Zeitung Heute : Wie aus der Ferne

SYBILL MAHLKE

Deutsche Oper: Thielemann dirigiert den "Fliegenden Holländer"SYBILL MAHLKERichard Wagner ist 28 Jahre alt, als er mit dem "Fliegenden Holländer" "meine Laufbahn als Dichter" aufnimmt und "die des Verfertigers von Operntexten verließ".Da ist die Arroganz des Genies und im Werk die Vorahnung des "Tristan".Zwei Liebende als Fremdlinge in ihrer Umwelt.Und doch prägt die Partitur des Jugendwerkes sehr wesentlich stilistische Heterogenität. Christian Thielemann, der diese Brüche, den Buffo- und Romanzenton der Nebenfiguren, die populären Sachen, die jeder aus dem Kopf nachsingen kann, im Gegensatz zur inneren Handlung zwischen Senta und dem Holländer nicht leugnet, gibt dem Werk seine Jugend zurück.Das geht nicht ohne Reibungen ab, aber der Dirigent und das wieder sehr verantwortliche Orchester, das über eine Viertelstunde vor Beginn der Vorstellung an den Pulten beim Einspielen zu beobachten ist, machen die Vielfalt in vielen Details griffig: feines Gefühl (der Holzbläser zumal), als wirkliches Zentrum das Duett im zweiten Akt, neben pauschalem Schwung, wie er auch in den Noten steht, immer spannend. Götz Friedrichs Inszenierung, die der Regisseur bei den Wiederaufnahmeproben überwacht hat, was spürbar ist, erfährt damit nach der musikalisch verunglückten März-Premiere eine Wiedergutmachnung, die in dieser Form auch auf der Japan-Tournee reüssieren könnte.Die Aufführung in der Deutschen Oper ist in vier Hauptpartien neu besetzt, deren Spitzen dann leider nicht dabei sein werden.Neben Kurt Rydl und Wolfgang Schmidt, die ihren Daland beziehungsweise Erik noch überwiegend laut und eigenschaftslos singen ­ auch diese opernhaften Figuren lassen mehr Charakeristik zu ­, gehen zwei Sterne auf: Elisabeth Meyer-Topsoe als Senta und Esa Ruuttunen in der Titelrolle. Das Paar harmoniert und fasziniert, weil beide vom "tönenden Schweigen" ihrer Partien wissen, aus dem der Klang aufgeht.Da gibt es noch manche kleine Fragilität, aber viel mehr musikalische Interessantheit, sichere strahlende Höhen der jungen Dänin, bewegendes Piano des Finnen beim Auftritt des bleichen Seemanns ­ "Die Frist ist um" ­ und am Beginn des Duetts "Wie aus der Ferne längst vergangener Zeiten", diesem Kunstwerk zweier aus der Verschwiegenheit aufblühender Monologe, das selten so erfühlt und erfüllt gehört worden ist.

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