Zeitung Heute : Werbetrommeln für deutschtürkisches Magazin zu leise gerührt

Jeannette Goddar

"Etap?" Der junge Türke im Kiosk an der Kreuzberger Oranienstraße guckt verblüfft. "Was soll das sein?" Erst auf mehrfaches Nachfragen hin erinnert er sich dunkel: "Ach ja, dieses deutsche Heft für Türken, da hat der Chef mal von erzählt. Aber ob das jemand kauft, keine Ahnung." Immerhin: Nach intensiver Suche findet er in dem kleinen Laden noch Exemplare des Monatsmagazins für "Deutschtürkisches Leben".

Die Mai-Ausgabe wurde nie produziert. Ende April, erklärt "etap"-Chefredakteur Ozan Sinan, habe der Hauptgeldgeber, der Hannoveraner Verlag Grütter, die Investitionen auf Eis gelegt. Ursprünglich hatte es geheißen, zumindest bis zum Herbst reiche das Geld. Der Versuch, ein Hochglanzmagazin für die zweite und dritte Generation türkischer Einwanderer in Deutschland zu produzieren, scheiterte kläglich: Obwohl "etap" bis Dezember 1999 drei Monate lang kostenlos an 230.000 türkische Haushalte verschickt worden war, stand die Kreuzberger Redaktion am Ende mit nur 1600 Abonnements da. Und auch am Kiosk konnte das Blatt sich nicht durchsetzen: Gerade einmal 12.000 bis 13.000 Exemplare wurden monatlich verkauft. Die kalkulierte Mindestauflage lag bei 40.000.

Für Chefredakteur Sinan hängt das Scheitern mit dem umkämpften Zeitschriftenmarkt und dem niedrigen Werbeetat zusammen: "Wofür große Verlage 30 Millionen haben, hatten wir gerade einmal drei", sagt Sinan, "damit kommt man offenbar nicht einmal mehr an die Kioske." Ernüchtert habe man feststellen müssen, dass von den 150 000 an den Handel gelieferten Exemplaren geschätzte 100 000 nie in die Regalen gekommen seien. "Das ist ein echtes K.O.-Kriterium", sagt Sinan.

Auch der Geschäftsführer des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg, Kenan Kolat, hält es nicht für ausgeschlossen, dass die Werbestrategie der "etap"-Macher versagt hat. "In der türkischen Community ist das Blatt kaum bekannt geworden", so Kolat, auch habe er Kampagnen in den einschlägigen türkischen Publikationen vermisst. Fraglich sei zudem, ob die angepeilte Leserschaft für die regelmäßige Lektüre eines Magazins zu gewinnen seien: "Viele informieren sich eher über das Internet" so Kolat. Darauf setzen jetzt auch die verbliebenen Redaktionsmitglieder: Seit Anfang Mai wird an einem - weniger aufwändigen - Online-Konzept gebastelt.

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