Zeitung Heute : Werber für Bremen

Jetzt sind sogar die Zebrastreifen grün-weiß – nicht nur die Stadt feiert die Fußballer

Frank Hellmann

Als die Chartermaschine der Ostfriesischen Lufttransporte nach einer Ehrenrunde über dem Bremer Flughafen um 21 Uhr 31 auf dem Rollfeld aufsetzt und sich in Richtung der 15000 Anhänger schiebt, staunt die Masse. Denn plötzlich geht die Klappe des Cockpits auf, ein kahler Schädel streckt sich heraus, in der einen Hand die Werder-Fahne, in der anderen die Videokamera. Thomas Schaaf, 43, notorisch unaufgeregter Trainer und so etwas wie das Synonym für bremische Bodenständigkeit, erscheint. Der Mann ist fassungslos vor Glück. Kurze Zeit später wird der Trainer des Deutschen Meisters Werder Bremen vom Bürgermeister, dem Zwei-Meter-Mann Henning Scherf, in die Arme geschlossen.

Die Bürger des kleinsten Bundeslandes sind seit diesem Samstagnachmittag außer Rand und Band. Und es wirkt, als feiere ganz Deutschland mit. Wellen der Sympathie erreichen die Stadt an der Weser. Die nicht enden wollende Spontanparty ist nur der Auftakt eines Feier-Marathons: Nächsten Samstag wird nach dem Heimspiel gegen Bayer Leverkusen die Meisterschale übergeben, Sonntag die Mannschaft mit einem Autokorso durch die Stadt fahren und sich auf dem Marktplatz feiern lassen. Und für den 30. Mai, den Tag nach dem DFB-Pokalfinale, ist das Rathaus bereits wieder gebucht.

Der vierte Titel stellt alles in den Schatten, was Bremen in Sachen Fußball erlebt hat. Das kann man gut verstehen, denn Bremens Selbstwertgefühl im Allgemeinen und das von Werder im Besonderen haben in der Vergangenheit arg gelitten. „Wir waren den Großen der Liga meilenweit hinterher“, sagt Jürgen L. Born, ehrenamtlicher Vorstandschef der Werder Bremen GmbH & CO KgaA, noch auf dem Rasen des Münchner Olympiastadions mit einem Plastikbecher Sekt in der Hand. Irgendwie hatte der Klub in der Post-Rehhagel-Ära Mitte der 90er den Anschluss verpasst. Abstiegskampf, Mittelmaß, Tristesse. „Alle Erfolge der Vergangenheit waren verblasst“, sagt Mediendirektor Tino Polster, „und Werder im graumelierten Bereich angekommen.“

Und jetzt? Zebrastreifen, Dächer und Leuchttürme werden grün-weiß angemalt, Balkons und Vorgärten in den Vereinsfarben bepflanzt, die Friseure rasieren für zwei Euro die Vereinsraute ins Haar. Millionen Deutsche gucken jetzt auf diese Stadt. Die Zahl der bekennenden Werder-Anhänger steigt täglich. Vor nicht einmal zwei Jahren hatte der Verein 2900 Mitglieder, jetzt sind es mehr als 13000, Tendenz steigend. Die Kampagne „Ich will Dich!“, bei der Thomas Schaaf, Johan Micoud oder Frank Baumann von riesigen Plakaten mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den Betrachter deuten, zeigt Wirkung. Statt 12000 Trikots im Jahr 1993 verkauft der Klub jetzt die dreifache Anzahl. In einer Zeit, in der Traditionsunternehmen wie die Kultbrauerei Beck’s an belgische Besitzer veräußert sind, Werften um ihre Zukunft bangen und die Hafenwirtschaft schwächelt, ist der Fußballklub jetzt die einzig verlässliche Konstante der Stadt.

Das tut einem Standort und einem Stadion gut, dass direkt am Fluss liegt und bei Vollauslastung und schlechtem Wetter so schwierig zu erreichen ist, dass sich Franz Beckenbauer im vergangenen Jahr nasse Füße holte und vor der Kamera lauthals beschwerte. Das ist ein Grund, warum die Organisatoren der WM 2006 um das Weserstadion einen Bogen machen; dahinter wittert der Ex-Präsident Franz Böhmert, ob der Nichtbeachtung verbittert, eine Art bayerische Verschwörung.

Diese Sichtweise rührt noch aus den Zeiten des Willi Lemke, der den Titelkampf als Klassenkampf verstand. Nord gegen Süd, Arm gegen Reich, Werder gegen Bayern. Das war schon damals Politik, heute ist der SPD-Mann Bremer Bildungssenator. Passt ja auch zu einer Stadt, die sich ewig rechtfertigen muss, ein eigenständiges Bundesland zu sein und ein milliardenschweres Defizit mit sich herumschleppt. 14 Prozent Arbeitslose und häufig schlechtes Wetter – da sehnen die Bremer sich nach etwas Vorzeigbarem. So etwas wie Werder im Mai 2004. Klein, bescheiden und gar nicht so unterkühlt, wie es den Norddeutschen nachgesagt wird.

Noch heute ist der Etat von Werder Bremen mit 32 Millionen Euro nur halb so groß wie der des FC Bayern (60 Millionen). Thomas Schaaf und Klaus Allofs, beide im Umbruchjahr 1999 in die Verantwortung genommen, haben den Verein zu dem gemacht, was er heute ist. Allofs, ein Rheinländer, der in Düsseldorf, Köln, Marseille, Bremen und Bordeaux gespielt hat, der gerne Rotwein trinkt, Golf spielt und bis vor kurzem ein Rennpferd besaß, verleiht dem Champion ein wenig Extravaganz. Nur ihm, dem selbstbewussten Pokerspieler, ist es zu verdanken, dass ein Genius wie Johan Micoud das Werder-Trikot trägt. Allofs fuhr im vergangenen Sommer persönlich nach Straßburg, um Valérien Ismael zum Wechsel an die Weser zu überzeugen. Heute sind die beiden Franzosen das Herz (Ismael) und das Hirn (Micoud) dieser Mannschaft.

Die Vorzeigefigur des Vereins ist aber Trainer Thomas Schaaf. Seit 31 Jahren ist er bei Werder. Keinen Strauch, keinen Stein, den er nicht kennt auf dem stetig erweiterten Areal am Osterdeich. Schaaf hat alle Stationen durchlaufen: Knirps, Jugendspieler, A-Junior, Amateur, Profi, Amateurtrainer, seit Mai 1999 Cheftrainer Fußball-Bundesliga. Damals haben viele noch gezweifelt, ob er die richtige Wahl ist.

Es dauerte, bis Schaaf sich durchgesetzt hat. In Sachen Menschenführung hat ihn Otto Rehhagel geprägt, der mit der gelebten Bremer Gemeinschaft zum Erfolgstrainer wurde. „Die Zeiten sind anders“, sagt Schaaf. Aber: Genau wie der Vorgänger ist er sich nicht zu schade, mit Co-Trainer Karl-Heinz Kamp, der schon unter Rehhagel im Amt war, Hütchen einzusammeln, Leibchen zu verteilen, den Rasen festzutreten.

In der Selbstcharakteristik sagt dieser Mann von sich: „Ich eigne mich eigentlich als Werbepartner für nichts.“ Stimmt nicht. Seine zum Kult erkorene graue Kapuzenjacke ist seit Wochen im Fanshop ausverkauft – der von Rehhagel bevorzugte bunte Ballonseidenanzug ist niemals vermarktet worden, obwohl er einst seinen Kopf auch aus dem Cockpit steckte und die Fahne schwenkte.

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