Zeitung Heute : Wie der Regen filmreif wird Naturgewalt ist Thema, Metapher – und Schicksal

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Stell’ dir vor, alle sind gekommen, um einen Bergfilm zu drehen – und kein Schnee ist da. Und das im Februar in Berchtesgaden. Und das bei den Dreharbeiten für den „Winterschläfer“. „Es war eher so eine KrokosStimmung,“ erzählt der Schauspieler Ulrich Matthes. „Es hat sich nichts getan. Allgemeine Panik. Schließlich wurden Schneekanonen angefordert.“ Montag sollte der erst Drehtag sein, am Sonntagnachmittag, Matthes saß im Hotelzimmer und sah Sport, fing es draußen endlich zu schneien an und hörte für Tage nicht mehr auf.

Dem Team von „Luna Papa“ (mit Moritz Bleibtreu) schwamm einmal die ganze Kulisse weg – ein komplettes Dorf, das an einem Stausee in Tadschikistan aufgebaut war, mehrere Straßen mit Backsteinhäusern. Nach einem Unwetter war das gesamte Dorf überflutet worden – und musste nochmal gebaut werden.

Neben den ungeplanten Wetterkatastrophen gibt es im Film natürlich auch die gewollten. Im „Eissturm“ vereisen die Gefühlslandschaften genauso, wie die Strommasten vor der Tür. Das Wetter als Metapher, eine billige eigentlich, weil nahe liegende. In Wong Kar-Wais Filmen zum Beispiel regnet es ständig, das sieht hübsch aus und spiegelt die Seelen. Und weil die Regenmaschinen Gefühle in Bilder übersetzen, perlt immer wieder in allen Genres Regen von Fensterscheiben ab. Und wenn es regnet, rücken zwei durchnässte Menschen näher zusammen. Der regennasse Kuss von Sandra Bullock in „Während Du schliefst“ erhält damit eine gewisse Zwangsläufigkeit. In „African Queen“ darf Humphrey Bogart nur zu der altjüngferlichen Katharine Hepburn unter die Decken im Boot, weil draußen Sintfluten niedergehen. Regen treibt in einem Film die Handlung eindeutig voran.

Ein natürlicher Regen aber, der einen Drehtag verhindert, kann den Produzenten bei einem zwei Millionen Euro teuren Film gut 50 000 Euro kosten, sagt Florian Koerner von Gustorf, Produzent von „Schramm-Filme“. Und niemand würde freiwillig einen ganzen Film im Regen drehen. In Ulrich Petzolds „Gespenster“, der auf der Berlinale läuft, werden 24 Stunden beschrieben. Damit hinterher keine Fehler bei den Anschlüssen zwischen den Szenen entstehen, hatte man sich entschieden, im Trockenen und bei bewölktem Himmel zu drehen. Zweimal musste der Dreh trotzdem unterbrochen werden. Der Zuschauer, das abgestumpfte Wesen, nimmt aber viel weniger wahr, als man denken würde, sagt Koerner von Gustorf. Leichter Regen ist fast unsichtbar – so ist manchmal zwar das Team durchnässt, aber im Kino sieht man gar nichts mehr davon.

Und die Sonne? Kann man verschwinden lassen. Niemand sieht, wie die Komparsen die so genannten „Butterflies“, 3,50 Meter lange und breite Tücher, über dem Set ausbreiten, damit aus einem sonnigen ein bewölkter Tag wird. ded

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