Zeitung Heute : Wie denkt das größte Hirn der Welt?

Die Internet-Suchmaschine Google ist ein Wunder: Sie arbeitet perfekt und ist ökonomisch erfolgreich. Und sie hat ein Zuhause. Ein Besuch in San Francisco

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Von Norbert Thomma

Dies ist eine Reise in das endlose Universum des Wissens. Das Tempo kann einem den Atem nehmen, und manchmal wird einem auch schwindelig vor Staunen. Es sind in diesem Universum keine Aktenschränke zu sehen und keine verstaubten Folianten. Es werden dort auch keine grauhaarigen Bibliothekare auf Leitern steigen und in Regalen wühlen. Kein Handregister steht da, kein Index der Bestände. Und trotzdem wird es in diesem Universum des Wissens keine Frage geben, die ohne Antwort bleibt.

Es liegen dort Informationen über den Brückenbau der alten Römer ebenso wie die Lieder der Beatles. Es liegen dort die Kataloge von TUI und die Geburtsstätten aller chinesischen Dichter. Es liegen dort die schönsten Sandstrände Hawaiis und die Formel zur Berechnung von Staus auf Autobahnen. Gibt es irgendwas, was dort nicht zu finden wäre?

Es ist ein Wunder. Es ist die Welt von Google.

Das Tor zu dieser Welt steht in Kalifornien. Gut eine Stunde dauert die Fahrt von San Francisco nach Süden, Highway 101, ins Herz des Silicon Valley. Von der Ausfahrt Mountain View ist es nicht weit zum Bayshore Parkway. Nummer 2400 ist ein einstöckiges Gebäude, in mildem Grün gestrichen und langgezogen. Hohe Tanne spenden Schatten, dazwischen Pinien, Zedern, Efeu rankt. Der Eingang ist kaum zu finden, er führt in einen kleinen Empfangsraum. Ein Projektor wirft Schriftzeichen an eine Wand, die fortlaufend durch neue ersetzt werden.

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Irgendwer möchte etwas davon wissen. Irgend jemand auf diesem Globus sucht ein Urlaubsziel, ein Tier, ein Buch, eine Biographie. Irgendwo auf einem der fünf Kontinente hat ein Mensch in seinem Computer die Webseite von Google aufgerufen, in ein kleines Fenster den von ihm gewünschten Begriff getippt und dann „Suche“ angeklickt.

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Er bekommt 7590000 Ergebnisse in 0,14 Sekunden. An erster Stelle findet sich, was es im Internet alles kostenlos gibt.

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Nach 0,17 Sekunden stellt die Suchmaschiene dem Computer 1090000 gefundene Ergebnisse zur Verfügung. Der erste Treffer ist die offizielle Webseite der Insel. Hier gibt es Landkarten, Unterkünfte, Informationen über Tourismus und Geschäfte undsoweiter. Es ist eine englische Seite. Wer will fährt mit der Maus auf „Diese Seite übersetzen“ – schon liefert das Google-Programm das Ganze in deutscher Sprache.

150 Millionen mal passiert das jeden Tag. 150 Millionen mal täglich wird Google nach etwas gefragt, und 150 Millionen mal spuckt die Suchmaschine endlose Listen aus. Sie liefert sie im Bruchteil einer Sekunde an jeden beliebigen Ort der Erde. Sie hat die versandten Dokumente zuvor auf der ganzen Welt eingesammelt. Sie hat sie durchsucht, gelesen, bewertet, nach Qualität sortiert und in die richtige Reihenfolge gebracht.

0,14 Sekunden, mehr als sieben Millionen Seiten, nur bei dem Wörtchen „kostenlos“? Wie zum Teufel machen die das? Woher diese irrsinnige Geschwindigkeit? Und was sind das für Menschen, die dieses technologische Wunder geschaffen haben?

Einer der Hexenmeister kaut gerade an einem pikant marinierten Hühnerschlegel. Gemütlich sitzt Urs Hölzle auf der Terrasse der Google-Kantine und lässt sich von der kalifornischen Sonne wärmen. Es ist Mittagszeit, und an den Nebentischen essen junge Leute in Jeans und T-Shirt Brokkolisuppe und Gemüsegratin und Feigenkuchen. Die Elite der High-Tech-Branche macht mal Pause.

Hölzle ist mit 39 Jahren ein Veteran. Er war schon wer, als er hier anfing, graduiert in Stanford, wissenschaftlich ausgezeichnet und Chef einer eigenen Firma, die von Sun Microsystems aufgekauft wurde. Er ist einer von diesen Spezialisten, die einem Laien nicht so leicht erklären können, was sie beruflich so tun. Wenn ihn also jemand fragt, dann sagt er nur: „Ich mache Google schnell.“

Er macht dies mit einem einfachen Prinzip. Er lässt die Arbeit nicht von einem riesigen Rechner erledigen, sondern von vielen. Er hat mehr als 10000 PCs mit dem billigen Linux-Programm parallel geschaltet. Sie suchen jeder für sich nach Dokumenten, Arbeitsteilung spart Zeit. Außerdem sind Großrechner anfällig. Und unflexibel. Wenn Google seine Kapazitäten erweitern will, dann schieben sie kurzerhand ein paar Hundert PCs zusätzlich in ihr Hirn.

Nach und nach haben sie diese vielen kleinen Rechner zu einem Megahirn verflochten. Mehr als zwei Milliarden Dokumente sind darin inzwischen gespeichert; dazu noch 400 Millionen Fotos und 700 Millionen Nachrichten aus den Diskussionsforen des Usenet. Was für ein Volumen. Würden die Dokumente ausgedruckt, ergäbe das einen Stapel Papier von 176Kilometern Höhe.

Man würde es nun gerne sehen, dieses Monster von einem Hirn. Hölzle bedauert. Es liegt nicht hier im Hauptquartier, dem Googleplex. Und man dürfe sich das auch nicht wie eine einzige, große Hirnmasse vorstellen. Sie haben ihr Hirn in zwei Hälften geteilt und in gut gekühlten Hallen gelagert. Die eine Hälfte liegt irgendwo hier in der Nähe, die andere 4000 Kilometer entfernt an der Ostküste. Es wäre sonst zu gefährlich.

Am Silicon Valley ist die Erde in Bewegung. Nicht weit von Mountain View sieht man vom Auto aus den San-Andreas-Graben, einen mit Wasser gefüllten Spalt, 18 Kilometer lang und wunderschön. Irgendwann werden dort zwei gewaltige Erdplatten wieder das Land zum Beben bringen, und soll sich dann der Boden auftun und all dieses Wissen verschlingen? So, wie vor gut 2000 Jahren die Bibliothek von Alexandria in einer Feuersbrunst verschwand und damit das Gedächtnis der Antike? Und außerdem: Die Übertragungszeiten von der Ostküste nach Europa sind um ein Fünftel kürzer als vom Silicon Valley aus. 20 Prozent von 0,14 Sekunden, was für ein Zeitgewinn.

Urs Hölzle zerlegt Backkartoffeln und grünen Spargel in mundgerechte Happen. Seinen Vollbart durchziehen erste graue Fäden, die Füße stecken in feuerwehrroten Socken, und ruhig wie der Teich neben der Kantine liegt sein zottelbäriger Hund Yoschka, ein Leonberger. Hölzle ist bei Google Inc. der Mitarbeiter Nummer 7. Der junge Kerl da drüben, das könnten der Mitarbeiter 198 sein, oder diese dort da die Mitarbeiterin 329, wer weiß das noch so genau. Hölzle weiß nur, dass der ganze Laden aus sechs Personen bestand, als er im April 1999 dazu kam. Nun sind es 400. Jeden Tag schleppen sie neue Schreibtische herbei und Computer und Telefone.

Ein bisschen ist dieser ganze Google-Boom unheimlich. Denn eigentlich ist Krise in der New Economy. Seit dem Frühjahr 2000 mussten 788 US-Internet-Firmen schließen, 600000 High-Tech-Arbeiter wurden entlassen, davon allein 144242 hier im Silicon Valley. Der „Spiegel“ hat das ausgerechnet, und das war, noch bevor Enron Pleite ging und Worldcom Bilanzen fälschte.

Auf ganze drei Jahre schaut Hölzle nun zurück, und er schüttelt fast belustigt den Kopf. „Es ist ein Wahnsinn an Wachstum“, sagt er mit eidgenössischem Tonfall, „aber man gewöhnt sich daran.“ Und er braucht nur ein paar Zahlen zu nennen, um einem dieses Turbotempo klar zu machen:

Im Frühjahr 2000 lief die Suche bei Google auf 2000 PCs, es sind fünfmal so viele geworden. Anfangs kamen 100000 Anfragen täglich, im Sommer ’99 schon eine Million, vergangenes Jahr lag das Volumen bei 50 Millionen, nur sind es drei Mal so viele jeden Tag. Im Frühjahr 2000 hatte Google 135 Millionen Webseiten gespeichert, im Juli bereits eine Milliarde, derzeit bunkert das Megahirn 2469940685 Dokumente – ohne Extras.

Es ist ein Leben im Zeitraffer. Was gestern noch galt, ist heute veraltet. So kam das Magazin „Spiegel-Reporter“ vor zwei Jahren in einem Artikel über Suchmaschinen zu dem traurigen Fazit: „Kaum jemand kennt Google.“ Acht Monate später konnten die Marktforscher melden, Google sei in den USA und in Deutschland zur führenden Suchmaschine geworden. Inzwischen werden 52 Prozent aller Anfragen im World Wide Web über Google abgewickelt; danach kommt Yahoo mit 20 Prozent, und die arbeiten mit Google-Technologie. Die Suche im Netz ist zu einem Verb geronnen: to google, googeln.

Der Zahnarzt kommt ins Büro

Ein kleiner Rundgang im Tempel des Wissens. Gleich unten in der Lobby bietet die Empfangsdame kühle Obstsäfte an, biologische natürlich, Apfel, Kiwi, Orange, Grapefruit. Ein schwarzer Yamaha-Flügel steht da, aufgeblättert die Noten von Duke Ellington und Debussy. Neben zwei roten Sofas und gelben Knautschkissen und riesigen Sitzbällen wabern bunte Lavalampen neben Zimmerpalmen; in einem Glas blubbern Plastikfische, der Teppichboden hat farbige Flecken. Willkommen in der schönen, grellen Welt der Start-up-Unternehmen. Ein bisschen narrisch und wahnsinnig kreativ.

Draußen vor dem Gebäude steht als sichtbares Zeichen des Wohlstands ein weißes Wohnmobil, elf Meter lang. „Wir bringen die Zahnpraxis zu Ihnen!“ ist darauf zu lesen. Ein gepflegtes Gebiss kostet ein Vermögen in den USA. Die Reichen lächeln perlweiß. Und also lockten im Boom der New Economy die Firmen ihr rares Personal nicht nur mit gigantischen Gehältern und Aktienoptionen, sondern auch mit kostenloser Zahnbehandlung.

Natürlich ist das auch bei Google so. Und natürlich lassen sich hier auch all die anderen Extras besichtigen, für die die Dotcom-Branche berühmt wurde. Gleich neben dem Eingang zeigen sie einem den Fitnessraum mit Spiegelwand, Laufband, Rudergerät, Fahrrad und Gewichten. Im ersten Stock das Zimmer mit der Massagebank für die verspannten Nacken. Die Haare sind zu lang? Kein Problem, der Friseur kommt ins Haus.

Und doch sagt Urs Hölzle, der Mitarbeiter Nummer 7, etwas ganz anderes habe ihn zu Google geführt: „Die Idee.“ Es war die Idee der beiden Firmengründer Larry Page, heute 29, und Sergey Brin, 28. Zwar schien damals, 1997, der Markt an Suchmaschinen schon aufgeteilt. Es gab ja Altavista, Infoseek, den Katalog Yahoo. Aber deren Resultate waren beliebig. Welche Seiten im weltweiten Netz waren wirklich wichtig? Und wie konnte man sie finden? Hölzle sagt, man musste schon Informatiker sein, um mit den Veteranen unter den Suchmaschinen präzise Antworten zu bekommen.

Die Rechner waren dumm. Sie zählten beim Stichwort „Shakespeare“ einfach die Anzahl der Nennungen auf einer Web-Seite, wer also zehn Mal Shakespeare in einen Text schrieb, landete bei der Suche weit vorne. Sex-Seiten tricksten sich auf diese Weise an die Spitze der Ergebnislisten. Und dann waren da noch die, die für ihre prominente Platzierung bezahlten, versteckte Werbung also.

Page und Brin konstruierten ihre Suchmaschine als Hitliste. Was oben zu finden ist sollte das Beste sein, objektiv und nicht mit Dollar bezahlt. Sie nutzten dazu die Logik des World Wide Web. Auf den meisten Seiten finden sich Verweise auf andere Seiten, so genannte Hyper-Links. Eine Seite, die häufig empfohlen wird, muss wichtig sein. Wenn diese wichtige Webseite wiederum auf eine andere verweist, gewinnt auch dieser Link eine höhere Bedeutung. Damit steigt auch diese Seite im Ranking. Page-Rank nannte das Duo seine Erfindung. Und natürlich ist der komplizierte mathematische Algorithmus dahinter streng geheim. Denn die Qualität der Suchergebnisse ist die Basis des sagenhaften Erfolgs.

Man kann sich das Procedere wie einen Fantasy-Film vorstellen: Unermüdlich krabbeln Armeen von winzigen Suchrobotern in Datenleitungen durch das Universum des Wissens. Kaum hat einer der Google-Robs einen Computer entdeckt, schon schaut er auf die Webseite. Er brummt „Ooch, das kenn’ ich schon“ und lässt sie liegen. Eine unnötige Kopie würde nur das Megahirn belasten. Die nächste Seite ist in ungarisch geschrieben, das erkennt der Roboter, den Inhalt versteht er nicht. Aber er findet einen Link, steckt die Seite ein und schleicht der Empfehlung nach. Er krabbelt nach Ulan-Bator und weiter nach Kuopio, von dort nach Dingolfing und weiter nach Montevideo – beharrlich erkrabbeln die vielen Roboter das gesamte Netz. Und nach getaner Arbeit geben sie ihre Funde beim Megahirn ab – zum Speichern.

Das Verfeinern des Page-Ranking war ein Geniestreich von Sergey Brin und Larry Page, ihre Geschichte ist eines dieser klassischen New-Economy-Märchen. Viele davon sind am Ende dem bösen Wolf zum Opfer gefallen. Doch Google erscheint wie der kleine Prinz, und natürlich kann jeder im High-Tech-Land diese Fabel erzählen: Wie zwei hoffnungsvolle Stanford-Studenten ihre Promotion abbrachen, weil sie einen Geistesblitz hatten; wie der Gründer von Sun Microsystems nach einer kurzen Erklärung den beiden mal eben einen Scheck von 100000 Dollar ausstellte, um ihnen auf die Beine zu helfen; wie eine Tischtennisplatte das erste Möbelstück der Firma wurde; wie Risiko-Kapitalisten mit 25 Millionen Dollar den Grundstock für Google legten; und dass Google sich von Googol herleitet, einer 1 mit einhundert Nullen dahinter.

Fürs Management wurden inzwischen erfahrene Branchengrößen eingestellt, die beiden Gründer wollen sich künftig wieder um die Technologie kümmern. Sie tun das auf gut 20 Quadratmetern mit zwei Schreibtischen und vier Computer-Bildschirmen. Ein beiges und ein schwarzes Sofa verstopfen das Zimmer, das Durcheinander komplettieren ein Stoffelefant, Holzpapagei, Plüschlöwe und eine Champagnerflasche.

Verblüffend ist nicht nur die technische Seite, verblüffend ist auch das wirtschaftliche Wunder. Rings ums Valley nur Pleiten, doch Google schreibt seit zwei Jahren schwarze Zahlen. Wie geht das? Wo doch jeder die Suchmaschine kostenlos nutzen kann?

Diese Frage müsste Omid Kordestani beantworten können, 38 Jahre alt und im Management ganz oben. Man erkennt das schon daran, dass er ohne das hausübliche studentische Outfit ist. Er trägt einen dezent glänzenden grauen Anzug und ein graues Hemd, ein Charmeur. Kordestani hat eine Karriere als Verkaufsdirektor bei Netscape hinter sich.

Herr Kordestani, das „Wall Street Journal“ schätzt Ihren Umsatz auf zuletzt etwa 70 Millionen Dollar jährlich. – Herr Kordestani lächelt.

Yahoo nutzt die Google-Technik für 6,1 Millionen Dollar per annum, meint die „New York Times“. – Herr Kordestani hebt leicht die Arme.

Alle erwarten einen baldigen Börsengang. Wann wird der sein? – Herr Kordestani sagt, im Moment noch nicht.

Solange ein Unternehmen nicht an der Börse ist, muss es keine Zahlen bekannt geben. Und dass Google noch nicht an der Börse ist, gilt als eine der wunderlichen Marotten dieser Firma. Der „Economist“ staunte: „Auch wirtschaftlich bewegt sich Google gegen den Mainstream.“ Denn Raffgier war stets ein Kennzeichen der New Economy, den schnellen Dollar hat noch keiner liegen lassen. Und Googles Wert bei einem Börsengang wird an der Wall Street mit mehreren Milliarden Dollar gehandelt. Herr Kordestani sagt, es seien auf dem Weg nach oben „zu viele über die Klippe geflogen“. Das hat als Warnung gereicht. Sie pflegen lieber die konservative Vorsicht der Old Economy.

Keine Zahlen also? Doch, sagt der Manager, wieviele Bewerbungen bekommen wir jeden Tag? Gut eintausend, sagt seine Assistentin. Und noch was, sagt der Manager, wir machen seit einem Jahr Gewinn.

In Millisekunden nach Leipzig

Wenn auch die genauen Summen von Kordestani ungenannt bleiben, sein Geschäft hat zwei Standbeine. Da ist einmal der Verkauf von Lizenzen. Jede Firma kann sich wie Yahoo die Suchtechnik von Google besorgen. Gerade wurde ein Vertrag mit AOL geschlossen – geschätztes Volumen 80 Millionen Dollar – und damit der Google-Konkurrent Overture Services ausgestochen. Overture-Aktien verloren im Nu 35 Prozent ihres Werts.

Und da sind andererseits die von Werbekunden bezahlten Links auf den Google-Seiten. Dezent als kleine Textanzeigen stehen sie grau unterlegt neben den Ergebnissen – die Rangliste der Treffer bleibt davon völlig unberührt. Und man sieht keine bunten Werbebanner, keine blickenden Bilder. Auch die Google-Startseite ist von fanatischer Schlichtheit. Funktional eben. Nutzer schätzen das, denn Nutzer sind faul. Nach einer Umfrage sind drei Viertel von ihnen frustriert vom Suchen, nach zwölf erfolglosen Minuten schalten sie ab. Sie wollen erstklassige Treffer im Eiltempo.

Ein Besuch im Labor der Zukunft. Alex Franz, 36, sitzt in der Abteilung Forschung an einem Schreibtisch aus zwei Holzböcken. Hier wurde die Ergebnissuche für 35 Sprachen zugänglich gemacht und die Benutzeroberfläche für 82 Spachen ausgetüftelt; hier wurde der Nachrichten-Service entwickelt, bei dem Artikel großer Zeitungen zu Themen gebündelt werden; hier haben sie mit der Entwicklung einer Schreibkorrektur den Nutzern ihre Tippfehler verziehen: Wer beispielsweise „Gregor Güsi“ eingibt, den fragt die Google-Seite freundlich: „Meinten Sie Gysi?“ – und zeigt die gesuchten Seiten gleich an.

Das ist das Heute. Das Morgen führt Franz mit sichtlichem Vergnügen vor. „San Francisco Thai Restaurant“ sagt der laut zu seinem Computer. Der antwortet diffus etwas mit „Drogen“. Die Spracherkennung ist noch nicht ganz ausgereift. Erst ein Informatiker mit reinem Westküstenakzent bringt den Bildschirm dazu, Lokale mit thailändischem Essen aufzulisten. Doch irgendwann einmal soll ein hungriger Autofahrer nur seine Wünsche aussprechen müssen, und dann antwortet ihm die Suchmaschine mit klarer Stimme und den aktuellen Tipps.

Das kann noch dauern. Doch damit die Europäer ihre ganz normalen Antworten schon jetzt noch rascher bekommen, will Google eine Datenbank bei Zürich aufbauen. Jede Antwort wäre dann 100 Millisekunden schneller in Stockholm oder Leipzig. 100 Millisekunden? Ein Zwinkern mit dem Auge dauert drei Mal so lang. Aber im Universum des Wissens sind Millisekunden eine Ewigkeit.

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