Zeitung Heute : Wichtige Leute erkennen

Von Elisabeth Binder

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Mittelalterliche Fürsten hatten auf ihren Esstischen gern einen Natternzungenbaum stehen. Das waren kostbare kleine Skulpturen mit Gold und Juwelen und einer angenommenen magischen Eigenschaft: Man ging davon aus, dass die versteinerten Haifischzähne, in denen man die Zungenspitzen von Nattern zu erkennen glaubte, klappern würden, wenn sie mit vergiftetem Essen in Berührung kommen sollten. Je prächtiger geschmückt so ein Baum war, desto mehr Gefahr signalisierte er für den Fürsten. Damit war er auch ein Zeichen von Macht. Je mächtiger und wichtiger ein Mensch, desto gefährdeter ist er auch.

Wenn man heutzutage im Verkehrsstau steckt, über sich das Knattern der Hubschrauber, vor sich eine Polizeiabsperrung für den Konvoi eines besonderen Staatsgastes, möchte man direkt Sehnsucht nach dem Mittelalter kriegen mit seinen schön verzierten, ansonsten aber eher zeitsparenden Machtausweisen. Sicher, nach all dem, was an Attentaten schon passiert ist, schadet es nicht, wenn ein Besucher eine gepanzerte Limousine benutzt. Wenn aber jeder Gullideckel umgedreht wird, jeder Baum am Wegesrand seine eigene Polizeistreife bekommt, dann darf sich jemand schon sehr, sehr mächtig fühlen. Wenn gar, wie gelegentlich schon passiert, Konvoifälschungen die Straßen blockieren, und der Gast selbst im Hubschrauber über der Stadt schwebt, müßte man ihm vielleicht als Gastgeschenk eine Spritze gegen Größenwahn geben. Insgesamt sind die Möglichkeiten, Gefährdung sichtbar zu machen, seit dem Mittelalter immer pompöser geworden. Gerade in den letzten Jahrzehnten hat der Aufwand in einer Art und Weise zugenommen, die den drohenden Gefahren übergerecht werden. Natürlich haben all die Sicherheitsschranken und schleusen auch angenehme Nebenwirkungen. Zum Beispiel haben sie den neuen Berufsstand des Handtaschendurchwühlers auf den Markt gebracht. Das muss doch wirklich der absolute Traumjob sein für jeden Mann, der sich danach sehnt, etwas von Frauen zu erfahren, was den meisten seiner Geschlechtsgenossen verwehrt bleibt. (Schließlich gibt es genug Frauen, die die Geheimnisse ihrer Handtasche noch lange verschlossen halten, nachdem sie alles andere schon offenbart haben.)

Natürlich gehören auch die Wartezeiten zum Ausweis der Macht, die mittelalterliche Fürsten willkürlich verordnen mochten, die in unserer zivilisierten Zeit etwas subtiler oktroyiert werden, etwa mit mehrstündigen Sicherheitschecks. In langen Schlangen vor einer Abfolge von Röntgengeräten kann man dem Natternzungenbaum nachweinen, der so dekorativ und harmlos aussah und sicher nicht viel weniger effizient war, als große Teile des gepanzerten Brimboriums, mit dem man es heute zu tun hat. Wahrscheinlich haben nur wenige Vorsichtsmaßnahmen ernsthaft je Schreckliches verhindern können, weil das Schreckliche den Maßnahmen doch immer ein Stück voraus eilt. Das ist sicher kein Grund, unvorsichtig zu sein. Aber wenn mal wieder die Stadt zusammenbricht, weil jemand ganz besonders martialisch geschützt werden muss, können sich die Staugeschädigten damit trösten, dass ihre Zeitopfer nicht umsonst gewesen sind. Sie gelten einem sehr, sehr, sehr, sehr wichtigen Menschen.

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