Zeitung Heute : Werbung in eigener Sache

Wer sich bewirbt, tritt meist gegen Hunderte an. Originalität ist gut – aber Perfektion ist besser

Stefan Jacobs

„Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

hiermit bemühe ich mich um Ihre Aufmerksamkeit für den folgenden Text.“

So könnte jeder Artikel beginnen. Nur würde dann niemand mehr Zeitung lesen.

Ähnlich geht es Personalchefs, die täglich Dutzende Bewerbungsschreiben bekommen. Fast alle beginnen mit dem Satz „Hiermit bewerbe ich mich um die von Ihnen ausgeschriebene Stelle“. Wer Pech hat, ist damit schon vor dem Start aus dem Rennen. Also muss die Bewerbung auffallen – entweder durch Perfektion oder durch Originalität.

Perfektion beginnt mit der namentlichen Anrede des Adressaten, der in der Anzeige genannt ist oder telefonisch erfragt werden sollte. Ein Dr. fühlt sich gleich besser, wenn sein Titel genannt wird. Es folgt ein Satz, der die Idealbesetzung für die Stelle verspricht: „Sie suchen eine(n) ...“ – und dann ein Bezug zur Anzeige, der diese nicht unbedingt wörtlich referiert. Der zweite Satz belegt möglichst den ersten. Wenn Führungskompetenz gefragt ist, macht sich der Hinweis auf die bisher geleitete Abteilung gut, bei Teamfähigkeit der auf gemeinsame Projekte. Überhaupt ist der kleinste Beleg mehr wert als der größte Wortballon: „hohe Flexibilität“ wird durch einen Verweis auf Auslandsaufenthalte deutlicher. Dass die Motivation zur Bewerbung auf genau diese Stelle klar werden muss, ist zwar bekannt, bleibt aber ein Standardproblem. Schreibfehler, fehlende Rückrufnummern und lückenhafte Unterlagen ergänzen die Minus-Liste.

Für Selbstkritik und Zagen („Ich glaube, dass ich Ihre Anforderungen erfülle...“) ist im Anschreiben kein Platz. Aber auch wer den Mund zu voll nimmt, wird spätestens im Bewerbungsgespräch enttarnt. Der Tonfall sollte weder einem Brief vom Finanzamt noch einer ironiegetränkten Mail im Freundeskreis ähneln, sondern neutral-freundlich klingen. Wer schreibt, dass er 36 ist und sich wie 28 fühlt, amüsiert zwar die Personalabteilungen – aber nicht auf die gewünschte Weise, wie die Personalerin eines Chemieunternehmens sagt. Ihr Trost: Das Anschreiben werde zunächst nur überflogen; der Lebenslauf interessiere mehr.

Er folgt auf das einseitige Anschreiben, ist maximal zwei Seiten lang, lückenlos ab dem Schulabschluss, meist chronologisch und mit Datum und Unterschrift versehen. Arbeitslosigkeit muss kein Makel sein, wenn ein Wille zur Fortbildung erkennbar ist. Ein Wort zu Hobbys kann neugierig machen, sofern sich nicht gerade ein passionierter Jäger beim Tierschutzverein bewirbt. Gerade bei Jugendlichen lasse auch ein Mannschaftssport auf Aktivität und Teamgeist schließen, sagt Hildegard Lange, die das Berufsinformationszentrum der Arbeitsagentur Berlin- Mitte leitet. Sie rät, auch Ehrenämter zu erwähnen, weil soziales Engagement die Personaler zunehmend interessiere.

Ein Foto gehört entweder auf den Lebenslauf oder auf ein Deckblatt, das zunehmend in Mode kommt und als Titel in die Unterlagen (das Anschreiben liegt extra) kommt. Das Foto kann neuerdings etwas größer sein als ein Passbild; sowohl Farbe als auch Schwarz-Weiß sind in Ordnung, wenn es professionell aussieht und die Kleidung zum künftigen Beruf passt.

Schließlich folgen Kopien aller relevanten Zeugnisse (ab Schulabschluss), eventuell Belege über Zusatzqualifikationen sowie Arbeitsproben. Alles sollte in einer schlanken Mappe verpackt (manchmal ist nur eine zweiseitig offene Klarsichthülle gewünscht) und leicht herausnehmbar sein. „Es nervt, wenn man jede Seite zum Kopieren erst aus einer Folie popeln muss“, sagt eine Personalfrau. Bei BASF empfiehlt man, bei der Auswahl der Referenzen „nicht durch Fülle, sondern durch Qualität zu beeindrucken“.

Papier bleibt die richtige Wahl, sofern keine Online-Bewerbung gewünscht oder vereinbart worden ist. Eine beigelegte CD mit denselben Informationen wie in der Mappe löst beim Adressaten eher Chaos als Begeisterung aus. Im Zweifel sollte man sich auch dafür nicht vor einem Anruf scheuen, damit die Bewerbung ein Volltreffer wird.

Wer partout nicht nur eine solide, sondern eine einmalige Bewerbung kreieren will, sollte seine Ideen vorher im Bekanntenkreis testen. So begeisterte ein Bauleiter, der je ein Foto im Anzug und im Blaumann schickte, sowohl Berater als auch einen Arbeitgeber. Und ein Jugendlicher, der trotz schlechter Noten Werbekaufmann werden wollte, klebte einen Stadtplan auf den Umschlag und zeichnete den Weg von seiner Wohnung zum Wunsch-Arbeitgeber ein. Das überzeugte nicht nur die Berufsberater in der Agentur, sondern auch den Adressaten.

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