Zeitung Heute : Werbung und neue Medien: Frau ist im Bild

Helga Ballauf

Erst wenige Frauen sitzen in der ersten Reihe: Weder ARD und ZDF noch Zeitungen und Zeitschriften verfügen über viele weibliche Chefs. Doch die Journalistinnen sind im Kommen. Sie starten in der Regel mit einer besseren Ausbildung als ihre männlichen Kollegen. Wenn sie dennoch schlechtere Karrierechancen haben, hängt das vor allem mit dem Allzeit-bereit-Anspruch der Branche zusammen, denn Familie und Beruf lassen sich im Journalismus besonders schwer vereinbaren. In Hörfunk und Fernsehen spielen Frauen eine stärkere Rolle als bei Zeitungen. Die privaten Sender haben die öffentlich-rechtliche Konkurrenz in Zugzwang gebracht. Der private Rundfunk meldete Ende vergangenen Jahres, dass jede vierte Leitungsfunktion in weiblicher Hand liege, beim ZDF sind knapp 20 Prozent der Chefs Frauen. Aber immerhin: In den Zeitschriften sind Journalistinnen gut vertreten.

Die Ursachen dafür liegen auf der Hand: Es existiert nicht nur eine große Zahl spezieller Frauenmagazine, bei denen Männer eher nicht so gerne arbeiten. Außerdem gelten auch "bunte" und "weiche" Themen - wie Unterhaltung, Ratgeber / Service, Soziales / Familie - eher als weibliche Domäne. Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Sport dagegen sind männerdominierte Ressorts. So weist etwa das Spiegel-Impressum in den Ressorts Wirtschaft und Sport keine einzige Redakteurin aus. Der Untersuchungsansatz von zwei neuen Studien über "Frauen in den Medien" geht einen Schritt weiter als die reine Beschäftigungsstatistik. Erhoben wird die Frage, wie weibliche Präsenz auf dem Bildschirm und in den Blättern gesellschaftliche Rollenmuster beeinflusst. Es geht also nicht allein um die Programmmacherinnen.

Für das "Global Media Monitoring Project" wurde am 1. Februar 2000 in 70 Ländern gezählt: Wie oft wird in den Medien über Frauen berichtet? Wie viele Journalistinnen erscheinen? In Deutschland werteten die Testerinnen im Auftrag des Journalistinnenbunds 37 Zeitungen, etwa neun Stunden Fernseh- und drei Stunden Hörfunknachrichten aus. Ergebnis: Immer mehr Journalistinnen treten in Hörfunk und Fernsehen auf (Anteil: 40 bis 45 Prozent), den Nachrichtenteil der Zeitungen gestalten nach wie vor nur wenige (26 Prozent) mit.

Ein weltweiter Trend, der mit einem zweiten korrespondiert: Die zunehmende Zahl von Programmmacherinnen führt nicht dazu, dass öfter über Frauen berichtet wird. Am Stichtag kam auf sieben zitierte Männer aus Wirtschaft, Politik, Sport und Kultur nur eine einflussreiche Frau. An der Vergleichsstudie "Screening Gender: Who speaks in television?" über das Auftreten von Männern und Frauen im Fernsehen beteiligten sich in den Jahren 1997 - 98 Sender aus Schweden, Finnland, Norwegen, den Niederlanden, Dänemark und Deutschland (ZDF). Es ging sowohl um Berichterstatter / innen und Programmverantwortliche, als auch um Befragte und Porträtierte. Ergebnisse: Am seltensten tauchen Frauen im Sport, am häufigsten in Kindersendungen auf. Wenn Frauen eine Rolle spielen, dann eher die eines Opfers oder einer zufällig befragten Passantin als die einer ausgewiesenen Expertin. Jüngere Frauen sind häufiger zu sehen als ältere.

Entscheidend ist die Erkenntnis der Studie, dass das Zählen von Frauen- und Männerköpfen auf dem Bildschirm allein nicht weit führt. Eine Bewertung ist nötig: In welchem Kontext tauchen männliche oder weibliche Sichtweisen auf? Wieviel Zeit haben die Protagonisten/innen? Mit welcher Autorität sind sie ausgestattet? Der Nachweis, dass sich im Programm etwas ändert, wenn der Frauenanteil steigt, ist schwer zu führen.

"Das ist alles hypothetisch," glaubt die Gleichstellungsbeauftragte des ZDF, Lisa Kahmann. "Wichtig ist, ob Themen wie Geschlechterrollen und gesellschaftliche Gleichberechtigung überhaupt behandelt werden. Dafür müssen Redakteure und Redakteurinnen sensibilisiert werden." Kahmann tut das auf ihre ganz individuelle Art und Weise: Sie regt bei den so genannten "Stufenplanungsgesprächen" im Sender an, welche Frau für eine in absehbarer Zeit freiwerdende Führungsposition qualifiziert werden sollte. Ein wichtiger Schritt, glaubt Margret Lünenborg, Journalistikdozentin in Leipzig: "Langsam setzt sich auch im Journalismus die Erkenntnis durch, dass Chefsein gelernt werden muss. Und das hilft Frauen, die an die Macht wollen."

Außerdem sollten Aufstiegswege transparenter und planbarer werden, regt die Dozentin an. Mehr Redaktionsleiterinnen und Hörfunkdirektorinnen allein verändern die Berichterstattung nicht, sagt Lünenborg: "Wir brauchen beides: Brillante Reporterinnen, die einen differenzierten Blick auf die Gesellschaft werfen, und Frauen, die neugierig auf eine Führungsfunktion sind."

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