Zeitung Heute : Wer’s glaubt

Bin Laden bietet Europa einen Waffenstillstand – warum Terrorismusexperte Hirschmann warnt

Stephanie Nannen

Wenn Osama bin Laden wirklich dieses Tonband besprochen und über Mittelsmänner seines Terrornetzwerks Al Qaida an den arabischen Nachrichtensender Al Arabija geschickt hat – was würde das bedeuten? Für uns Europäer, für die USA, für die Ausrichtung des internationalen Terrorismus?

Bin Laden hat in seiner Botschaft denjenigen europäischen Regierungen einen „Waffenstillstand“ angeboten, die sich nicht mehr an „militärischen Operationen gegen Muslime“ beteiligten. In diesem Falle – der auch einen Abzug der Soldaten etwa aus dem Irak und Afghanistan impliziere – würde der Al-Qaida-Chef dafür sorgen, dass es keine Anschläge in den entsprechenden Ländern geben werde. Innerhalb von drei Monaten erwarte er eine Reaktion.

„Ich glaube ihm nicht“, sagt der Leiter des Instituts für Terrorismusforschung in Essen, Kai Hirschmann. „Bin Ladens Überzeugung, die Grundlage seines Dschihad, lässt keinen Spielraum für derartige Deals.“ Wer sich stets die Bekämpfung der westlichen Lebensart auf die Fahnen geschrieben hat, könne nicht plötzlich umschwenken – ein Aussparen bestimmter Länder würde aber genau das bedeuten.

Sollte das Tonband authentisch sein – und dafür spricht, dass es bisher nie einen Nachahmer von bin Ladens Stimme gegeben hat – würde es eine raffinierte Taktik belegen. Hirschmann glaubt, dass der Terrorchef vor allem drei Dinge bezweckt: Erstens sende er mit dem Band ein Lebenszeichen und signalisiere, dass er an der Spitze einer politischen Bewegung stehe, mit der Macht versehen, diese auch zu steuern. Zweitens schiebe er mit dem „indiskutablen“ Angebot den schwarzen Peter denjenigen zu, die er bekämpfen will. Nach dem Motto: Ich habe den Kreuzfahrern den Frieden angeboten, aber sie haben ihn ausgeschlagen. Und drittens und am wichtigsten versuche sich bin Ladens Al Qaida als Kriegspartei zu etablieren, denn ein Waffenstillstand kann nur von einer an einem Krieg beteiligten Partei verhandelt werden. „Mit Massenmördern kann man sich nicht an einen Tisch setzen“, sagt Kai Hirschmann. Deshalb seien auch alle Politiker besser beraten, auf diesen Vorschlag nicht einmal zu antworten. „Man darf ihm das nicht durchgehen lassen“, sagt der Essener Terrorismusexperte, „denn schließlich, was kommt danach?“

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