WESTERN„Django Unchained“ : Engel der Vergeltung

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Foto: Sony
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Es dürfte kaum Zufall sein, dass nun in kurzem Abstand zwei Filme bedeutender Regisseure ins Kino kommen, die sich mit einem dunklen Kapitel der Geschichte der USA beschäftigen: der Sklaverei. Steven Spielbergs für zwölf Oscars nominiertes Biopic „Lincoln“ (Start: 24.1.) ist die so historisch korrekte wie inszenatorisch brave Nacherzählung der institutionellen Abschaffung der Sklaverei.

Kaum überraschend, dass Quentin Tarantino in seinem fünffach oscarnominierten Racheepos einen radikal anderen Ansatz verfolgt. „Django Unchained“ ist für den Western ungefähr das, was „Inglourious Basterds“ für den Kriegsfilm war. Eine formal wie inhaltlich maßlose, über jeden Realismus hinausreichende Generalabrechnung mit den Bösen, in diesem Fall verkörpert von skrupellosen Plantagenbesitzern und rassistischen Handlangern.

Bis es zum extrem blutigen Showdown kommt, bei dem das Sklavenhalter-Establishment buchstäblich in Stücke geballert wird, schildert Tarantino den ungeheuren Zivilisationsbruch in drastischsten Farben. Auspeitschungen, auf Menschen gehetzte Bluthunde, Lynchmobs, Gladiatorenkämpfe, Zwangsprostitution – die idyllischen Südstaaten sind für die Unterjochten eine Hölle auf Erden.

Für den Sklaven mit dem prophetischen Namen Django Freeman (Jamie Foxx) kommt die Befreiung aus unerwarteter Richtung: Der deutschstämmige Kopfgeldjäger King Schultz (an der Grenze zur Selbstparodie: Christoph Waltz) erschießt Djangos Peiniger und macht ihn zum Kompagnon. Kommentar Django: „Weiße erschießen und Geld dafür kassieren? Ich bin dabei.“ Bald kommt der naturtalentierte Revolverheld wie ein Engel der Vergeltung über seine Feinde. Djangos eigentliches Ziel ist indes die Befreiung seiner Frau Broomhilda (Kerry Washington) aus dem Besitz des sadistischen Schöngeists Calvin Candie (trotz Nichtnominierung oscarreif: Leonardo DiCaprio).

Auch wenn Tarantino seinen eklektizistischen Filmemacheransatz, der sich exemplarisch in der Musikauswahl zeigt, weiterverfolgt, ist „Django Unchained“ bis in die opulente Bildsprache hinein eine erstaunlich ernsthafte Hommage an die Italowestern der Sechziger. Wie nahe ihm die Thematik gegangen sein muss, zeigt sich auch darin, dass er seinen Hang zur Groteske auf wenige, dann aber umso stärker mit schwarzem Humor vollgesogene Szenen beschränkt hat. Furios.Jörg Wunder

USA 2012, 165 Min., R: Quentin Tarantino, D: Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio, Kerry Washington, Samuel L. Jackson, Don Johnson

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