Zeitung Heute : Wichtiger als die Bären

MATTHIAS OLOEW

Bei den Trade-Shows treffen Kinobetreiber auf FilmverleiherVON MATTHIAS OLOEWSchwierig, schwierig diese Frage: Wieviele Filme umfaßt das Programm der Berlinale in allen Sektionen des Festivals? Da ist selbst der versierte Organisationsstab überfordert.Tip also aus den Berlinale-Büros: "Schlagen Sie das Programm auf und zählen Sie selber nach." Es ist immer dasselbe: Für einen schnellen Überblick ist viel zu viel im Angebot.Geschätzt werden es rund 900 Filme sein, die in allen Sparten dieser Tage über Berliner Leinwände flimmern. Und dennoch ist das längst nicht alles.Denn außerhalb des ausgedruckten Programms gibt es noch Spezial-Vorführungen ausschließlich für ein geladenes Publikum.Zum Beispiel sogenannte Trade-Shows.Da mieten sich die Filmverleiher ein Kino abseits der offiziellen Berlinale-Spielstätten, um dort einen Film zu zeigen, der in einigen Monaten auf den Markt kommt, gleichzeitig aber keinen Platz in den Programmen des Festivals gefunden hat.Gründe dafür gibt es viele.Bei den Trade-Shows kommen Filmverleiher und Kinobetreiber zusammen, ein "inner circle" von vielen "inner circles", die sich dieser Tage in der Stadt versammelt.Aber nur hier geht es um das Kinogeschäft.Die Trade-Shows sind das, was der großen, unübersichtlichen Berlinale verlorengeht: Hier trifft sich die deutsche Kinowirtschaft. Ohne die Berlinale würde es sie in Berlin aber kaum geben.Festival und Geschäftsmeeting bedingen einander."Trade-Shows werden im Rahmen der Berlinale angeboten, weil zu diesem Zeitpunkt ohnehin viele Kinobetreiber in Berlin sind", erklärt Edmund Mattig, Verkaufsleiter des Berliner Verleihs Tobis-Filmkunst.Umgekehrt ist die Berlinale vor allem für Kinobetreiber aus kleineren Städten auch wegen der zahlreichen Trade-Shows attraktiv.Denn wichtiger noch, als mitzubekommen, wer mit den Goldenen und Silbernen Bären ausgezeichnet wird, ist für Kinomacher, was die Verleiher auf den Markt bringen.Und vor allem: zu welchen Konditionen sie es tun. Das Verleihgeschäft ist ein hartes Ringen.Von den Erlösen des Kartenverkaufs geht der größte Teil direkt in die Kasse des Filmverleihs - in der Regel um die 50 Prozent.Vom Rest werden die Kino-Betriebskosten gezahlt, genauso wie Personal und Steuern.Das Geschäft für den Betreiber wird also nicht mehr an der Kasse erzielt.Wichtiger sind der Getränkeabsatz, Werbung und Popcornverkauf.Je mehr (verzehrfreudige) Gäste, desto besser der Kontostand.Kein Wunder also, wenn sich Kinobetreiber bei ihrem Berlinale-Besuch auf die Trade-Shows stürzen.Denn hier wird nicht nur schnöde ein Film gezeigt, hier wird vorher und nachher miteinander gesprochen, bei einem Glas übers Geschäft geredet; hier treffen Kinobetreiber und Disponenten aufeinander, lernen sich kennen.Und das ist gut für die Verhandlungen.Denn so kommt der nächste Kassenschlager vielleicht ein bißchen schneller in die Kinos der Provinz.

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