Zeitung Heute : „Wettbewerb belebt“

Der Tagesspiegel

Von Stephan Russ-Mohl

Verkehrte Welt: Stets musste Leo Kirch als Beelzebub herhalten – für bestimmte Medien jedenfalls. Es war der bayerische Medienunternehmer, der zum Mogul oder Tycoon stilisiert und dessen unheimliche Medienmacht angeprangert wurde, obschon Bertelsmann seit Jahr und Tag der weitaus größere Krake ist.

Seit Rupert Murdoch – und nun anscheinend auch Silvio Berlusconi – in Deutschland ante portas steht, setzen just diejenigen alles daran, Kirch vor dem Zugriff des australischen Konkurrenten zu retten, die ihn bisher verteufelt und seinen drohenden Konkurs eifrig mit herbeigeschrieben haben. Hinter den Kulissen, wird gemunkelt, engagierten sich Bertelsmann, die WAZ-Gruppe und sogar der Kanzler, damit Kirch Kirch bleiben darf oder zumindest die Beute nicht in die falschen Hände gerät, als handle es sich dabei um ein nationales Anliegen.

Gibt es solch ein „öffentliches Interesse", Murdoch drauß en zu halten? Zum einen geht es um den Marktzutritt eines der weltweit größten Medienkonzerne. Dass die deutschen Haie und Hechte gerne im Heimat-Karpfenteich unter sich bleiben möchten, ist verständlich. Aber was gut und lukrativ ist für Bertelsmann und die WAZ-Gruppe, muss nicht unbedingt gut sein für Deutschland.

Wettbewerb belebt das Geschäft. Prinzipiell ist also erst einmal nichts dagegen einzuwenden, wenn der Markt von Murdoch neu aufgemischt wird. Die bange Frage ist allerdings, wie viel Wettbewerb es noch geben wird, wenn Murdoch (oder Berlusconi) erst einmal Fuß fasst. Es hat sich herum gesprochen: Seine Geschäftsmethoden sind rüde, er schreckt nicht davor zurück, massiv auf Politiker Druck auszuüben und seine Medien auch dort für persönliche Ziele einzuspannen, wo Verleger im Interesse der Demokratie und des Gemeinwohls sich vornehm zurückhalten und Meinungsvielfalt fördern sollten.

Allerdings waren deutsche Verlagsgiganten anderswo auch nicht gerade zimperlich, wenn es darum ging, sich auszubreiten – man denke an Bertelsmann in den USA, aber auch an die Engagements von Bauer, der WAZ-Gruppe oder der Passauer Verlagsgruppe in Osteuropa. In Sonntagsreden wurde gern hervorgehoben, solche grenzüberschreitenden Investitionen ausländischer Medienkonzerne trügen dazu bei, Demokratie zu stabilisieren und Pressefreiheit zu festigen. Das gilt auch umgekehrt: Es schadet nichts, wenn sich fremde Investoren in die deutsche Medienbranche einkaufen. Jedenfalls geht es dabei im Kern kaum um nationale Belange, sondern allenfalls ums Geschäft und um Macht.

Der Autor hat den Lehrstuhl für Journalistik an der Universität Lugano.

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