• Wie der Hase ins Bild gesetzt wurde: Verehrt, vermenschlicht und verfremdet: ein Streifzug durch das Unterholz der Kunstgeschichte

Wie der Hase ins Bild gesetzt wurde : Verehrt, vermenschlicht und verfremdet: ein Streifzug durch das Unterholz der Kunstgeschichte

von
Piet Mondrians
Piet Mondrians

Joseph Beuys war ein so großer Anhänger des Hasen, dass er sogar die Kühlerfigur seines Bentleys durch ein Langohr ersetzte. An der Weste, die Beuys stets trug, haftete ein Stück Hasenfell, und in der Tasche besagter Weste trug Beuys Hasenköttel mit sich herum. „Den Hasen hat Beuys als sein Wappentier auserkoren“, sagt Eugen Blume, Leiter des Hamburger Bahnhofs und Beuys-Experte. Der Künstler selbst bezeichnete sich als „Hasomanen“.

Nicht alle Vertreter der Kunstgeschichte waren so in dieses Tier vernarrt wie Beuys. Zu finden ist der Hase jedoch durch alle Epochen hinweg. Seit der Antike steht er für Wiedergeburt, Fruchtbarkeit und Sinneslust – schließlich galt er als gejagtes Tier und überlebte nur durch ausgiebige Vermehrung. So trat der Hase in Darstellungen auch häufig an der Seite von Aphrodite, der griechischen Liebesgöttin, in Erscheinung.

In der christlichen Kunst dagegen war seine Bedeutung ambivalent. Als Symbol für die Sinnesfreude galt er auch als Zeichen der Wollust. Da er als gejagtes Wesen auf hohe Felsen flüchtete, stand er in der christlichen Kunst ebenfalls als Zeichen für den steinigen Weg zur Erlösung. In der berühmten Darstellung der drei Hasen, wie sie etwa im sogenannten „Dreihasenfenster“ am Paderborner Dom zu sehen ist, erlangt er eine dritte Bedeutung: die Dreifaltigkeit. Die drei Hasen sind so im Dreieck angeordnet, dass sie je zwei Ohren zu haben scheinen. Insgesamt sind statt sechs jedoch nur drei Ohren zu sehen.

Aus der antiken Bedeutung des Hasen für Lebenskraft und Wiedergeburt erklärt sich auch seine Symbolik für das christliche Osterfest und die Auferstehung. Wie genau er schließlich zum Eierlieferanten wurde, ist allerdings nicht eindeutig geklärt. Immerhin gab es auch noch andere Anwärter, wie Fuchs, Storch und Kuckuck.

Dabei mag ein Umstand eine Rolle gespielt haben, der mit einer der berühmtesten Hasendarstellungen der Kunstgeschichte zu tun hat: Albrecht Dürers Aquarell „Feldhase“ aus dem Jahr 1502. Die exakte Darstellung des dichten, weichen Fells dieser Naturstudie hat Dürers Hasen weltbekannt gemacht und viele Künstler zur Nachahmung bewegt. Auch heute, 500 Jahre später, hat sich das nicht geändert. Dürers Aquarell mag zur Popularität des Tieres beigetragen haben – möglich, dass es ihm auch gegen die konkurrierenden Anwärter geholfen hat, sich zum Osterhasen durchzusetzen, sagt Elisabeth Trux vom Institut für Kunstgeschichte an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.

Sie hat ihre Dissertation zu den Tierstudien Albrecht Dürers verfasst. Neben der naturgetreuen Darstellung war es auch der Ausdruck des Feldhasen, der ihn so populär machte. „Der Hase hat Porträtcharakter“, sagt Trux. Im Auge des Hasen spiegelt sich ein Fensterkreuz. Für Trux ist dies das Zeichen eines willentlich gerichteten Blicks des Hasen und damit eine Vermenschlichung. „Das ist es, was den Hasen aus seiner ,Häsigkeit‘ herausholt.“

Auch für den „Hasomanen“ Beuys war der Hase mehr als nur ein Tier. Seine Vermenschlichung – wie bei Dürer – führte Beuys in einer Aktion aus dem Jahr 1965 fort. Sie hieß „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“. Beuys nahm einen toten Hasen bei den Vorderläufen und setzte sie Schritt für Schritt so voreinander, als würde der Hase durch die Ausstellung laufen. Dazu führte der Künstler ein Gespräch mit dem Tier, erklärte ihm sein Werk. Die Besucher drängten sich draußen und sahen durch das Fenster zu. Beuys fand, sie hätten es verlernt, sich auf die Kunst einzulassen. Beuys-Experte Eugen Blume sagt: „Er wollte deutlich machen, dass sogar der tote Hase fähiger war, sein Werk aufzunehmen.“

Durch die Fähigkeit, sich in die Erde zu graben, galt der Hase für Beuys als Symbol der Erneuerung und Grenzüberwindung. Beuys sagte dazu: „Er gräbt sich ein, er gräbt sich einen Bau. Er inkarniert sich in die Erde, und das allein ist wichtig.“ Außerdem akzeptiere der Hase keine menschlich gesetzten Grenzen. Unter der Berliner Mauer habe er sich einfach durchgegraben – und sich so in Ost- und Westberlin bewegt.

In jüngster Zeit erscheint der Hase vor allem zur Osterzeit massenhaft in Supermarktregalen. An diese Zusammenrottung knüpfte vor zehn Jahren der Künstler Ottmar Hörl an. Für seine Großinstallation „Das große Hasenstück“ versammelte er 7000 grüne Plastikhasen in Dürers Heimatstadt Nürnberg. Sie waren dessen Zeichnung vom Feldhasen nachempfunden. Anlass war das 500. Jubiläum von Dürers Werk „Das große Rasenstück“. Zwei Wochen lang blieben die Hasen. Dann verkauften Hörls Studenten sie an Privatleute. Noch heute kann man die Plastiken des Feldhasen auf der Webseite des Künstlers erstehen. „An Ostern steigt der Verkauf spürbar“, sagt Hörl. „Man kann den Hasen heute kaum noch vom Osterhasen trennen.“ Inzwischen habe er mehr als 60 000 Stück verkauft.

Für Hörl selbst hat der Hase keine tiefere Bedeutung. Ihm geht es darum, Kunst in den öffentlichen Raum zu bringen und dabei eine Identifikation der Passanten mit dem Gegenstand zu schaffen. In Nürnberg funktioniere das eben mit Dürers Hasen – wie in Berlin mit dem Bären. Der Osterhase sei für die Kunst vollends uninteressant, sagt Hörl. „Das ist eine Kindergeschichte, die eignet sich nicht für künstlerische Arbeit.“

Doch einen gibt es, der den Hasen als Osterhasen in der Kunst vermisst hat: Michael Schenkel. Ein Künstler ist der Berliner nicht, sondern Betriebswirt beim Software-Unternehmen Microtool. Auf dem Firmenblog fantasiert Schenkel, wie es ausgesehen hätte, wenn sich Künstler mit dem Osterhasen beschäftigt hätten. „Die Pop Art wäre dafür wie gemacht gewesen“, sagt Schenkel. Die Bilder hat er in seiner Freizeit am Computer erstellt. Keith Harings „Radiant Baby“ ersetzte er beispielsweise durch einen Hasen, ebenso wie Andy Warhols Marilyn Monroe und die Sterne auf Jasper Johns US-Flaggen. Bei Picasso jedoch scheiterte er. „Versuchen Sie mal, mit einem Strich einen Hasen zu zeichnen, wie Picasso das mit den Tierzeichnungen gemacht hat. Da reicht’s dann nicht mehr“, sagt Michael Schenkel. Dieses Jahr plant er ein weiteres Oster-Highlight auf dem Firmenblog: Malen nach Zahlen mit dem Osterhasen.

Einige von Schenkels Hasen sind auf diesen Seiten zu sehen, weitere unter www.microtool.de/blog/post/Kunst-trifft-Osterhase.aspx

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