze zusammen.

DIE KACZYNSKIS BEDIENTEN SICH IM WAHLKAMPF AUCH ANTIDEUTSCHER RESSENTIMENTS. WELCHES DEUTSCHLANDBILD HABEN SIE?

Das Deutschlandbild der Brüder ist noch immer vom Zweiten Weltkrieg geprägt. Aufgewachsen in dem von den Deutschen zerstörten Nachkriegs-Warschau, haben die beiden ihre Vorbehalte gegen das Nachbarland in all den Jahrzehnten regelrecht kultiviert – und das verbergen sie auch nicht. So befürchten sie, dass Deutschland mit dem Bau eines Zentrums gegen Vertreibung von der Täter- in die Opferrolle wechseln könnte und lehnen das Projekt ab. Als Lech Kaczynski noch Oberbürgermeister von Warschau war, ließ er die Kriegsschäden in Polens Hauptstadt auflisten und in Dollar schätzen – um den Eigentumsforderungen der Vertriebenenorganisation Preußische Treuhand mit einer polnischen Gegenrechnung begegnen zu können.

Auch nach Polens EU-Beitritt im Mai 2004 zeigten sich die Kaczynskis gegenüber Deutschland, immerhin dem größten EU-Partner und Förderer Polens, unversöhnlich. Im Wahlkampf nutzten sie antideutsche Parolen, um sich als knallharte Vertreter polnischer Interessen zu profilieren. Mit dem Vorwurf, sein Großvater habe mit den Deutschen kollaboriert, drängten die PiS-Wahlkampfmanager den rechtsliberalen Gegenkandidaten Donald Tusk in die Defensive.

Deutschland besucht haben die Kaczynskis erst sehr spät. Vor 15 Jahren reiste Jaroslaw Kaczynski erstmals nach Deutschland, um den damaligen Kanzler Helmut Kohl zu besuchen. Das Treffen muss ziemlich unglücklich verlaufen sein. Lech Kaczynski, der als Bürgermeister von Warschau alle Einladungen der Partnerstadt Berlin ausgeschlagen hatte, betrat vor drei Monaten erstmals in seinem Leben deutschen Boden. Es soll ihm sogar ganz gut gefallen haben. Doch nach einem satirischen Bericht der „taz“ verlor Lech Kaczynski offenbar die Lust an einem weiteren Besuch. Die Zeitung hatte ihn als „Polens neue Kartoffel“ bezeichnet und sich über seine deutschlandkritische Haltung ausgelassen. Kaczynski kam nicht zum deutsch-französisch-polnischen Gipfeltreffen nach Weimar. Sein Sprecher begründete die Absage mit „gesundheitlicher Unpässlichkeit“.

WIE KÖNNTEN DIE KACZYNSKIS POLEN VERÄNDERN?

Jetzt, wo die Zwillinge die beiden wichtigsten Ämter im Staat besetzen, haben sie alle Möglichkeiten, ihre Vorhaben zu verwirklichen – mit der sozialistischen Vergangenheit abzurechnen und den Rechtsstaat zu stärken. Denn ihre Ansicht ist es, dass der Staat nicht nur den Nachtwächter spielen dürfe. Sie wollen vor allem die so genannte Durchleuchtung von früheren Mitarbeitern der Staatssicherheit ausweiten. Gleichzeitig haben sie sich bemüht, die Schlüsselpositionen im Sicherheitsapparat und der Verwaltung mit ihren Gefolgsleuten zu besetzen. Doch das scheint ihnen, den notorisch Misstrauischen, nicht zu genügen. Das bolschewistisch anmutende Vorgehen bei den „Säuberungswellen“ im Staatsapparat lässt Polens Opposition und Medien um demokratische Prinzipien der Gewaltenteilung und Pressefreiheit bangen.

Außenpolitisch wollen die Brüder die Position Polens in der EU stärken. Doch Kritiker fürchten, dass sich das Land mit dem kompromisslosen Jaroslaw Kaczynski als Premier international weiter isoliern wird. Dadurch könnte Polen als bisher wichtigstes Bindeglied zu den östlichen EU-Anrainern massiv an Bedeutung verlieren.

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