Zeitung Heute : Wert des Scheiterns

MALTE LEHMING

Madeleine Albright hat das Mißlingen ihrer Mission selbst eingestanden.Statt die Situation und ihre Lösungsmöglichkeiten schönzufärben, scheint den USA zu dämmern, wie ernst die Lage ist.VON MALTE LEHMINGVor täglich ausverkauftem Haus wird in Israel derzeit ein Theaterstück gespielt, das einfach "Mord" heißt.Darin töten die Menschen einander und werden getötet, aus Mißtrauen und Haß, aber stets aus falschen Motiven.Israelische Soldaten erschlagen einen jungen Palästinenser, den sie irrtümlicherweise für den Mörder ihrer Kameraden halten.Später rächt sich der Vater des Jungen und tötet ein israelisches Liebespaar während dessen Hochzeitsnacht, weil er den Bräutigam mit einem der Mörder seines Sohnes verwechselt hat.So geht es weiter, so geht es fort, bis am Ende der israelische Ministerpräsident sein Land zu den Waffen ruft.Das Stück ist grausam, fesselnd und makaber, die Kritiker sind fasziniert, die Besucher teils angewidert, teils begeistert.Einige wollten es gar auf den Zeitplan von Madeleine Albright setzen lassen. Und wer weiß? Vielleicht hätte die amerikanische Außenministerin der unmittelbare Eindruck dieses auf der Bühne kondensierten realen Wahnsinns tatsächlich etwas mutiger sein lassen.Vielleicht wäre dann ihr Fingerspitzengefühl, das sie auf sämtlichen Etappen bewies, ergänzt worden durch jenes notwendige Quantum an Härte, ohne das die ineinander verkeilten Lager nicht wieder zur Räson finden werden.So aber predigte Frau Albright auf ihrer ersten Reise in den Nahen Osten seit ihrem Amtsantritt vor sechs Monaten den ohnehin Überzeugten: In Israel verurteilte sie den Terrorismus arabischer Fundamentalisten, in den arabischen Ländern und gegenüber der palästinensischen Autonomiebehörde setzte sie sich für das Prinzip "Land gegen Frieden" ein.Die wenigen dezenten Ohrfeigen, die sie verteilte, taten niemandem weh.Die regionalen Konfliktparteien sowie die USA überstanden die prekäre Visite ohne größere Blessuren.Die Gewalt, die Demütigungen und das Morden werden daher zunächst einmal weitergehen. Das ist die schlechte Nachricht.Die gute lautet: Madeleine Albright hat das Mißlingen ihrer Mission selbst eingestanden.Statt die Situation und ihre Lösungsmöglichkeiten schönzufärben, scheint den USA zu dämmern, wie ernst die Lage ist.Eine neue Offenheit, verbunden mit Selbstkritik, bricht sich Bahn.Das läßt hoffen.Denn Einsicht, heißt es, sei der erste Weg zur Besserung.Falls aus dieser Einsicht nun auch Taten erwachsen, die mehr sind als reine Pendeldiplomatie, haben die USA wieder die Chance, zu einem politisch bestimmenden Faktor in der Krisenregion zu werden.Gewachsen scheint außerdem die Erkenntnis zu sein, daß keiner die USA ersetzen oder aus ihrer Verantwortung entlassen kann.Rußland, der nominelle Partner des vor vier Jahren im Garten des Weißen Hauses unterzeichneten Friedensabkommens, ist von der diplomatischen Bühne verschwunden.Europa wiederum blamiert sich regelmäßig bis auf die Knochen - die Franzosen mit unpassend drastischen Worten, die Deutschen ganz ohne Worte.Wenn die Kontrahenten überhaupt jemand beeindrucken kann, dann allein Washington. Aber kann sie noch jemand beeindrucken? Diese Frage muß so lange unbeantwortet bleiben, wie es nicht hart genug versucht worden ist.Über einen zaghaft erhobenen Zeigefinger - man möge keine Schritte unternehmen, die den endgültigen Status der besetzten Gebiete betreffen - sieht Netanjahu lächelnd hinweg.Und höflich vorgetragene Bitten - man möge etwas mehr gegen den Terrorismus tun - lassen Arafat kalt.Die "Ehrliche-Makler-Strategie" der USA - Israelis und Palästinenser sollen selbst miteinder klarkommen, wir vermitteln nur - ist jedenfalls gescheitert.Falls Madeleine Albright mit diesem Bewußtsein wieder zu Hause landet, hätte sich ihre Reise gelohnt.Die Besucher des Theaterstücks, das sie verpaßt hat, würden es ihr eines Tages womöglich danken.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar