Zeitung Heute : Werbung und neue Medien: Im Netzwerk-Rausch

Regina-C. Henkel

600 geladene Gäste aus der Medien- und Kommunikationsbranche feierten Ende März im Lindencorso ihre erste "Berlin Lounge". Das Get-together, so ließ das "medien-netzwerk-berlin" bereits im Vorfeld wissen, sei als Informationsplattform für Kreative, Entscheider und den Nachwuchs aus PR, Werbung, Event, TV, Print, Radio und Film zu verstehen, die sich "vom Gros weiterer Initiativen unterscheidet". Aber genau das wird schwierig werden. Initiativen rund um die Modebranchen Werbung und Neue Medien gibt es in Berlin bereits in Fülle. Die lange Liste beginnt bei Adressen, die unter www.datango.de/siliconcity/html über www.i-m-n.de bis hin zu www.enef.org im Web zu finden sind. Gleichwohl werden weitere Netzwerke ganz offensichtlich um die Wette gegründet. Drei Tage vor dem Event im Lindencorso beispielsweise hatte sich so gut wie alles, was derzeit am Medienstandort Berlin-Brandenburg Rang und Namen hat, im Turm der Oberbaum City versammelt. Medienbeauftragter Bernd Schiphorst präsentierte vor mehr als 400 Gästen das Netzwerk "newmedia.net berlinbrandenburg" ( www.medienbuero-berlinbrandenburg.de ). Das Bündnis sei als "zentraler Knotenpunkt für Wissen, Erfahrungen und Kontakte in der digitalen Medienbranche und eine erste Adresse in Sachen Medienstandort" zu verstehen. Zielgruppe: Verlage, Musikfirmen, TV, Telekommunikation, also Unternehmen von klein (dooyoo, datango, brainbox) bis groß (Pixelpark, Axel Springer, Scholz & Friends, Publicis). Der Verein will "die" Brücken zwischen Old- und New Economy, Politik und Wirtschaft schlagen.

Ob "medien-netzwerk-berlin" oder "newmedia.net berlinbrandenburg": Beide neuen Initiativen nehmen für sich in Anspruch, erste Lobby-Adresse eines boomenden Wirtschafts- und Arbeitsmarktsektors zu sein - oder durch noch exklusivere Namen auf immer länger werdenden Mitgliederlisten zu werden. Die Auswahl der "Locations" für künftig regelmäßige Events soll dafür sorgen, dass das Interesse an den Netzwerktreffen nicht nachlässt: "Wir wollen immer einen Blick über die Dächer der Stadt haben", sagt newmedia.net-Vorstandsmitglied Stephan Balzer und erklärt: "Die Idee dahinter heißt Horizonterweiterung".

Dass dies auch inhaltlich verstanden werden soll, deuten die Weiterbildungsangebote an. Vorgestern war im Ludwig Erhard Haus in der Fasanenstraße die "Auftaktveranstaltung der Reihe New Media - New Management". Thema: Kundenorientierung - auch im Nachfragemarkt überlebensnotwendig? Referentin: Daniela von Heyl, Managerin bei Frogdesign. Kosten: 80 Mark. Der newmedia.net"-Jahresbeitrag von 1500 Euro für Unternehmensmitglieder reduziert den Preis auf die Hälfte.

Gut angelegtes Geld, vor allem aber gut angelegte Zeit, denn Wissensauffrischung und -erweiterung, Gedankenaustausch und Leute-Treffen sind in den Boombranchen Werbung und New Media unverzichtbar. Die handwerklichen Anforderungen wachsen täglich. IT-Know-how, Multimedia-Wissen und betriebswirtschaftliches Können sind die eine Seite, im zunehmenden Wettbewerb seinen Bekanntheitsstatus zu halten, ist die andere. Wer keinen Draht zur Presse, Rundfunk und Fernsehen aufbauen und halten kann, steht bald auf ebenso verlorenem Posten. Genauso geht es allen ohne vertrauensvolles Verhältnis zu Geldhäusern, Politikern und anderen Entscheidern.

Keine Frage: Zur Beteiligung an den sich formierenden Netzwerken gibt es keine Alternative. In der Old Economy sind sie gang und gäbe, die Berliner IT- und Medienbranche braucht sie dringend, um den erfolgreichen Kurs der vergangenen Jahre fortzusetzen. Mit durchschnittlich acht Prozent Wachstum per anno, freut sich Medienbeauftragter Schiphorst, liegt sie bereits seit Jahren über dem Bundesdurchschnitt. "Atemberaubend dynamisch" nennt er vor allem Internet und Multimedia. Nach Zählungen der IHK Berlin wuchs dieser Sektor seit Anfang des Jahres 2000 von 440 auf 850 Unternehmen mit etwa 10 000 Mitarbeitern.

Dass mittlerweile zahlreiche Berliner Internet-Startups auch Kündigungen zu schreiben gelernt haben, spielt bei Kick-Off-Veranstaltungen nur selten eine Rolle. Bei denen der beiden neuen Berliner Netzwerken mit dem Anspruch "erste Adresse" war das nicht anders. Doch halt: Gabriele Fischer, Chefredakteurin und Herausgeberin des Wirtschaftsmagazins "brand eins", sprach bei der Eröffnung des "medien-netzwerk-berlin" im Lindenkorso auch über "die Chancen und Risiken von Organisations- und Hierachiestruktur bei Unternehmensneugründungen". Im Vordergrund stand jedoch eher das Rahmenprogramm, bestehend aus "spannenden Performances", der Diaausstellung "Turmfrequenzen" von Joseph Kerscher und Musik vom Berliner Künstler DJ Tosh".

Die Lust am Feiern ist verständlich, denn die positiven Zahlen der Branchendienste und -institute sind beeindruckend: Laut iBusiness-Redaktion in München liegen die Internet-Unternehmen in der Region mit einem Wachstum von durchschnittlich 212 Prozent in Berlin und 187 Prozent in Brandenburg deutlich vor allen anderen deutschen New Media Standorten. Und für den Film- und TV-Bereich hat das Kölner Medienforschungsinstitut ganz eindeutig eine "Drift nach Berlin" festgestellt. Die Ursache all dieser Entwicklungen ist schnell ausgemacht. Newmedia.net-Vorstandsmitglied Thomas Heilmann, hauptberuflich bei der Werbeagentur Scholz & Friends, weiß: "Der Rohstoff unserer Branche sind nun mal Ideen, Kreativität und talentierte, gute Mitarbeiter. Davon leben wir und das finden wir vor allem hier".

Doch der Rohstoff allein wird nicht reichen, um die positiven Entwicklungen der zurückliegenden Zeit auch in die Zukunft fortzuschreiben. Die Zahlen des "Multimedia Gehaltsspiegels 2001 - Wer verdient wieviel", der vom Deutschen Multimedia Verband ( www.dmmv.de ) gerade vorgelegt und im Hightext Verlag veröffentlicht wurde, sind für die meisten Berliner Beschäftigten in Werbung und Neuen Medien kaum erreichbar. Immerhin: In nahezu zwei von drei Firmen werden - als Motivatoren - Provisionen und Prämien gezahlt. Trainees können laut dmmv-Erhebungen mit einem Jahresgehalt von 65 000 Mark rechnen, Führungskräfte im Marketing und Vertrieb mit 102 000 Mark und Grafik-Führungskräfte mit 97 000 Mark. Web-Entwickler erreichen laut dmmv durchschnittlich 68 000 Mark per anno, Web-Master 76 000 Mark und Universal-Programmierer bringen es im statistischen Mittel auf 81 000 Mark Jahreseinkommen.

Wer auf dem Berliner Arbeitsmarkt diese Größenordnungen bei seinen Gehaltsverhandlungen durchsetzen kann, darf sich glücklich schätzen. Doch Geld ist nicht alles - für junge, ambitionierte Arbeitskräfte, die oft der Aufgabe und des Arbeitsklimas wegen in die Bundeshauptstadt gekommen sind, schon gar nicht.

Die den wichtigen "Rohstoff" bildenden Mitarbeiter sind deshalb froh, dass sich bereits etablierte Netzwerke wie etwa "firsttuesday" mit den Negativmeldungen über Entlassungen und das Dotcom-Sterben beschäftigen. Bei firsttuesday-Veranstaltungen steht nicht die Horizonterweiterung durch das Zusammentreffen prominenter Gäste auf dem Veranstaltungsplan. Beim jüngsten Treffen im Haus der Deutschen Wirtschaft in Mitte fanden sich mehr als 600 Interessierte ein (siehe S. 41). Kein Wunder: Es präsentieren sich Unternehmen, gesprochen wird über konkrete Themen wie "Pitches im Networking-Bereich, "Recruiting" oder "Konzepte und Visionen für eine langfristige Mitarbeiterbindung". Die Unternehmens-Porträts sind unter " www.firsttuesday.de " für jedermann im Netz abrufbar. Hilfe zur Selbsthilfe und konkrete Tipps sind den meisten Marktteilnehmern wichtiger als Partygeplänkel auf "Stehrummchen".

Jenseits der puren Get-together-Veranstaltungen üben nämlich auch Branchengrößen längst Kritik. Sebastian Turner, Geschäftsführender Gesellschafter von Scholz & Friends in Berlin, sieht die Hauptstadt - bei aller Anerkennung der Leistungen in den zurückliegenden Jahren - nach wie vor als "Werbekleinstadt" und weist auf die Notwendigkeit hin, die "immer neuen Spezialdisziplinen" in der umfangreichen Klaviatur sinnvoll zu verbinden (siehe Interview rechts). Auch Oliver Strubel, Art Director bei Aperto / Cell Network Germany, stellt fest, dass die Dynamik der New Media-Branche zu "immer neuen Spezialisierungen und gewachsenen Anforderungen" geführt hat (siehe Beitrag auf der folgenden Seite).

Werden die Aus- und Weiterbildungsangebote dem gerecht? Was die betriebliche Ausbildung betrifft, sprechen die Statistiken des Landesarbeitsamtes Berlin-Brandenburg Bände. Das Interesse der Jugend an einer beruflichen Zukunft im Bereich Werbung und Neue Medien ist um Dimensionen größer als das Lehrstellenangebot (siehe Grafik folgende Seite). Auch nach Überzeugung kommerzieller Weiterbildungsanbieter lautet die Antwort eindeutig nein. Staatliche Ausbildungen dauern extrem lange, sind überlaufen und füttern die Wissbegierigen eher mit Theorie als mit aktuellem Anwendungswissen (siehe Artikel auf der folgenden Seite). Die Weiterbildungsofferten der neuen Media-Netzwerke werden deshalb auf Interesse stoßen. Sie ergänzen das bereits vorhandene Angebot. Das ist ebenso abwechslungs- wie umfangreich. Vergangenen Donnerstag beispielsweise stoppte die "Tornado Insider Road Tour 2001" in Berlin. Die Roadshow führt zu Startups in elf europäischen Städten. Das European Net Economy Forum (enef) bringt mit der Veranstaltung führende VC-Investoren und IT-Experten mit Unternehmern der New Economy zusammen. Ebenfalls am vergangenen Donnerstag thematisierten "workXL" und die Unternehmensberatung KPMG in Zusammenarbeit mit "Startup.de" in der Heinrich-Böll-Stiftung am Hackeschen Markt die "Doppelrolle der Old Economy". Sie sei wirtschaftliche Basis der New Economy und zugleich deren Wettbewerber. Vertreter aller Wirtschaftsbereiche standen in der Podiumsdiskussion den Fragen von über 100 Gästen Rede und Antwort. Teilnahmebeitrag: null. Zahlreiche andere Veranstaltungen aus der und für die Werbe- und New-Media-Welt werden regelmäßig unter www.berlinstartup.de ("Das Netzwerk der Berliner Gründerszene") veröffentlicht.

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