Zeitung Heute : Wer vergessen wird

Marc Hasse

In Altenheimen sterben viele Menschen wegen mangelhafter Versorgung. Was muss passieren, damit pflegebedürftige Senioren angemessen betreut werden?

Nach Aussagen des Sozialverbands Deutschland, ist die Lage dramatisch: 10000 Menschen würden jährlich in Altenheimen wegen mangelhafter Versorgung sterben. Die Zahl beruhe auf einer Hochrechnung der Medizinischen Hochschule Hannover. Die weist die Zahlen zurück: „Es gibt von uns keine Studie.“

Auch wenn diese Zahlen zu hoch sind – Wohltätigkeitsorganisationen mahnen längst an, dass es in Altenheimen Probleme gibt, die zu schlechter Versorgung führen können. „Es gibt einen akuten Mangel an Personal, weil die Zahlungen aus der Pflegeversicherung oft nicht ausreichen“, sagt Olaf Christ von der Arbeiterwohlfahrt (Awo). Deshalb fordere die Awo eine Anhebung der Beiträge zur Sozialversicherung. Die leeren Kassen hätten auch Auswirkungen auf die Qualifikation der Pflegekräfte. Nur die Krankenpflege müsse von examiniertem, also staatlich geprüftem Personal übernommen werden. Andere Arbeiten wie Körperwäsche und Ernährung dürften auch nichtexaminierte Pfleger ausführen. So sparten Heimbetreiber oft. Pfleger ohne fundierte Ausbildung könnten nicht immer erkennen, ob ein Patient zu wenig trinke oder esse.

Die Ernährung pflegebedürftiger älterer Menschen entspreche „vielfach nicht den Erfordernissen“, sagte am Freitag auch Verbraucherministerin Renate Künast. Die große Zahl der Erkrankungen könne aber reduziert werden. „Für Gesundheit bis ins hohe Alter muss die Ernährung kalorienärmer und nährstoffreicher werden.“ Ihr Ministerium habe deshalb die Deutsche Gesellschaft für Ernährung beauftragt, Mitarbeiter von Altenheimen zu beraten, sagte Künast.

Ein weiteres Problem ist die Bürokratie. Diese wächst, weil gleich mehrere Einrichtungen wie Ordnungsamt, kommunale Heimaufsicht oder Medizinischer Dienst für die Kontrolle der Heime zuständig sind. „Die Pfleger haben oft so viel mit der Dokumentation der Pflege zu tun, dass sie sich weniger um die Patienten kümmern können“, sagt Christ.

Awo und Caritas sind sich mit den Grünen darin einig, dass die Stellung von Demenzkranken bei der Pflegeversicherung verbessert werden müsse, weil diese in eine Pflegestufe eingeordnet würden, bei der sie zu wenig Betreuung erhielten. Gerhard Schröder hat dem allerdings einen Riegel vorgeschoben. Eine umfassende Reform der Pflegeversicherung wird es nach Angaben der Grünen-Fraktionschefin Krista Sager nicht geben. „Wir werden in diesem Jahr keine Strukturreform in der Pflege mehr hinbekommen“, sagte Sager gestern bei einem Grünen-Kongress zur Altenpolitik in Berlin. Es solle keine neue Diskussion über Belastungen der Wähler mehr geben. Das „Handelsblatt“ schreibt, Kanzler Schröder schließe eine umfassende Reform für die gesamte Legislaturperiode aus.

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