Zeitung Heute : Wettbewerb - auch in der Krise

HEIK AFHELDT

Sie war in den Wahlprogrammen der Parteien einfach nicht vorgesehen.Jetzt ist sie da und erfordert Antworten.Um sie zu finden, müßten die Ursachen für die Turbulenzen klarer sein.Viele sehen die fortschreitende Globalisierung und eine zu weitgehende Liberalisierung als die Wurzeln allen Übels.Sie möchten das Ruder herumwerfen und suchen das Heil in Kontrollen, Regeln und festen Wechselkursen, um die Weltwirtschaft wieder auf stabilen Wachstumskurs zu bringen.Eine verständliche aber gefährliche Illusion.

Die mächtigen Zauberformeln der vergangenen Jahrzehnte, "Liberalisierung" und "Globalisierung", die Schlüssel zu mehr Wohlstand auf dieser Erde, scheinen sich fast zeitgleich mit ihren größten Erfolgen, dem Zusammenbruch des sozialistischen Sowjetreiches und dem Einzug der Marktwirtschaft nach China, in "Teufelszeug" zu verwandeln.Hegel läßt grüßen.

Also ertönt der Ruf nach Kapitalkontrollen, Steuern auf spekulative Finanztransaktionen, einem neuen Weltwährungssystem und nach Schutzmauern gegen immer billigere Importe.Das Gespenst der Deflation geht um.Wer zusehen muß, wie in wenigen Wochen ein Drittel seines Vermögens sich in nichts auflöst, wer die Aufträge aus Ostasien, Rußland oder Argentinien verliert oder vergeblich auf deren Bezahlung wartet, der hat seine Hand schnell an der Notbremse "Neo-Protektionismus".

Aber damit ist keinem geholfen.Das Unglück käme nicht einmal zum Stillstand - es würde sich verstärken.Wenigstens diese Lehre sollten wir aus der großen Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre gezogen haben.Schotten dicht, Rückkehr zu möglichst autarken nationalen Wirtschaften oder regionalen Wirtschaftsblöcken, kann die Antwort nicht sein.Der eskalierende Protektionismus als Mittel gegen die schwelende Krise verschlimmert alles nur.

Was aber dann? Warten auf das Ende der Talfahrt? Die schöne Formel "Krise als Chance" ist gut für jedes Managementseminar.Angesichts des gefährlich labilen Zustandes der Weltwirtschaft, tönt diese asiatische Einsicht fast zynisch.Ist es also doch der "Dritte Weg", die Zauberformel zwischen einer freien, ungehemmt sich entwickelnden Weltwirtschaft und einer gelenkten Marktwirtschaft? Es ist verführerisch, sich vorzustellen, eine weise, neutrale und mächtige Hand könne das globale Wachstum steuern, den Mißbrauch der Freiheiten verhindern, die nötigen Verbote erlassen und tatsächlich auch durchsetzen.Aber hat nicht der frühere tschechische Ministerpräsident Vaclav Klaus immer gewarnt, "der Dritte Weg führe direkt in die Dritte Welt"? Nun suchen Bill Clinton, Tony Blair oder Oskar Lafontaine dennoch wieder nach diesem scheinbaren Königsweg.Sie beobachten das große China auf seinem schwierigen Marsch in die Marktwirtschaft und seine "gestreckte Version" des schwierigen Reformprozesses.Und hat nicht schon Friedrich List 1840 gewußt, daß es sinnvoll sein kann, durch vorübergehende Schutzmaßnahmen - seine Erziehungszölle - einer Volkswirtschaft auf die Beine zu helfen, damit sie danach im internationalen Wettlauf mithalten kann? Nur Schutz hilft nichts, wenn die Schonfristen - wie in Rußland - nicht genutzt werden, um die nötigen Verwaltungen aufzubauen, die Unternehmen zu stärken und die Geld- und Währungspolitik in Ordnung zu bringen.Was also lehrt uns das alles? Jeder Teilnehmer am weltweiten Wettbewerb muß zunächst sein eigenes Haus in Ordnung bringen.Dazu mag es sinnvoll sein, vorübergehend den Kapitalverkehr zu kontrollieren, um kurzfristige, spekulative Finanzströme ("shorttermism") zu unterbinden oder die eigene Wirtschaft für kurze Zeit durch Zölle und Kontingente zu schützen.Am langen Ende aber werden wir weder die weitere Liberalisierung noch die damit einhergehende Globalisierung aufhalten - und wir sollten es auch nicht versuchen.Zum Wettbewerb und zum freien Zugang zu den Märkten dieser Welt gibt es keine gute Alternative."Dritte Wege" können immer nur vorübergehend Hilfe für den Weg in die Freiheit und kein alternatives ordnungspolitisches Modell sein.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben