Zeitung Heute : Wessen Fußball?

BERND ULRICH

Aus dem politischen Lager regt sich Widerstand gegen die Pläne Kirchs, die Übertragungen der Fußballweltmeisterschaften 2002 und 2006 nur für das bezahlte Fernsehen frei zugänglich zu machen.VON BERND ULRICHFußball ist auf den ersten Blick ein langweiliges Spiel - vor allem, wenn man nur zuschaut.Kein vernünftiger Mensch würde sich das an Toren meist arme Gekicke allwöchentlich freiwillig ansehen.Daraus ergibt sich zweierlei: Zum einen ist der Fußballfan nicht vernünftig, und zum anderen handelt er nicht aus freien Stücken.Er sieht Dinge in dem Spiel, von denen Menschen, die da nur 44 Beine und einen Ball zusammenzählen, behaupten, daß es sie gar nicht gibt.Aber es gibt sie. Der echte Fan wird schon am Sonnabendmorgen mit dem Gefühl wach, daß dies eine besonderer Tag ist.Und spätestens gegen 18 Uhr erfaßt ihn eine Unruhe, die ihn wie süchtig einen Fernseher suchen läßt.Genau an diesem Punkt haben wir Fans seit einigen Jahren immer mehr Probleme.Die Schwierigkeit fing in den siebziger Jahren klein an und hieß: Ernst Huberty.Dann wurde sie größer und hörte auf den Namen Heribert Faßbender.Aber das war, im Rückblick gesehen, beinahe nichts, denn zum Schluß kam "ran".Die Gewichte zwischen Werbung und Fußball verschoben sich, der Spaß nahm ab.Gleichzeitig wurde das Angebot an Fernsehfußball derart inflationiert, daß man ständig sehen kann - und darum immer seltener sehen mag. Das ist schlimm, aber noch nicht tragisch, weil man weiß, wann die wirklich wichtigen Spiele stattfinden: Schlußphase der Meisterschaft, Endspiele und - wichtiger und seltener als alles andere - Weltmeisterschaften.Hier stellt sich die Frage: Woher kommen überhaupt diese vielen verrückten, abhängigen Fußballfans? Die Antwort ist einfach: Sie entstehen vor allem bei den Großereignissen.Wenn es um alles geht, wenn alle zuschauen, wenn das ganze Land vom Fußballfieber befallen wird und man für 90, womöglich 120 Minuten das Gefühl hat, live der wichtigsten Sache der Welt beizuwohnen, dann ist der Fußball ein richtiges Fest. Generationen von Fußballfans haben auf diese Weise ihr Ur-Erlebnis gehabt.1954 (Tor, Tor, Tor), 1966 (kein Tor, niemals), 1970, als Beckenbauer im Halbfinale mit der Bandage spielte, 1974 als man durch eine Schwalbe Weltmeister wurde, 1986 als die Hand Gottes Deutschland besiegte, 1990 als die Einheit in Italien den Pokal gewann.Nur das macht den Menschen zum Fan und Fernsehen zum Erlebnis. Und jetzt kommt Leo Kirch mit seinen 3,4 Milliarden und will die Weltmeisterschaften der Jahre 2002 und 2006 verschlüsseln, tranchieren und einzeln verpackt verkaufen.Er nimmt den Fan als Geisel und gibt ihm seinen Fußball nur, wenn er Kirchs ganzen Pay-Sender mitkauft.Das spaltet die Fußball- und Fernsehnation, das entwertet das Spiel und trocknet den Nachwuchs aus.Fußball ist, jedenfalls bei uns, entweder groß, massenhaft und ein nationales Kulturereignis oder belanglos.Inflation ist langweilig, Exklusivität tödlich.Das freie Spiel der Marktkräfte bedroht den Spielkult. Um dieser Gefahr Einhalt zu gebieten, tritt nun - sehr spät - eine Kraft auf den Plan, von der wir ernsthafte Widerworte gegenüber wirtschaftlichen Interessen gar nicht mehr gewohnt sind - die Politik.Längst schon hatten die Ministerpräsidenten in ihrem zuweilen standpunktlosen Standortwettbewerb den Plänen Kirchs zugestimmt, da fiel ihnen plötzlich auf, daß Volkes Stimme laut und vernehmlich nein sagte.Darauf darf die Politik hören - natürlich nicht immer, aber doch ab und an.Für das Zuspätkommen der Politiker werden die Steuerzahler büßen müssen, wenn sie Kirch eine Entschädigung zu zahlen haben.Aber es hilft nichts: Die Weltmeisterschaften müssen frei zugänglich bleiben.Daß sich die Politik überhaupt noch ermannt, ist bei alledem beinah so schön und selten wie eine Fußballweltmeisterschaft. Der Ball ist rund, damit die Ministerpräsidenten ihr Denken ändern können.

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