Zeitung Heute : Wer will schon nach Utopia

Sylke Tempel

Die Kinder sind außer Rand und Band. Der knapp zweijährige Jussuf schlägt seinem Bruder Mohammed ein Spielzeugauto aufs Auge. Der sechsjährige Mohammed heult und schubst Jussuf um, der nun auch laut brüllt. Dann wälzen sie sich über den Teppichboden. Mutter Raida, so jung, dass noch die allerletzten Spuren von Babyspeck in ihrem Gesicht zu sehen sind, zerrt die beiden Jungen an den Armen auseinander und sagt nur: "zu lange eingesperrt". Draußen, auf den vom Regen aufgeweichten Straßen, durften die Kinder lange nicht mehr spielen. Die Schule fällt auch aus, solange israelische Kampfhubschrauber über den Dächern von Gaza-Stadt knattern und das Wummern der Einschläge die Fensterscheiben zittern lässt.

In Gaza herrscht Krieg, und Azmi Keshawi und seine Familie sitzen zwischen vielen Kampflinien. Vor ein paar Jahren zogen sie in das "Nobelviertel" Remal. Die Wohnung war geräumig und doch bezahlbar. Die Adresse machte sich gut auf den Visitenkarten und lag günstig für Keshawi, der als Kameramann für einen französischen Sender arbeitet. In der Nähe hatten Jassir Arafat, viele der palästinensischen Ministerien und eine Polizeiunterkunft ihre Quartiere bezogen. Im Erdgeschoss seines Hauses unterhielt die fundamentalistische Hamas ein Büro.

Vor ein paar Nächten kamen palästinensische Polizisten, wie in einem Action-Thriller mit schwarzen Masken vor den Gesichtern, und versiegelten die Räume. Aber Keshawi hat immer noch Angst, dass die Israelis dennoch das Büro der Hamas bombardieren. Oder dass es vor seinem Haus zu Protestdemonstrationen gegen die Schließung kommen und die Palästinenser-Polizei dann in die Masse schießen könnte. Oder dass eines Tages eine Rakete gegen eine der palästinensischen Polizeiunterkünfte ihr Ziel verfehlt und in seinem Haus einschlägt.

In Gaza gibt es viele Möglichkeiten, getötet zu werden, ohne wirklich jemandes Feind zu sein. Azmi Keshawi ist religös und hat ein Herz für die Islamisten von der Hamas. Deren Selbstmordattentate hielt er für eine Art "Reinigungsritual" gegen aufgestaute Frustrationen. "Das Leben hier ist nicht auszuhalten, irgendetwas müssen wir doch machen", hieß sein Standardspruch. Den Einwand, dass die "Märtyrer" der Hamas auch in friedlicheren Zeiten zuschlugen, um den Friedensprozess zu behindern, ließ er nicht gelten.

Seit kurzem aber führt er einen Kampf mit sich selbst. Zum ersten Mal fiel es ihm ein, einen der spirituellen Führer der Hamas zu fragen, wie der denn Arbeitsplätze für die vielen Jugendlichen in Gaza schaffen wollte, wenn Hamas eines Tages die Macht übernähme. Der guckte ihn vorwurfsvoll an, sagte, dass Hamas erst den gesamten Nahen Osten von westlichen Einflüssen befreien müsste. Dass dann alle Araber in einer großen, gerechten, islamischen Demokratie lebten und die Palästinenser auch von den Ressourcen der Brüder in Saudi-Arabien und den Golfstaaten profitieren würden. "Weder weiß ich, ob ich oder sogar meine Kinder das noch erleben, noch ob ich das erleben will", sagt Keshawi fassungslos.

Für den Moment wünscht er sich nur noch eines: Eine Führung von Technokraten, die keinen Whiskey saufen und Geld verprassen wie die Leute um Arafat. Und nicht von einem islamischen Utopia träumen. Sondern einfach nur ordentliche Schulen organisieren. Und dass man die Kinder bald wieder auf die Strasse schicken kann.

Im Wohnzimmer der Universitätsdozentin R., im bourgeoisen West-Jerusalemer Viertel Rehavia, treffen sich regelmäßig israelische und palästinensische Intellektuelle zum Gedankenaustausch. Leider können manchmal nur die Freunde aus dem arabischen Ost-Jerusalem kommen. Palästinenser aus den Westbank-Städten Ramallah oder Bethlehem fehlen oft. Weil ihre Stadt gerade unter Beschuss liegt oder von israelischen Panzern eingekreist ist. Oder weil sie keine Ausreise-Erlaubnis von den israelischen Behörden bekommen. Manche sind es leid, Stunden an den Checkpoints zu warten, sich von jungen Soldaten von oben herab behandeln zu lassen und dann zu sehen, wie Siedler grinsend und hupend an der wartenden Autoschlange vorbeifahren und von den Soldaten einfach durchgewinkt werden.

"Schrecklich, schrecklich", sagen dann die Israelis in der Gesprächsrunde betroffen, wenn sich doch einer durchgeschlagen hat. Die Erzähler der zahlreichen "Checkpoint-Geschichten" lachen die Demütigungen bitter weg. Man spricht nicht nur im Wohnzimmer der Dozentin. Man verfasst auch Resolutionen. Bassam Eid, Gründer einer palästinensischen Menschenrechtsorganisation, will einen Aufruf veröffentlichen, in dem er die "Vision eines palästinensischen Staates, Seite an Seite mit Israel" vertritt, einen "Waffenstillstand von sechs Tagen und die Wiederaufnahme der Verhandlungen".

"Man muss doch einer Eskalation vorbeugen", stimmen die Gäste der Dozentin überein. "Wir wollen nicht, dass diese Intifada zu einem richtigen Krieg ausartet." Als herrsche nicht schon längst Krieg. Im Salon der Dozentin ist man fast stolz, dass die wichtige Angelegenheit des Friedens wieder in der Hand der Intellektuellen ist. Beständig werden jetzt Gemeinschaftsresolutionen von israelischen und palästinenischen Intellktuellen verfasst, sagen die Anwesenden stolz. Niemand redet darüber, dass Teile der israelischen Linken vor knapp einem Jahr zu einem Boykott der Wahlen aufriefen und so zum Sieg des Hardliners Ariel Scharon beitrugen. Oder dass es hilfreich gewesen wäre, wenn palästinensische Intellektuelle gleich zu Beginn der Intifada vor 15 Monaten laut und deutlich verkündet hätten, was sie jetzt verkünden: dass Gewalt kein Weg ist, einen Staat zu erringen. Und dass die Extremisten, die Arafat so frei agieren ließ, der palästinensischen Sache mehr schaden als nützen.

"Warum müssen immer noch Menschen sterben, nur weil irgendwelche Idioten in Siedlungen der Westbank leben wollen", fragt Robert Rosenberg wütend. Rosenberg wäre der Traum des Zionismus-Erfinders Theodor Herzl. Er will einen "normalen Staat", der sich nicht dauernd in einer Ausnahmesituation befindet. Er ist als Software-Entwickler Teil der erfolgreichen israelischen Hightech-Community, die es geschafft hat, Israel, ein Land ohne nennenswerte natürliche Ressourcen, wirtschaftlich ziemlich weit nach vorne zu bringen. Etwa eine Viertel Million Mark zahlen die nur etwas über 100 000 Beschäftigten und Unternehmer der Hightech-Industrie jährlich pro Kopf an Steuern. Hightech hat Israel unerpressbar gemacht, denn selbst wenn arabische Staaten heute zum wirtschaftlichen Boykott aufriefen, um Israel zu Zugeständnissen zu zwingen, bliebe das erfolglos. "Kein arabischer Staat", sagt Rosenberg, "kann wie wir Microchips anbieten."

Mit der Angst, dass in Israel jeder zur falschen Zeit an einem falschen Ort sein und von einem Sebstmordattentäter in den Tod gerissen werden kann, lernt man zu leben. Zumindest solange man die Nähe des Krieges manchmal nicht spürt. Zum Beispiel in Rosenbergs Stammcafé auf der hippen Sheinkin-Strasse, wo die für den Abend aufgeputzte Tel Aviver Jugend flaniert. Als gäbe es nur ein paar Kilometer entfernt keine Panzer und Raketen. "Komisch", sinniert Rosenberg, "wir zahlen mit unseren Steuern die Siedlungen und die Armee, die sie beschützen muss. Warum lassen wir das immer noch zu?"

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