Zeitung Heute : Wettbewerb durch Trennung von Netz und Anbieter

Die Preise für Netzdienstleistungen müssen so reguliert werden, dass alle Nutzer ohne Diskriminierung den Zugang erhalten

Paul L. Joskow

Die effektive Regulierung von Stromverteilungs- und Stromübertragungsnetzen war immer Hauptbestandteil aller erfolgreichen Liberalisierungsprogramme im Stromsektor weltweit. Im Gegensatz zu den allermeisten Ländern trieb Deutschland die Liberalisierung ohne eine bundesweite Regulierungsbehörde voran. Da nun eine solche Behörde mit der Verantwortung für die Stromnetze in Deutschland eingerichtet wurde, ist es wichtig, klare Ziele für sie zu definieren und festzulegen, wie diese am besten erreicht werden können.

Erfolgreiche Liberalisierungsprogramme zeichnen sich durch dreierlei aus: Erstens muss die Industrie umstrukturiert werden. Segmente, die wie Stromerzeugung, -handel und -vertrieb dem Wettbewerb unterliegen, müssen getrennt werden von Segmenten, die wie Übertragungs- und Verteilungsnetze inhärente Monopoleigenschaften aufweisen und deswegen reguliert werden müssen. Diese Umstrukturierung kann durch eine „funktionale“ Trennung dieser Geschäftsfelder innerhalb der einzelnen Unternehmen erreicht werden.

Eine anderer Weg , zu dieser Unabhängigkeit zu gelangen, ist die Eigentumstrennung. Zweitens müssen neue Strommarkt- und Netzbetreiber-Organisationen geschaffen werden, die die Entwicklung von effizienten Großhandels- und Vertriebsmärkten und damit den Wettbewerb unterstützen. Und schließlich müssen drittens Regulierungsverfahren definiert und umgesetzt werden, welche die Festlegung von Netznutzungsentgelten, Qualitätskriterien und Entflechtungsanforderungen beinhalten. Sie trennen die regulierten Preise für Netznutzung von den Kosten und Preisen für Stromlieferungen und Vertriebs-Dienstleistungen konkurrierender Stromanbieter.

Die erste Aufgabe einer Kontrollbehörde besteht darin, die Kosten und abgeleiteten Preise der regulierten von denen der nicht regulierten Leistungen zu trennen. Dieser Trennungsprozess wird generell als „Entflechtung“ bezeichnet. Der regulierte Preis, den ein Kunde für die Netznutzung bezahlt, bleibt immer der gleiche unabhängig von der Wahl des Stromlieferanten. Somit ist gewährleistet, dass alle untereinander konkurrierenden Stromlieferanten im fairen Wettbewerb miteinander stehen.

Zudem ist es entscheidend, die Preise für Netzdienstleistungen sachgerecht zu regulieren und allen Netznutzern den Zugang zu diesen Dienstleistungen diskriminierungsfrei zu ermöglichen.

Wie sollte also die Regulierungsbehörde die Preise für Netzdienstleistungen festsetzen? Die Diskussion über die Regulierung des Strommarktes in Deutschland scheint die „Kosten-Regulierung“ und die „Anreiz-Regulierung“ als einander ausschließende Alternativen zu betrachten. Tatsächlich aber ergänzen sich die beiden Ansätze. Die Kostenbetrachtungen und finanzielle Analysen, die für eine Kosten-Regulierung erforderlich sind, sind Ausgangspunkt der Anreiz-Regulierung. Aus dem Vergleich der Kosten verschiedener Netzbetreiber und anderen Faktoren wie industrieweit anerkannte Best-Practice-Benchmarks und der Technologieentwicklung werden die Einsparpotenziale der einzelnen Netzbetreiber ermittelt. Die Netzpreise werden dann für mehrere Jahre festgelegt in der Annahme, dass der Netzbetreiber die Einsparpotenziale schrittweise realisiert. Nach einigen Jahren entsprechen dann die Netzentgelte den Kosten, die bei einer effizienten Bereitstellung der Netze anfallen würden.

Wenn der Netzbetreiber frühzeitige oder weiterreichende Kostensenkungen durchführt, dann vergrößern sich seine Profite ohne Zusatzkosten für die Kunden. Zu hohe Netzkosten führen andererseits zu Verlusten des Netzbetreibers. Das ist die erwünscht Anreizwirkung.

Es ist inzwischen allgemein bekannt, dass die Maßnahmen zur Kostenreduzierung durch Netzbetreiber zu Qualitätseinbußen führen können, z.B. vermehrte Netzausfälle, Verzögerungen bei Instandsetzungsmaßnahmen und Verzögerungen bei telefonischen Anfragen. Deshalb enthalten durchdachte Regulierungsprogramme leistungsbasierte Regulierungsmechanismen, die sich auf verschiedene Ebenen der Service-Qualität erstrecken. Diese Mechanismen belohnen oder bestrafen Netzbetreiber aufgrund ihrer Leistungen, die mit vordefinierten Qualitätsmaßstäben verglichen werden.

Nach einigen Jahren müssen die Preise und Leistungsmaßstäbe neu definiert werden, um Preisänderungen, Nachfrage und Verbraucherzufriedenheit zu berücksichtigen. Da Schätzung zukünftiger Kosten und Qualitätsanforderungen vielen Ungewissheiten unterworfen sind, stellt die Neubeurteilung sicher, dass Kunden nicht zu viel abverlangt wird, und dass Lieferanten nicht für ihre Dienstleistungen unterbezahlt werden.

Um ein solches Regulierungssystem realisieren zu können, muss die Regulierungsbehörde Informationen über das Kapital und die Betriebskosten der Netzbetreiber sowie über Verbrauchernachfrage, Investitionsprogramme und Service-Qualitäts-Merkmale sammeln und prüfen können.

Ein einheitliches Kostenberechnungssystem sowie standardisierte Verfahren zur Beurteilung von Dienstleistungen ist notwendig, um die Leistungen der verschiedenen Netzwerkbetreiber miteinander vergleichen zu können. Einzelfallstudien werden unter Umständen nötig sein und die Regulierungsbehörde muss mit entsprechenden Befugnissen ausgestattet werden um notwendige Informationen anzufordern.

Regulierungssysteme, die die kostenbasierte Regulierung mit leistungsbasierten Anreizen verbinden und auf Produktivitäts- und Qualitätsverbesserungen setzen, werden in vielen Ländern genutzt, um Netznutzungsentgelte zu regulieren. Profitiert haben davon die Kunden, da bei niedrigeren Netznutzungsentgelten Qualitätssteigerungen erzielt wurden. Ein gutes Regulierungssystem bringt dabei die Interessen von Kunden und Netzbetreibern in Übereinstimmung. Wenn das regulierte Unternehmen im Sinne der Kunden erfolgreich Kosten senkt und die Qualität verbessert, hat es auch Erfolge für seine Eigentümer. Die Entflechtung der regulierten Netzdienstleistungen von den Marktaktivitäten der konkurrierenden Stromanbieter führt zu einem robusten Wettbewerbsmarkt für Strom, von dem Kunden und Stromversorger gleichermaßen profitieren.

Paul L. Joskow ist einer der führenden Energiespezialisten weltweit und hat am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, USA, mehrere Funktionen inne.

Er ist seit 1996 Elizabeth and James Killian Professor für Wirtschaft und Managment am Fachbereich für Wirtschaftswissenschaften und seit 1989 Professor für Wirtschaft und Management an der Sloan School of Management und seit 1999 Direktor des MIT Zentrums für Energie und umweltpolitische Forschung .

Paul L. Joskow hat an der Cornell University und der Yale University Wirtschaft und Philosophie studiert und 1972 in Yale über Regulierungsfragen promoviert.

Er hat sich von Beginn seiner Karriere an mit Fragen der Regulierung und Privatisierung des Elektrizitätsmarktes beschäftigt und in verschiedenen Institutionen beratend gewirkt.

Paul L. Joskow ist jetzt in Berlin einer der Redner auf der „Summer Conference on Energy“ . Foto: MIT

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