Zeitung Heute : Wie ein Geist im eigenen Haus

Oft sieht er die Erzieher wie Gespenster vor sich. Mario Selzer wurde in einem DDR-Heim misshandelt, ein Prozess wurde eingestellt

Jana Simon

Eine Frau vom Jugendamt holte ihn aus dem Unterricht. Sie sagte, das neue Heim sei viel schöner. Er solle in den Barkas-Kleinbus steigen. Schnell. Sie legten den Weg von Aue nach Meerane in Sachsen schweigend zurück. Mario Selzer fragte nicht. Er besuchte damals die 6. Klasse und hatte in seinem kurzen Leben gelernt, dass es manchmal besser ist, nur zu hoffen. Am Ziel warteten 13 Kinder in einem Gruppenraum auf ihn und Frau L., die Erzieherin. Sie forderte ihn auf, sich vorzustellen. Mario Selzer blieb still, mochte nicht. Da zerrte Frau L. ihn hinaus auf den Flur und trieb ihn mit Tritten Richtung Toilette, dort hielt sie seinen Kopf ins Klobecken und spülte mehrmals. „Hier weht ein anderer Wind“, sagte Frau L. danach zu ihm. Dann ging Mario Selzer sich vorstellen.

Diese Szene hat sich in sein Gedächtnis gebrannt wie eine böse Verheißung. Fast 20 Jahre später beginnen Selzers Hände beim Erzählen zu zittern. Drei Jahre, von 1986 bis 1989, verbrachte er im Spezialheim „Erich Hartung“ für schwer Erziehbare in Meerane. Drei lange Jahre, von denen er sich nie wieder richtig erholen sollte. Mario Selzer sitzt in seinem Wohnzimmer in Hof, Bayern. Er ist jetzt 29, das Gesicht gebräunt, die Haare sind blondiert. Auf dem Tisch vor ihm liegen Früchte aus Keramik, Orangen und Äpfel. An der Wand steht ein Schrank, Porzellan hinter Glas, das gute Rosenthal. Im Flur hängen Familienfotos von Tanten, der Großmutter, dem Großvater, nur die Eltern fehlen. Selzer mag sie nicht sehen. Und es strengt ihn an, chronologisch zu erzählen. Die Pausen zwischen den Sätzen währen endlos, als müsse sich jedes einzelne Wort zu seiner Zungenspitze vorkämpfen. Reden heißt Erinnerungen beschreiben, die er vergessen will und es nicht kann.

Die vergangenen acht Jahre hat Mario Selzer versucht, die Dämonen der Vergangenheit zu bezwingen. Gegen vier der ehemaligen Heimerzieher, auch gegen Erzieherin L., wurde dieses Jahr nach zähem Ringen mit Gerichten und Verjährungsfristen schließlich Anklage erhoben, jedoch der Prozess nach wenigen Stunden wieder eingestellt. Die ehemaligen Peiniger müssen jetzt Strafen zahlen, Mario Selzer bekommt 4800 Euro. Seine Hand knallt auf den Tisch. Für ihn klingt die Entscheidung nach einem Handel. Als hätten sie sein Schweigen gekauft, damit er Ruhe gibt. Aber Selzer mag nicht still sein, nicht mehr. Unter der Überschrift: „Kinderschänder kaufen sich frei“, will er nun seinen Fall im Internet veröffentlichen, mit allen Namen. Die Wörter beben. Es ist das letzte Gefecht eines Heimkindes.

Mario Selzer wurde 1974 in Schneeberg, Erzgebirge, geboren. Die Eltern trennten sich noch vor seiner Geburt. Der Junge lebte mit seiner Schwester bei der Mutter und dem Stiefvater, der wiederum mehrere Kinder mit in die Beziehung brachte. Seine Mutter schlug ihn. Einmal wollten die Kinder sie gemeinsam anzeigen, nachdem ein Besenstiel beim Prügeln auf seinem Rücken zerbrochen war. „Rabenmutter“, sagt Selzer und presst die Lippen schmal. In der ersten Klasse kam Mario Selzer in das Heim in Aue. Ihm erschien es als paradiesischer Ort: Spielzeug, Freunde, Schokolade. „Es war alles da“, sagt er. Noch heute klingt er verwundert, als könne er es nicht glauben, dass tatsächlich mal etwas Schönes für ihn bestimmt war. Zwischendurch kehrte er immer wieder kurz zu seiner Familie zurück. Nie ging es gut. Die Schwester wuchs schließlich bei der Großmutter auf, die Stiefgeschwister blieben bei den Eltern. Nur Mario Selzer wurde ins Heim gegeben. Warum? Er hebt die Schultern, die Großmutter konnte ihn nicht bei sich aufnehmen, weil sie überfordert war. Vielleicht ist es besser, sich manche Fragen nicht zu stellen. Selzer steht auf und geht in die Küche, Kaffee machen. Er trinkt viel Kaffee.

Bis zu jenem Tag in der 6. Klasse hatte Mario Selzer das Gefühl, den Überblick zu haben: zu Hause schlecht, Heim ganz gut. Das Leben besaß einen Rahmen. Danach verwirrte sich alles. Bis heute weiß er nicht, warum er in das Spezialheim übersiedeln musste. Er kann sich an kein Vergehen erinnern. Vielleicht lag es an seiner frühkindlichen Hirnschädigung, der Minderbegabung ersten Grades.

Nach der missglückten Vorstellung an seinem ersten Tag wurde Mario Selzer in die „Zelle“, einen winzigen Raum im Keller gesperrt, er musste mit der Zahnbürste das Klo putzen und mit einer Handbürste den Flur, während die anderen Fernsehen schauten. Selzer drückt sich aus dem Stuhl und holt eine Handbürste aus dem Badezimmer zur Demonstration. Er steht mitten in seinem Wohnzimmer, die Bürste in der Hand, und es sieht aus, als würde er sich ducken, als drohe noch heute eine unsichtbare Gefahr. Gespenstisch. Damals war sein Leben Furcht. Furcht vor Erziehern, Strafen, den anderen Kindern, eine Welt voller Feinde. Mario Selzer setzt sich. Szenen aus der Vergangenheit tauchen auf: Vergitterte Fenster, Mario Selzer steigt mit ausgestreckten Armen und zwei gefüllten Wassereimern im Entengang die Treppen hoch und runter. Ein Erzieher fragt die menschlichen Organe ab und schlägt zur Untermalung sogleich auf die gezeigten Stellen. Immer wieder die Zelle im Keller. Essensentzug. Peitschenhiebe.

Und eines Abends steht Selzer zur Strafe bis 22 Uhr auf dem Flur. Ein Erzieher läuft vorbei und zwingt ihn ins Nachtwachezimmer. Er beginnt, ihm mit einem Stofftier das Geschlecht zu streicheln und befriedigt sich dabei. „Dir glaubt sowieso keiner“, sagt der Erzieher danach. Selzer ahnt, dass er Recht hat. Das Gefühl der Ohnmacht lässt ihn noch immer verstummen. Er betrachtet seine Hände, schluckt Kaffee. „Manchmal bin ich wieder dort im Heim“, sagt er leise. Es sei dann, als falle eine Jalousie herunter, und er sieht die Erzieher wie Gespenster vor sich aufziehen, erlebt die Szenen von Neuem. Dann sieht er sie ein paar Wochen, vielleicht Monate, nicht, aber sie geben keine Ruhe, kehren immer wieder zurück. „Angstzustände“ nennt Mario Selzer diese Augenblicke.

Hatte er keine Freunde im Heim? „Nein“, sagt Selzer laut, blickt auf, verständnislos. „Jeder wollte gut bei den Erziehern dastehen.“ Auch die Opfer waren Gegner: totale Einsamkeit bei gleichzeitiger totaler sozialer Kontrolle. Die Heimkinder trugen Einheitskleidung. Sonntags gingen sie in Gruppen und unter Aufsicht in die Stadt. Alle Briefe nach draußen wurden vorgeschrieben, dann von der Heimleitung korrigiert und abgeschickt. Besuch kam nur einmal im Monat.

Ein Anruf bei Frau L., der früheren Erzieherin: Sie sagt, es habe keine Misshandlungen gegeben. Der Prozess und die Berichterstattung seien politisch motiviert. „Was in der Pädagogik zu DDR-Zeiten gut gewesen ist, wird heute in Grund und Boden gestampft.“ Aber ihr Heim sei eine Einrichtung für schwer Erziehbare gewesen, sie lässt eine Pause: „Da ging es im Allgemeinen straffer zu.“ Die Erzieher konnten sich allmächtig fühlen. Es gab keine unabhängigen Kontrollen, Widerspruch war in diesem System nicht vorgesehen.

Der zuständige Staatsanwalt, Alexander Winterhalter, bezeichnet die Erziehungsmethoden des Heimpersonals als teilweise menschenverachtend. Der Prozess sei eingestellt worden, weil die Strafen nach 18 Jahren geringer auszufallen drohten als das jetzt vereinbarte Bußgeld. Die 54 Zeugen wurden wieder ausgeladen, die ehemaligen Heimkinder blieben wieder stumm. Mario Selzers Gesicht ist gerötet, es wirkt, als koste es ihn viel Kraft, die Wut zu unterdrücken. Er hatte nicht auf viel gehofft, sich Bewährungsstrafen gewünscht. „Dann wären sie vorbestraft gewesen“, sagt er. Das Verfahren war für ihn ein spätes Aufbegehren gegen die Allmächtigen von einst, die Einstellung bedeutet die erneute Niederlage.

Einmal rebellierte Mario Selzer auch damals, er redet schneller jetzt, seine Wörter drohen sich zu verschlingen. Er ist noch heute stolz darauf. Mario Selzer floh aus dem Heim zu seiner Großmutter. Sie fanden ihn schnell, danach saß er wieder lange in der Zelle im Keller. Seiner Großmutter erzählte er auch von dem Missbrauch. Die sprach daraufhin mit dem Erzieher. Bei jedem Besuch schenkte der ihr nun schicke blaufarbene Glasvasen. Selzers Großmutter ist inzwischen gestorben, sie hat ihrem Enkel eine dieser Vasen hinterlassen. Selzer holt sie aus dem Nebenzimmer, wiegt sie in den Händen. „Das ist das Einzige, was ich noch von früher habe“, sagt er. Ein Schweigepräsent. Er besitzt nicht ein Foto aus der Kindheit, keine Zeugnisse oder Andenken. „Die Mutter hat alles weggeworfen“, sagt er. Alle sichtbaren Zeichen der Vergangenheit sind vernichtet, die unsichtbaren wirken dafür umso mächtiger. Das Telefon klingelt. Selzers Lebensgefährte fragt, wie lange es noch dauert. Selzer reagiert gereizt, legt auf. Es sei schwierig, mit ihm zusammenzuleben, sagt er später.

Anfang 1989 fuhr Selzers Stiefvater beim Heim vor, redete mit dem Leiter und nahm Mario Selzer danach mit nach Hause. Vielleicht hatte die Großmutter etwas erzählt. Ein Jahr lebte Selzer wieder bei seiner Mutter und dem Stiefvater. Die beiden tranken, prügelten sich blutig. Eines Nachts setzten sie Mario Selzer in Unterhosen vor die Tür. Daraufhin bekam er mit 17 seine erste Wohnung und begann eine Bäckerlehre. Sie wurde ihm zugewiesen. Er hatte nie darüber nachgedacht, was er vom Leben erwarten könnte. „Träume hatte ich nie.“ Mario Selzer klingt wie jemand, dem man gesagt hat: Für dich gibt es immer nur das Schlechteste. Er hält nicht viel von sich selbst. „Ich habe keine Bildung“, sagt er. Nur acht Klassen Sonderschule. Vor kurzem hat er versucht, den Führerschein zu machen. Die Theoriefragen schienen kompliziert, da hat er es wieder gelassen.

Nach dem Mauerfall verschwindet Selzer aus der DDR. In Bayreuth arbeitet er als Tellerwäscher in einem Lokal. Er denkt, die Entfernung lasse ihn vergessen. Kurz darauf versucht er, sich mit Tabletten zu vergiften. Er kommt in die Psychiatrie. Mehr als 20 Mal hat er seitdem probiert, sich umzubringen. „Heuer im April wieder“, sagt er. Es klingt abwesend, als gehe es nicht um ihn. Manchmal strahlt Mario Selzer eine seltsame Distanz aus, als habe er einen unsichtbaren Schleier um sich gezogen. Gegen andere und gegen sich selbst. Obwohl er es angeboten hat, ist es unmöglich, ihn zu duzen.

In Bayreuth lernt Mario Selzer seinen Freund kennen und zieht zu ihm nach Hof. Das Glück scheint endlich auch ihn gefunden zu haben. Aber die Bilder in seinem Kopf geben keinen Frieden, Depressionen drücken ihn nieder. Er kann nicht mehr arbeiten, bezieht Rente. Eine Stunde am Tag geht er jetzt in einer Eisdiele putzen. Danach ist er fertig. Er lebt von seinem Freund, der eine Videothek betreibt.

Mario Selzer widmet sich nun meist der Wohnung. Über den Türen hängen bestickte Tücher mit altdeutschen Weisheiten: „In des Wäscheschrankes Tiefen soll die strenge Hausfrau prüfen, ob das Linnen gut bestellt.“ Selzer deutet auf die Spitzendeckchen auf der Truhe, den Tischen, dem Sofa. „Plauener Spitze“, sagt er. Im Wohnzimmer ist sie weiß, im Schlafzimmer mintfarben, passend zu den Kissen. Er sammelt Rosenthal-Porzellan, wischt jeden Tag die Zimmerböden. Nichts darf einfach herumliegen. Die Wohnung wirkt dadurch ein wenig wie ein Hotel, als würde nicht wirklich jemand hier leben. Mario Selzer existiert wie ein Geist in den eigenen Wänden, hinterlässt keine Spuren. Gibt es etwas, das ihm Freude bereitet? „Vielleicht das Porzellan.“ Er ist unsicher. Jedes Jahr zu Weihnachten fährt er nach Schneeberg in die alte Heimat. Die Mutter und die Schwester wohnen dort. Mario Selzer besucht nur den Weihnachtsmarkt.

Auch das Kinderheim gibt es weiterhin, einer der alten Erzieher arbeitet noch da. „Die müssen das schließen, darin ist zu viel geschehen.“ Mario Selzer schreit fast. Seine Wangen schimmern rot. Die Wut, die bleibt.

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