Zeitung Heute : Wer zahlt, kauft sich nicht frei

MALTE LEHMING

Man staunt und stutzt.Ausgerechnet jene Regierung, bei der nichts mehr zu laufen scheint, die sich nach Meinung von Kritikern permanent in den Fallstricken ihrer eigenen Reformpläne verheddert und bereits nach hundert Tagen erschöpft wirkt, ausgerechnet diese Regierung steht offenbar vor einem beachtlichen Verhandlungserfolg.Es geht um die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern durch die deutsche Wirtschaft.Das ist ein brisantes Problem.Helmut Kohl und die Seinen mieden das Thema, vielleicht wollten sie es auch aussitzen.Nicht so Gerhard Schröder.Und das überrascht.Die burschikose Ungeschicklichkeit, mit der Teile seiner Partei etwa in die Diskussion über das Holocaust-Mahnmal eingriffen, ließ eher auf neue Unbedarftheiten schließen als auf neue Sensibilitäten.

Die Moral freilich ist in diesem Fall, wenn überhaupt, nur eines von vielen Motiven.Im Vordergrund stehen andere Faktoren.Da ist die expandierende deutsche Wirtschaft, die um ihren internationalen Ruf bangt, da sind jüdische Organisationen in den Vereinigten Staaten, die erheblichen Druck ausüben, und da ist das warnende Beispiel der Schweiz, die ein Entschädigungs-Abkommen so lange hinauszögerte, bis das Ansehen des Landes fast vollständig ramponiert war.Wenn Deutschland, wie Schröder stets betont, wirklich "fitgemacht" werden soll für die Zukunft, müssen Politik und Wirtschaft schon aus ganz pragmatischen Gründen die historische Gerechtigkeit zu ihrer Angelegenheit machen.

Das mag profan klingen.Das mag mit Begriffen wie "späte Einsicht" oder "späte Reue" verächtlich gemacht werden.Das mag sogar in den Verdacht geraten, lediglich eine Altlast entsorgen zu wollen, um anschließend um so befreiter, um so selbstbewußter auftreten zu können.Die Schlußzahlung als Schlußstrich gewissermaßen, als Beseitigung der letzten Hürde, die der ersehnten Unbefangenheit noch im Wege steht.Was aber wäre die Alternative? Besser nie als spät? Das kann nicht sein.Kein hehres Räsonnement sollte verdecken, daß für die Opfer allein das Ergebnis zählt, möglichst bald entschädigt zu werden.

Auch in einer zweiten Hinsicht bedeutet die sich abzeichnende Einigung eine Zäsur.Sie markiert den Beginn einer anderen, im positiven Sinne unpolitischeren Art, sich mit der NS-Vergangenheit zu befassen.In der Tat war der Diskurs darüber lange Zeit stark von Interessen und Ideologien geprägt.Die aber hatten mit der Vergangenheit oft weniger zu tun als mit der Gegenwart.Pazifisten beriefen sich auf das, wofür die Metapher "Auschwitz" gebraucht wird, ebenso gern wie Gegner der Wiedervereinigung.Das hat der Sache, um die es ihnen jeweils ging, geschadet.Das Thema Entschädigung ist nun das letzte große praktische Problem, das aus der NS-Vergangenheit stammt und mit dem die deutsche Gesellschaft konfrontiert ist.Mit seiner Lösung wird die Gefahr der Instrumentalisierung geringer.Als "Moralkeule", wie Martin Walser es formulierte, eignen sich die Hinweise auf die Verbrechen der Deutschen bald nicht mehr.

Einen Schlußstrich bedeuten die Schlußzahlungen allerdings nicht.Der Diskurs über die NS-Vergangenheit wird durch sie zwar entgiftet, aber er wird nicht beendet.Das muß auch die Schröder-Regierung wissen.Mit den Summen, die aus der Schuld entstanden sind und die nun an die Opfer gezahlt werden, kommt Deutschland einer Pflicht nach.Von seiner Verantwortung kann sich das Land nicht freikaufen.Man staunt und stutzt: Die Debatte über das Holocaust-Mahnmal dauert schon ein Jahrzehnt.Sollte die neue Regierung nicht bloß Interessen im Sinn haben, sondern auch moralisch empfinden, könnte selbst diese Debatte zu einem Ergebnis führen.

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