Zeitung Heute : Wie Edgar Davids vom Rebellen zum Retter wurde

HARTMUT SCHERZER

TOULOUSE .Edgar Davids achtet sehr darauf, mit wem er redet und wer ihm zuhört.Mißtrauisch huscht sein Blick über die Akkreditierung der Journalisten.Der Spieler mit den Rastazöpfen spricht Italienisch oder Englisch, aber redet mit keinem Holländer.Seit zwei Jahren schon, seit Davids bei der Europameisterschaft 1996 in England den Trainer Guus Hiddink zutiefst beleidigte, nach Hause geschickt und von den Medien deswegen gedemütigt wurde.

Hiddink hat ihm rechtzeitig zur Weltmeisterschaft verziehen.Doch Davids verzeiht den holländischen Medien nicht.Nun ist Edgar Davids in dieser Gewitternacht von Toulouse der gefragteste Spieler.Er hat das Siegestor geschossen, das hochverdiente 2:1 für Holland gegen Jugoslawien in der Nachspielzeit, als die regulären 90 Minuten schon vorbei waren - und die Jugoslawen in Gedanken wohl schon in der drohenden Verlängerung.Das goldene Tor für die Holländer.

In der Verlängerung hätte er dann nicht mehr gespielt.Davids wollte sich bereits auswechseln lassen wegen Muskelproblemen.Hiddink war daher "sehr glücklich" über seinen Entschluß, die Auswechslung hinauszuziehen.Sein "ganzes Herz", seine "ganze Seele", erzählt Edgar Davids den nichtholländischen Reportern, habe er in diesen Schuß gelegt: Mit links, flach, schräg vom Strafraumecke aus 18 Metern ins entfernte Toreck.

Als der Ball drin und Holland im Viertelfinale war, habe er aber keine Genugtuung wegen des Streits in England empfunden."Daran habe ich nicht gedacht.Ich habe meinen Job getan.Wer die Tore schießt, ist schließlich gleichgültig.Jeder kann das." Nach dem Spiel lagen sich Hiddink und Davids in den Armen.Wichtig ist dem 25jährigen Absolventen der berühmten Ajax-Schule in den Diensten von Juventus Turin die "Anerkennung meiner Qualität, Erfahrung und Verantwortung" innerhalb der Mannschaft.Zusammen mit Clarence Seedorf, dem anderen dunkelhäutigen Rasta-Mann, bildete er das dynamische und dominierende Mittelfeld-Tandem, das Holland so stark macht und die gegen Deutschland noch so auftrumpfenden Jugoslawen nicht zur Entfaltung kommen ließ.In England war die holländische Mannschaft noch an ihren Schwarz-Weiß-Cliquen gescheitert.Den "Surinam-Konflikt", das latente Rassenproblem, scheint Hiddink diesmal gelöst, zumindest unter Kontrolle zu haben."Wir haben uns alle vor dem Spiel in die Augen geschaut", berichtete Seedorf von der neuen Harmonie bei den Holländern."In solchen Momenten sagen die Augen mehr als der Mund."

Zu Beginn der Weltmeisterschaft saß Davids noch auf der Bank, als wollte Hiddink sein Wohlverhalten testen.Würde er wieder aufmüpfig und ausfallend werden wie in England? Edgar Davids übte sich in Geduld."Ich hatte eine großartige Saison mit Juve und wußte um meine Stärke.Meine Chance würde kommen." Ein paar Millimeter haben gefehlt, und alles wäre vielleicht ganz anders gekommen.Das so schön anzusehende Spiel der Holländer drohte innerhalb von fünf Minuten zu kippen, weil sie, wie Hiddink einräumte, "diesen Trend zum Leichtsinn" haben.

Nicht der Holländer Edgar Davids, sondern der Jugoslawe Predrag Mijatovic hätte der Schütze des Siegtores sein können.Die Jugoslawen hatten nach einer miserablen ersten Halbzeit das Führungstor Dennis Bergkamps (38.) durch ein Kopfballtor des Duisburgers Slobodan Komljenovic (48.) ausgeglichen und endlich ihren Rhythmus gefunden.Jaap Stam versuchte den Sturmlauf Vladimir Jugovics aufzuhalten, zog und zerrte am Trikot.Elfmeter! Mijatovic, der feinfühlige Techniker und sonst so raffinierte Spieler, drosch den Ball mit voller Wucht gegen die Unterseite der Latte.

Weil der holländische Torwart Edwin van der Sar gar so lang sei, habe er sich entschlossen, in keine Ecke, sondern in die Mitte zu schießen, erzählte der in Frankreich verblaßte Superstar und nannte den Augenblick in der 50.Minute "den schlimmsten in meiner Karriere".Noch vor sechs Wochen war Predrag Mijatovic ein gefeierter Held.Da hatte er im neuen Stadion zu Amsterdam das Siegtor Real Madrids im Finale der Champions League gegen Juventus Turin geschossen.

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