Zeitung Heute : Werbung und neue Medien: Vom First zum Last Tuesday?

Harald Olkus

Partystimmung will nicht so recht aufkommen unter dem hohen Glasdach im Haus der Deutschen Wirtschaft in Mitte. Die Internet-Economy Berlins steht eng zusammengedrängt unter den bereit gestellten Heizpilzen und als die Veranstaltung beginnt, müssen sich die Teilnehmer konzentrieren, aus dem Hall der lautsprecherverstärkten Stimmen etwas Verständliches herauszufiltern. Schuld an der Stimmung ist nicht, dass der First Tuesday dieses Mal am dritten Dienstag des Monats stattfindet. Es ist die Talfahrt des Neuen Marktes, die damit verbundene Krise der Dotcom-Firmen und die erste große Entlassungswelle in der Branche, die nicht so recht Freude aufkommen lassen will. Schon wurde als Gegenveranstaltung zum First Tuesday der Last Tuesday gegründet und nach amerikanischem Vorbild gibt es bereits so genannte "Pink-Slip-Parties" in der Stadt: Rein darf nur, wer ein Kündigungsschreiben vorzeigen kann.

Der fünfzehnte First Tuesday in Berlin hat versucht, sich auf die veränderte Situation einzustellen. Zur Kontaktbörse für Risikokapitalgeber und Internet-Startups ist mit dem Konzept "Jobs and Pitches" ein Stellenmarkt für arbeitslose oder wechselwillige Fachkräfte hinzugekommen. Nur dass sich hier nicht die Mitarbeiter den Unternehmen vorstellen, sondern umgekehrt. Insgesamt zehn Firmen präsentierten sich in Kurzvorträgen und standen den Bewerbern in zuvor vermittelten Einzelgesprächen zur Verfügung. Denn das Vertrauen in die mit großen Hoffnungen auf schnelles Wachstum angetretenen Startups ist geschwunden.

Viele Mitarbeiter kehren mittlerweile den mit unkonventionellen Betriebs- und Beteiligungsmodellen angetretenen Newcomern den Rücken und ziehen die größere Sicherheit und die besseren Gehälter von Unternehmen der Old Economy vor. Die Branche macht sich nun Gedanken, wie man einerseits sein Personal motiviert, während gleichzeitig Leute entlassen werden müssen.

Aber auch die Frage, wie man hochqualifizierte Mitarbeiter hält, obwohl die etablierte Konkurrenz besser bezahlt, ist existenziell für die Startup-Firmen. Erst recht, wenn gerade die nächste Finanzierungsrunde ansteht. Da "harte" Entscheidungskriterien - wie Dienstwagen und exorbitante Gehälter - bei den Startups aber nicht drin sind, besinnt man sich eher auf "weiche" Faktoren: etwa eine freiere Entfaltung der Persönlichkeit, Wohlfühlen und Spaß an der Arbeit. Das Erfolgsgefühl selbst sei oft ebenso wichtig wie eine gute Bezahlung.

Besonders schade sei, dass das Konzept der flachen Hierarchien und die breite Verteilung von Verantwortung durch die Internet-Pleiten verloren zu gehen droht, sagt Burkhard Böndel, Geschäftsführer der Brodeur Communications GmbH. Das ursprüngliche Konzept von First Tuesday, Kapitalgeber mit Gründern zusammenzubringen, sei aufgrund der Internet-Krise allein nicht mehr ausreichend, aber trotzdem weiterhin richtig, sagt der Geschäftsführer von First Tuesday Deutschland, Axel Berg. Die Finanzierung von Existenzgründern mit Risikokapital werde gegenüber den bankenfinanzierten Modellen sogar weiter an Boden gewinnen. Bei Firmen aus der IT-Branche, neuen Technologien und Dienstleistungen sei die schnelle Gewährung großer Summen aufgrund der kurzen Produktzyklen sehr gefragt. Deshalb soll das Konzept des First Tuesday nicht mehr auf Internet-Startups beschränkt bleiben, sondern auf die gesamte Gründerszene ausgeweitet werden.

Ein gutes Beispiel für das Auf und Ab der New Economy ist auch First Tuesday selbst. Das in London gegründete und schnell auf weltweit 120 Städte ausgeweitete Netzwerk-Konzept wurde von der Londoner Zentrale im vergangenen Jahr kurzfristig und ohne Vorankündigung an den israelischen Venture-Kapitalisten Yazam für 50 Millionen Dollar verkauft. Mittlerweile ist Yazam selbst in Schwierigkeiten geraten und von US Technologies aufgekauft worden. Vertreter des weltweiten First-Tuesday-Netzwerkes wollen ihre Markenrechte nun für eine Million Dollar wieder zurück kaufen. Die Anteile sollen die Regionalgruppen der 120 Städte halten.

In Deutschland ist man dabei, einen First-Tuesday-Dachverband zu gründen, der auch weiterhin versucht, mit neuen Angeboten auf die Dotcom-Krise zu reagieren. Die neue Zentrale in Berlin soll neue Konzepte ausarbeiten und an die verschiedenen Städte vermitteln. Darüber hinaus will sie überregionaler Ansprechpartner für Sponsoren sein. Die Personalmesse "Jobs and Pitches" soll zur Dauereinrichtung werden und künftig vier Mal im Jahr an verschiedenen Standorten stattfinden. Und vielleicht kommt dann künftig auch wieder Partystimmung auf.

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