Zeitung Heute : Wie, bitte, knackt man den "Midtbanefemman"?

MARSEILLE .Ausgerechnet die Erfinder des "Catenaccio" müssen im ersten WM-Achtelfinale heute (16 Uhr 30/live im ZDF) gegen Norwegens Abwehr-Riegel ihre Meisterprüfung als neue Offensiv-Asse ablegen."Die Norweger stehen mit zehn Mann hinten drin, und vorne vertrauen sie auf ihre einzige Spitze Tore Andre Flo", stöhnte Italiens Trainer Cesare Maldini.Der Respekt vor "Flonaldo" und dem "Wikinger-Beton" mit Vierer-Abwehrkette und der Fünfer-Linie im Mittelfeld, welche die Norweger "Midtbanefemman" nennen, ist groß: "Die Norweger sind seit 17 Spielen ungeschlagen und haben zweimal Brasilien geschlagen, das sagt doch alles", meinte Maldini.Der frühere norwegische Nationalspieler und Bundesliga-Legionär Rune Bratseth hatte allerdings während der WM das Team teilweise hart kritisiert.Deshalb darf man Maldinis Äußerungen ruhig als Zweckpessismismus einstufen.Er will mit seiner Lobeyhymne lediglich verhindern, daß seine Spieler überheblich werden.

Der 66jährige Maldini will im 50.Spiel dieser WM-Endrunde, das vom deutschen Schiedsrichter Bernd Heynemann (Magdeburg) geleitet wird, mit einer 3-5-2-Formation den Zehner-Riegel knacken.In der Abwehr vertraut er nach dem Ausfall von Nesta (Kreuzbandriß) auf den 34jährigen Giuseppe Bergomi (80.Länderspiel) als Libero und seinen Sohn Paolo: "Er wird den Riesen Flo decken." Für Tore soll die "Staffel des Lächelns" sorgen, jenes bislang umjubelte Sturmquartett mit Christian Vieri (4 Tore), Allessandro del Piero, Roberto Baggio (2) und Filippo Inzaghi."Meine Champions", so Maldini.

Anfangen werden Torgarant Vieri und del Piero, der sich selbst unter Erfolgsdruck setzt: "Mein Job ist Toreschießen, und das habe ich bis jetzt noch nicht getan", sagte der 23jährige."Luxus-Joker" Roberto Baggio wird notgedrungen, aber angeblich geduldig auf der Bank auf seine Chance warten: "Mit dieser Situation kann ich glänzend leben.Del Piero ist so alt wie mein Bruder Eddy, und deshalb sehe ich ihn wie einen kleinen Bruder an.Italien kann hier ganz weit kommen, nur das habe ich in meinem Kopf."

Als gutes Omen werten die Italiener, daß sie bei der WM vor 60 Jahren schon einmal im Stade Velodrome und ebenfalls im Achtelfinale Norwegen mit 2:1 n.V.besiegten und anschließend Weltmeister wurden.Die Norweger wollen allerdings weniger Revanche für 1938 nehmen."Wir wollen Revanche für 1994.Es wird ein spannendes Spiel, vielleicht über 120 Minuten", sagte Hertha-Profi Kjetil Rekdal.

Norwegens Coach Egil Olsen hat "die schlimmste Stunde meiner Karriere als Trainer" ebenfalls nicht vergessen.Vor vier Jahren sah im letzten Vorrundenspiel Italiens Schlußmann Pagliuca nach 20 Spielminuten die Rote Karte, doch ein Tor von Dino Baggio in der 70.Minute bewahrte die "Azzurri" trotz Unterzahl vor dem Ausscheiden, während die Skandinavier enttäuscht nach Hause fahren mußten.

"Wir haben uns seit der letzten WM gesteigert", sagte der ehemalige Bremer Rune Bratseth, der 1994 noch auf dem Platz dabei war und in Frankreich als Kolumnist für eine norwegische Zeitung arbeitet.Auch er sieht den Schlüssel darin, wie die Italiener mit Norwegens 4-5-1-Bollwerk zurechtkommen."Dieses System ist in der Defensive total überlegen.Es ist furchtbar, dagegen zu spielen.Ich gehe aber davon aus, daß die Italiener sich mehr ausgedacht haben werden als die Brasilianer.Wenn sie aber ebenfalls nur blöd durch die Mitte spielen, wäre das für uns wunderbar", erklärte Bratseth.

Trainer Egil Olsen wird die Taktik vom "Last-Minute-Triumph" gegen Brasilien beibehalten.Der Professor für Sport ist Optimist: "Warum soll jemand, der Brasilien schlagen kann, nicht auch Italien bezwingen?" Am Freitag wurde im "Stade Municipal Carcassone" in Aix-en-Provence sicherheitshalber schon einmal für ein Elfmeterschießen geprobt: "Wer schießt, würde sicherlich nicht erst nach der Verlängerung im Mittelkreis entschieden", kündigte Rekdal an, der gegen Brasilien in vorletzter Minute den entscheidenden Strafstoß zum 2:1-Erfolg verwandelt hatte und wiederum mutig vorangehen würde."Eins ist klar: Ich würde als erster schießen."

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