Zeitung Heute : Wer Talent hat, wer nicht

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Woran liegt es, wenn jemand tanzen kann? Und was ist mit dem, der ständig neben den Rhythmus trampelt? Ist Tanzenkönnen Zufall? Genetisch bedingt? Oder einfach Übungssache?

Jeder Mensch ist ein Tänzer. Das sagen die Experten. Denn Musikalität, die Grundvoraussetzung, steckt wie Intelligenz in jedem, sagt Musikwissenschaftler Heiner Gembris. Gembris beschäftigt sich am Institut für Begabungsforschung der Uni Paderborn mit der Wirkung von Musik auf den Menschen – und die ist zunächst mal rein physikalisch.

Wer auf der Tanzfläche steht, der wird bombardiert von Schallreizen. Die erreichen die Nervenzellen im Körper als elektrische Impulse. Aber noch bevor die Impulse in der Großhirnrinde ankommen und bewusst erkannt werden als Klassik, Hiphop, Foxtrott oder Techno, passieren sie eine Reihe vorgeschalteter Nervenzentren. Eines zum Beispiel heißt der „Olivenkomplex“: ein Knubbel von Zellen, wo motorische und akustische Nervenbahnen über Kreuz laufen und interagieren. Hier wird der akustische Reiz mit der Motorik des Menschen zusammengeschaltet – und es entstehen unwillkürliche, unbewusste Bewegungsreaktionen: Der Mensch zuckt. „Interessant dabei ist auch“, sagt Heiner Gembris, „dass der Körper sich ganz von selbst dem Takt der Impulse, also der Musik anpasst.“ Ein Beispiel: Wer morgens zum Frühstücksbrötchen Musik hört, dessen Kaubewegungen werden sich unbewusst dem Musikrhythmus angleichen. „Magneteffekt“ nennen Wissenschaftler das.

Im Grunde befähigt der Körper also jeden Menschen zu rhythmischer Bewegung nach vorgegebenem Takt. Andererseits verlernt der Mensch viel oder zwingt sich sogar dazu. „Zum Beispiel überformt unsere Kultur gewisse Bewegungsreaktionen auf Musik“, sagt Heiner Gembris. „Im klassischen Konzert zum Beispiel wird von uns verlangt, dass wir nicht zappeln, also sitzen wir auf Befehl des Gehirns bewegungslos da.“ Eine andere Ursache späterer Tanzflächenuntauglichkeit: ein Mangel an Förderung, an musikalischer Früherziehung beispielsweise – wer schlecht tanzt, kann also seinen Eltern die Schuld geben. Gembris und seine Kollegen haben festgestellt, dass einige Bereiche des Gehirns „trainierter“ Musiker besser ausgebildet sind. Für Tänzer gibt es zwar noch keine Forschungsergebnisse. Aber: Üben hilft bestimmt. rcf

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