Zeitung Heute : Werner Raith: Der Mann, der immer wach war

Wolfgang Prosinger

Es war 1994 in Stuttgart. Eine Podiumsdiskussion war gerade zu Ende gegangen. Und der auffälligste Redner hatte Werner Raith geheißen. Kundig und angriffslustig war er über Italiens neuen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi und die Berufung neofaschistischer Minister in sein Kabinett hergezogen. Hatte die Mitdiskutanten mit seinem urbayerischen Charme und seiner Eloquenz entwaffnet.

Das Ende des Gesprächs auf dem Podium war für Werner Raith aber keineswegs das Ende jenes Abends. Im Gegenteil, während man hinterher in kleiner Runde im Restaurant saß, schien er noch einmal einen Gang höher zu schalten, plauderte, erzählte, der Schatz an italienischen Anekdoten schien unerschöpflich zu sein. Es ging schon gegen zwei Uhr, als die Gruppe endlich müde im Hotel eintraf. Nur einer war hellwach. Er werde jetzt keineswegs ins Bett gehen, sagte Werner Raith, er habe jetzt noch einen Artikel zu schreiben, im Übrigen müsse er ohnehin um sechs Uhr morgens am Flugplatz sein. Schlafen lohne sich jetzt nicht mehr.

Werner Raiths letzter Text: Kapuziner

Werner Raith war ein leidenschaftlicher, ein unermüdlicher Journalist. Er hatte Kontakte wie kein Zweiter unter den Italien-Korrespondenten. Und das nicht nur zu den hohen Herren, die auf den römischen Hügeln Politik machen, sondern besonders zu denen, die unter dieser Politik oft genug zu leiden hatten. Reportagen aus dem Milieu der kleinen Leute, der Benachteiligten und Vergessenen sind Raiths Markenzeichen geworden. Kein Wunder, dass der Mezzogiorno, das unterprivilegierte Süditalien zu einem Schwerpunkt seines Interesses wurde.

Der andere waren die Mafia und alle weiteren Formen der organisierten Kriminalität. Fast jedes Jahr gab es ein neues Buch von Raith zu diesem Themenkomplex, besonders seine Enthüllungen über den rätselhaften Abschuss eines Passagierflugzeugs über der Insel Ustica haben Furore gemacht.

Manchmal war es, als gäbe es diesen Werner Raith zwei oder drei Mal. Überall schien er zur gleichen Zeit zu sein, in Italien und in Deutschland, in Rom, in Palermo, wo er eine Dozentur innehatte, und bei Terracina, wo er mit seiner Familie wohnte. Hier, in der Mitte zwischen Rom und Neapel, war sein Lebenszentrum. Denn der Vielbeschäftigte, man konnte es kaum glauben, war zudem ein fanatischer Familienvater, betrieb mit seiner Frau und seinen drei Töchtern eine Reitschule und eine Pferdezucht.

Werner Raith war schon als junger Mann über alle Maßen engagiert. Geboren 1940 in Regensburg, studierte er Mathematik und Physik, machte seinen Doktor in Philosophie und habilitierte sich schließlich in Pädagogik. Er gründete zwei Buchverlage, ließ sich dann in Italien nieder, war seit 1985 Korrespondent der "taz". Seit einem Jahr gehörte er zum Tagesspiegel.

Werner Raith starb in der Nacht zum Sonntag. Sein Herz versagte.

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