Zeitung Heute : Widerstand zwecklos

Hans Monath

Als der Versammlungsleiter das Ergebnis der zweiten Abstimmung verliest: 398 Stimmen für Schulz, 300 für Ströbele, scheint Hans-Christian Ströbele minutenlang wie betäubt. Lange bleibt er auf seinem Platz am Rand sitzen, bevor er endlich aufsteht. Er weiß, dass diese Entscheidung ein Signal ist. Die Mehrheit seiner Partei hat sich von ihm abgewendet. Was ist ein Warner wie er ohne die Bühne Bündestag?

Mitglieder-Treffen der Berliner Grünen im kahlen Dachgeschoss einer alten AEG-Werkshalle in Wedding. Der Landesverband muss seine Listenkandidaten für die Bundestagswahl bestimmen. Wegen der Parlamentsverkleinerung gelten nur noch die ersten beiden Listenplätze als sicher, aber dafür haben sich gleich vier prominente Grüne beworben: Renate Künast, Andrea Fischer, Werner Schulz - und Hans-Christian Ströbele. An diesem Samstagabend erklärt der eigene Landesverband die bundespolitische Karriere des Hans-Christian Ströbele erst einmal für beendet. Die Versammlung gibt dem Ex-Bürgerrechtler Schulz den Vorzug.

Ströbele, Mitbegründer seiner Partei, hat sich an diesem Tag noch einmal Mühe gegeben, alle seine Trümpfe auszuspielen: seinen Einsatz für die Globalisierungskritiker, seinen Kampf gegen den Überwachungsstaat, seine Rolle bei der Aufklärung der CDU-Spendenaffäre und natürlich seine Haltung zum Militär. Doch jetzt ist zur Gewissheit geworden, was sich beim letzten Parteitag in Rostock schon abgezeichnet hatte: Ströbele spricht nicht mehr für die Grünen, Ströbele spricht nur noch für eine grüne Minderheit.

Ströbele war eine Ikone der 68er. Als Anwalt verteidigte er den RAF-Terroristen Andreas Baader. Wegen Missbrauchs der Verteidigertätigkeit wurde Ströbele 1975 vom Stammheim-Prozess ausgeschlossen, später wegen Unterstützung einer kriminellen Vereinigung zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Da hatte ihn die SPD schon aus der Partei geschmissen, weil er seine Mandanten als "Genossen" anredete. Noch heute nennt er die RAFler so.

Wer Ströbele heute in seiner düsteren Kanzlei am Spreeufer besucht, kann erleben, wie der Anwalt so lebendig von seinen und Rudi Dutschkes Irrtümern über die Nützlichkeit der Atomkraft erzählt, als sei der Star der Studentenbewegung nicht schon vor 22 Jahren gestorben. Die Aktenordner in Ströbeles Büro, die ein politisches Lebenswerk dokumentieren, reichen hier bis unter die Decke - von den RAF-Prozessen ("Festnahme Meinhof / Müller") bis hin zu den Protokollen jüngster Grünen-Parteitage.

Auf den Bundesversammlungen seiner Partei hatte sich Ströbele auch in den vergangenen Jahren immer wieder gegen jene Parteifreunde durchgesetzt, die aus der ehemaligen Protestbewegung eine funktionierende Regierungspartei machen wollten - seine liebste Rolle sei die des Linienpolizisten, "der aufpasst, dass keiner abweicht", höhnten seine Kritiker. Und es kam durchaus vor, dass konservative Abgeordnete mit erheblich mehr Respekt von dem Kollegen Ströbele sprachen als grüne Realpolitiker.

Im November in der Rostocker Stadthalle, beim Bundesparteitag, gab es einen Moment, da konnte man ahnen, dass für Ströbele schon alles verloren war: Auf der Leinwand über dem Podium sah man den Kopf eines älteren Mannes mit hageren Zügen und buschigen Brauen auf und nieder fahren. Die Augen, die doch oft vor Tatendrang zu funkeln scheinen, bickten seltsam starr in den Saal. Mit rauer Stimme redete Hans-Christian Ströbele, eine Schlüsselfigur in der Friedensdebatte, auf die Delegierten ein.

Aber es war schon keine Siegesgewissheit mehr, die er bei der Debatte um den Afghanistan-Einsatz verbreitete. Längst wusste er Bescheid über die Stimmung im Saal. Lange Jahre durfte sich Ströbele auf Parteitagen als Hohepriester grüner Herzenswünsche fühlen. Doch nun konnte er plötzlich die Kluft zwischen dem Podium und den Bänken, auf denen die Basis saß, nicht mehr überbrücken. Und so versuchte er gar nicht mehr, das neue, bedingte Bekenntnis zu Militäreinsätzen zu verhindern. Er warb nur noch darum, den Schnitt nicht gar zu hart zu machen.

Zum Schluss unterstützten nur noch zwanzig Prozent der Delegierten seine Absage an eine regierungstaugliche Außenpolitik. Wochen-, wenn nicht monatelang hatte der Organisator des linken Flügels seiner Fraktion die eigene Regierung in Atem gehalten. Im Reichstag begann keine der zahlreichen Sondersitzungen der Grünen zum Afghanistan- Einsatz, ohne dass Ströbele den Fernsehteams seine jüngste Warnung vor dem Krieg gegen die afghanische Bevölkerung erklärt hätte. Denn Ströbele war der eigentliche Kopf jener acht Grünen-Abgeordneten ("G 8"), die sich dem Kurs ihres eigenen Außenministers öffentlich verweigerten - viel routinierter, viel strategischer und auch viel abgebrühter als manch andere, denen die Nerven flatterten.

Fast jeder von Ströbeles Sätzen zum Anti- Terror-Einsatz war den Nachrichtenagenturen in diesen aufgeregten Wochen eine Meldung wert - denn am Widerstand der Acht drohte die rot-grüne Regierung insgesamt zu scheitern, nachdem der Kanzler die Vertrauensfrage gestellt hatte.

Dabei war der Gegner des Golf-Kriegs, des Kosovo-Kriegs und des Afghanistan-Kriegs nie Pazifist. Weder als junger Mann während seiner Bundeswehrzeit bei der Luftwaffe in Aurich noch später, als er "Waffen für El Salvador" sammelte. Doch vor der Nominierungsversammlung vom Wochenende warb Ströbele, der als letzter von drei Kandidaten für den zweiten Listenplatz sprach: "Die Grünen sind und bleiben die Partei der Friedensbewegung." Aber nach dem rhetorischen Feuerwerk von Werner Schulz, der sich als "bürgerlichen Reformoptimisten" empfohlen hatte, wirkte Ströbele plötzlich auf viele in der Versammlung sehr, sehr müde.

Dabei haben auch die erbittertsten innerparteilichen Gegner dem 62-Jährigen nie abgesprochen, dass er für seine Ziele immer mit beeindruckender Energie gekämpft hat. Die bezieht er vor allem aus Überzeugungen, die er in der Studentenrevolte gewonnen hat: Er glaubt fest daran, dass nach dem Scheitern des Staatssozialismus einmal "etwas Neues" den Kampf um sozial gerechte Verhältnisse zu Ende führt. Politisch geprägt wurde der Sohn aus gutem bürgerlichen Hause in den späten 60er Jahren in Berlin, wo er mit Horst Mahler und Klaus Eschen das "Sozialistische Anwaltskollektiv" gründete. Erst der Tod Benno Ohnesorgs beim Schah-Besuch im Jahr 1976 machte aus ihm einen Revolutionär. Zuvor hatte Ströbele seinen Wehrdienst bei der Luftwaffe absolviert, das Springer-Blatt "Welt" gelesen und von einem Porsche geträumt.

Hans-Christian Ströbele hat mehr als zwanzig Jahre das Profil der Partei mitbestimmt. Einige wenige Irrtümer und sehr viele Niederlagen hat er in seiner Karriere überwunden. Die meisten Niederlagen hat er unbeschadet überstanden.

Manche Berliner Grüne und Ströbele-Anhänger spekulierten am Sonnabend schon darüber, ob der Geschlagene um das Direktmandat in Kreuzberg kämpfen werde - bei der letzten Bundestagswahl hatte er dort immerhin 29 Prozent der Erststimmen geholt. Ströbele selbst hat nur fast tonlos eingeräumt, er wisse noch nicht, wie es nun weitergeht. "Darüber", sagte er, "muss ich mich erst mit meinen Freunden beraten."

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