Zeitung Heute : Widerspruch der Witwe

Er war ihre erste Liebe, sie seine letzte. Zehn Jahre nach Heiner Müllers Tod tritt Brigitte Maria Mayer wieder ins Licht

Verena Mayer

Es gibt ein Foto, das Heiner Müller mit seiner 36 Jahre jüngeren Frau zeigt. Müller dominiert das Bild, er trägt seine charakteristische Brille, hat die Lippen halb geöffnet. Die Frau lehnt an seiner Schulter, Müller umfasst ihren Kopf, als wolle er sie zugleich beschützen und verdecken. Von ihr sieht man nicht viel.

Das war im Dezember 1995 in einem Krankenhaus in München, kurz bevor Heiner Müller einen Tag vor Silvester seinem Krebsleiden erlag. Zehn Jahre später, an einem Dezembernachmittag, geht die Fotografin und Performance-Künstlerin Brigitte Maria Mayer in ihrem Studio in Berlin-Kreuzberg auf und ab. Auf einem Tisch stapeln sich Post und Zeitungen, dazwischen liegt ihr jüngster Bildband mit dem Titel „Der Tod ist ein Irrtum“, eine persönliche Dokumentation ihres Lebens mit Heiner Müller. Jetzt, zum zehnten Todestag ihres Mannes, tritt Brigitte Maria Mayer erstmals als Witwe wieder ins Rampenlicht.

Oft klingelt das Telefon, und jemand will etwas von ihr, die Galeristin, ein Freund, die Tochter. Im Herd backt ein Blech mit Keksen. Brigitte Maria Mayer läuft zwischen Handy und Herd hin und her, probiert einen Keks, stellt fest, dass er noch nicht durch ist, sagt das ihrer 13-jährigen Tochter am Telefon. Brigitte Maria Mayer ist 40 Jahre alt, eine kleine und schmale Person in Kapuzenshirt und Turnschuhen. Wenn sie später das Haus verlässt, wird sie eine Baseballkappe aufsetzen, die sie noch kindlicher und burschikoser wirken lässt. Sie spricht mit bayerischem Akzent. Alles an ihr hat etwas Unvermitteltes, Zupackendes, so, als wolle sie sich mit jeder Geste davor wappnen, nicht ernst genommen zu werden.

Das Studio hat sie mit Müller geteilt. Es ist halb Wohnung, halb Atelier. Auf einer Kommode steht ein Foto, auf dem die beiden mit der gemeinsamen Tochter zu sehen sind, sonst erinnert nichts an ihn auf den ersten Blick. Nachdem die letzten Trauernden und Journalisten weg waren damals, hat Brigitte Maria Mayer seine Sachen geordnet und diversen Institutionen übergeben. Der Wohnung ist anzumerken, dass sie kein Heiner-Müller-Museum sein soll. Das größte Bild ist ein Selbstporträt von Brigitte Maria Mayer.

Fünf Jahre teilte sie ihr Leben mit Heiner Müller. 1992 haben sie geheiratet, im selben Jahr kam ihre Tochter auf die Welt. Es war die Zeit, in der Müller sein Stück „Germania 3“ schrieb, sein letztes, die Zeit, in der er Präsident der Ost-Berliner Akademie der Künste war und Direktor des Berliner Ensembles. Brigitte Maria Mayer hat bald begonnen, mit ihm zusammenzuarbeiten, sie hat am Theater fotografiert, Bertolt Brechts „Arturo Ui“ etwa, Müllers letzte Inszenierung. Sie sagt, sie habe erst Fotos von der ganzen Bühne gemacht, habe das Bühnengeschehen als Gemälde festhalten wollen. Bis sich dann die ersten Schauspieler beschwerten, die sich auf Nahaufnahmen sehen wollten. Brigitte Maria Mayer erzählt das noch immer mit einer Mischung aus Belustigung und Befremden, man merkt, dass sie im Betrieb nicht heimisch wurde.

Ihren verstorbenen Mann, den alle nur „den Heiner“ nannten, nennt Brigitte Maria Mayer meistens Heiner Müller oder nur Müller. Wenn sie über ihn redet, scheint sie einen offiziellen Müller zu meinen, die deutsch-deutsche Ikone, den Müller, der Ende der 80er Jahre in Ost und West der meistgespielte deutsche Dramatiker war. Jemanden, den man noch immer teilen muss. Sie selbst habe sich damit abgefunden, sagt sie. Aber ihre Tochter leide darunter, dass da ein Vater ständig präsent und doch nicht anwesend sei.

Der Müller, den sie in dem bei Suhrkamp erschienenen Bildband zeigt, ist das Gegenteil des öffentlichen Müller, nach dessen Tod der halbe Berliner Osten stillzustehen schien, das Berliner Ensemble tagelang übervoll war mit Menschen, die den Rezitationen seiner Texte lauschten und sich ins Kondolenzbuch eintrugen. Brigitte Maria Mayer zeigt kleine, private Bilder einer Liebe; von der ersten Wegbeschreibung, die Müller ihr auf einen Gasthauszettel kritzelte, bis hin zu Nacktfotos aus der Schwangerschaft, die er von ihr machte. Es sind Bilder eines verstrubbelten Geliebten, eines Vaters, der sein Kind im Arm wiegt, eines vom Tod gezeichneten Mannes. Die Witwe will das Buch als „Statement“ verstanden wissen. Es richtet sich auch an jene, die in ihr eine unbedarfte Künstlermuse sehen wollten oder eine egoistische Ehefrau, die ihren Mann abschirmen will. Als das Buch diesen Herbst erschien, hätten sich Weggefährten Müllers bei ihr gemeldet, erzählt Brigitte Maria Mayer. Einer sagte: Damals haben wir dich alle gehasst. Aber jetzt, wo wir das Buch sehen – es war ja doch Liebe.

Sie steht wieder auf und zeigt einen hinteren Raum, es ist ihr Arbeitsplatz. Pinkfarbene Stellwände sind zu einer Art Bühne aufgebaut, hier hat sie ihren neuen Film gedreht, eine Mischung aus Performance und Theaterstück. Sie hat dafür Fotomodelle vorspielen lassen, spielt auch selbst mit, dem Film liegen unter anderem Texte von Heiner Müller und seiner zweiten Frau Inge zugrunde. Brigitte Maria Mayer schwankt noch, ob sie den Film, wie schon ihr Buch, „Der Tod ist ein Irrtum“ nach einem Satz von Heiner Müller nennen soll. Oder „Models BRD 2006“, das ist von ihr.

Den Widerspruch, ein eigenes Leben haben zu wollen und Teil eines berühmten Lebens zu sein, wird sie so bald nicht loswerden, auch wenn sie den offiziellen Veranstaltungen, mit denen dieser Tage ihres Mannes gedacht wird, fernbleiben wird. Seit Jahren arbeitet Brigitte Maria Mayer mit Müllers Texten. Sie blättert auf ihre patente Art die Mappe mit den Fotos auf. Es sind Bilder aus Peking, Brigitte Maria Mayer will Müllers „Titus Andronicus“ dort aufführen, mit chinesischen Schauspielern, und einen Film daraus machen.

In der Kunstszene bekannt wurde sie mit Fotos, auf denen historische Gemälde nachgestellt und verfremdet sind. Etwa Jacques-Louis Davids berühmtes Bild vom ermordeten Marat in der Badewanne aus dem Jahr 1793. Bei Mayer steckt im herabhängenden Unterarm des Mannes eine Heroinspritze. Das Theatralische, Barocke sei es, das sie interessiert, sagt sie. Es müsse eine Überhöhung geben, „vieles wird klein gemacht, das verhindert Leben“. Die „ständige Ironie“ am Theater finde sie „anstrengend“. Für die jungen Regisseure hat sie nicht viel übrig, „Generation Golf“ sagt sie dazu.

Sie gehört dieser Generation selbst an. Als Tochter eines Postbeamten ist Brigitte Maria Mayer in Regensburg geboren, wo sie „eine wattige westdeutsche Jugend“ verbrachte, wie sie es nennt. Die Bücher, die in der Schule gelesen wurden, interessierten sie nicht, ein Abonnement für das Theater nutzte sie als Vorwand, um heimlich in die Disko zu gehen. Sie war acht, als ihr Vater bei einem Autounfall starb, mit 17 hielt Brigitte Maria Mayer nichts mehr zu Hause. Sie zog aus, ging nach Kassel, und 1990 schließlich nach Berlin. Sie wohnte in Neukölln, jobbte bei einer Autovermietung am Flughafen Tegel, daneben arbeitete sie an ihrem Fotoband „Perfect Sister“.

Auf der Frankfurter Buchmesse 1990 wurde sie Müller vorgestellt. Sie wusste nicht, wer der Mann war. Später fragte Müller, ob sie denn überhaupt einen zeitgenössischen Dramatiker kenne. „Ich sagte: Thomas Bernhard, und er meinte: Na, ausgerechnet den.“ Aber Brigitte Maria Mayer wusste sofort, was sie, die 25-jährige Fotografin aus Bayern, an dem 61 Jahre alten Ostdeutschen faszinierte: „Die Tiefe, so ein Gefühl der Unendlichkeit. Bei ihm hat sich hinter jedem Raum noch ein weiterer Raum aufgetan. Heiner Müller, das war ein Mensch mit einem Anliegen.“ Es war ihre erste Liebe, alles davor seien Verhältnisse gewesen.

Er schreibt ihr eine „Declaration of Love“: „In deinen Augen grau / wächst meine Kindheit / stirbt mein Tod.“ Sie sagt, am meisten habe sie an ihm geliebt, dass er jemand war, der „nicht nur irdisch“ war. Sie zog zu ihm nach Berlin-Lichtenberg, „14. Stock, fünf Etagen höher als der meiner Kindheit am Stadtrand von Regensburg. Für mich Heimat und Ankunft in einer unendlich weiten Welt“. Gemeinsam fuhren die beiden nach Kuba, verbrachten einige Zeit in Los Angeles, in der Stipendiaten- Villa Aurora. Später lebten sie mit der Tochter in Brigitte Maria Mayers Kreuzberger Studio. Als Müller in München im Krankenhaus lag, war sie die meiste Zeit bei ihm im Zimmer.

Sie hat in jenen fünf Jahren höchstens ein, zwei Nächte ohne ihren Mann verbracht. Oft war es so, dass sie ihn zum Flughafen brachte oder er sie, und dann ist der andere doch noch für teures Geld mit ins Flugzeug eingestiegen. Es waren intensive Jahre, in denen Brigitte Maria Mayer, wie sie sagt, „Haltung entwickeln musste“. Müller kaufte ihr Bücher, sie las Shakespeare, Sophokles, Hölderlin. Er ermutigte sie, weiterzuarbeiten, ihre Kunst sei strenger geworden seither, sagt sie. Wenn man sich mit ihr unterhält, ist sie schnell bei gesellschaftspolitischen Fragen, beim Philosophen Peter Sloterdijk oder der Vereinzelung.

Sie bekam den ganzen Rummel mit, der um Müller gemacht wurde, die Journalisten, die Theaterleute. Komischerweise sei sie sich als Westdeutsche im Ost-Berliner Kulturbetrieb nie fehl am Platz vorgekommen. „Das war nicht so aufgeplustert, ich hatte das Gefühl, dass es um etwas geht, um einen theoretischen Überbau.“ Den Neid, den Argwohn bekam sie erst nach Müllers Tod zu spüren. Misstrauisch wurde sie von Müllers Weggefährten und den Medien beäugt, mit den Erben begannen zähe Streitigkeiten um den Nachlass. Sie verkaufte sein Archiv an die Akademie der Künste, um die Erben auszuzahlen, Müller hatte aus seiner ersten Ehe eine Tochter und aus der Ehe mit der Lyrikerin Inge Müller einen Adoptivsohn.

Sie kaufte 1996, 30 Jahre nachdem Inge Müller sich umgebracht hatte, einen neuen Grabplatz für sie und stiftete eine Sandsteinstele. Danach zog sie sich aus dem Müller-Business zurück. Sie sagt, sie wollte nicht immer „mit einem Toten im Arm“ kommen, keine dieser Künstlerwitwen sein, die ihr Leben lang über das Erbe ihres Mannes herrschen.

Aber es war ihr seit Müllers Tod ein Anliegen, das Buch über ihre Beziehung zu machen. Sie hat sehr lange daran gearbeitet, die Polaroids, die sie in den fünf Jahren voneinander gemacht haben, die Gedichte und Manuskripte, lagen auf dem Boden, wer Brigitte Maria Mayer besuchte, musste darüber steigen. Immer wieder sei sie die Fotos abgeschritten, habe überlegt, in welche Reihenfolge sie sie bringen könnte, „dass das Buch in seiner Angreifbarkeit diskret bleibt“. Sie hat sich dann für „brutale Chronologie“ entschieden, ein Prinzip, das Heiner Müller einmal für seine eigene Gesamtausgabe vorgeschlagen hat.

Ein Foto zeigt das Paar inmitten einer kubanischen Großfamilie. Er sitzt neben ihr, sie legt einen Arm um seinen Hals und drückt ihn lächelnd an sich. Brigitte Maria Mayer will, dass auch dieses Bild von Heiner Müller in der Öffentlichkeit überdauert: das Bild einer Liebe, die fünf Jahre lang ihr alleine galt.

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