Zeitung Heute : Wie ein großer roter Ball vom Himmel

Sie wollte nur Verwandte besuchen. Aber auf dem Weg nach Hause wurde sie von Granatsplittern getroffen. Das Mädchen Rassul ist eine von vielen Verletzten in Bagdad. Etwa 200 sollen es in zwei Bombennächten gewesen sein. Und viele sind nicht Opfer der amerikanischen Angriffe, sondern der irakischen Raketenabwehr.

Asne Seierstad[Bagdad]

Über der Decke schimmern zwei große braune Augen. Der lange Zopf, zusammengebunden mit einem rosa Gummi, ringelt sich vom Kissen über das blaue Laken bis auf den Boden. Ein zusammengerolltes Handtuch stützt den Kopf. „This is my mother, this is my father“, flüstert das kleine Mädchen, bevor es sich selbst vorstellt.

Es heißt Rassul. Neben seinem Krankenhausbett steht eine Frau und weint. Das ist die Mutter. Ihr Mann schaut sie hilflos an. Schließlich zieht er die Decke ein Stück beiseite. Der Arm seiner Tochter und ihre magere Brust sind dick bandagiert. An mehreren Stellen ist Blut durch den Verband gesickert. Es hat bräunliche Flecken auf dem weißen Stoff hinterlassen.

„Wir waren bei Verwandten zu Besuch gewesen“, sagt der Mann. „Ich hatte gerade die Haustür aufgeschlossen, und meine Frau und zwei der Kinder waren schon im Eingang. Rassul war ein Stück zurückgeblieben. Ich hielt ihr die Tür auf. Sie hatte gute Laune und machte ein paar Tanzschritte. Da knallte es.“ Rassuls großer Bruder, zwölf Jahre alt, fügt noch hinzu: „Es war, als würde ein großer roter Ball durch die Luft sausen und auf die Erde fallen. Dann kam eine Explosion, und ich merkte, dass hinter mir etwas fiel. Ich drehte mich um und sah, dass es Rassul gewesen war.“

Bagdad ist in der Nacht zum Samstag wieder angegriffen worden. Einige wenige hatten sich auf die Dächer vorgewagt, um besser sehen zu können, wo das Feuer niederging. Aber die meisten Bewohner der Stadt suchten Schutz in ihren Häusern. Nur jene, die schon in der Nacht zuvor verletzt worden waren, konnten in keinem Bunker Zuflucht nehmen. Mit Splittern in Beinen oder Armen mussten sie eine weitere Bombennacht in den Betten der Krankenhäuser ausharren.

Die kleine Rassul kann sich nicht erinnern, was mit ihr geschehen ist, nachdem das Geschoss eingeschlagen war. Ihre Mutter dafür umso besser: „Sie lag in einer Blutlache. Ich dachte, sie sei tot. Ich warf mich über sie und merkte, dass ihr Puls noch ging. Wir versuchten, ein Auto aufzutreiben, aber das dauerte sehr lang. Niemand in unserer Straße hat einen Wagen, und um diese Zeit war sowieso niemand unterwegs. Alle fürchteten sich vor den Bomben.“ Auch die Familie von Rassul hätte das Haus an diesem Abend besser nicht verlassen. Aber dass es schon lebensgefährlich sein könnte, nur kurz nach den Verwandten auf der anderen Straßenseite zu sehen, war den Eltern nicht in den Sinn gekommen.

Endlich fanden sie dann doch einen Fahrer, der Rassul ins Krankenhaus brachte. Seitdem sitzt die Mutter am Bett ihrer Tochter, fast 24 Stunden schon. Das Mädchen liegt still in seinem Bett und hört der Mutter zu. Jede Bewegung tut weh. Die Granatsplitter haben tiefe Wunden hinterlassen, aber Rassul befindet sich nicht mehr in Lebensgefahr. Manchmal stöhnt sie leise, aber beim Abschied lächelt sie tapfer. „Good bye, nice to meet you“, sagt das Mädchen, das erst in die fünfte Klasse geht.

In der Straße, in der Rassul und ihre Familie wohnen, ist ein großes Loch. Ein paar Jungen rennen aufgeregt hin und her und erzählen eifrig, wie die Rakete eingeschlagen ist. Mehrere Haustüren links und rechts der Straße sind von den Splittern zerlöchert worden, aber außer Rassul ist kein Mensch getroffen worden. In der Mitte des Kraters sieht man eine kleine runde Erhebung. Das spricht dafür, dass hier eine irakische Luftabwehrrakete eingeschlagen ist und keine amerikanische Bombe.

Rassul ist eines von bisher etwa 200 Opfern der Luftangriffe auf Bagdad – bei dieser Zahl handelt es sich um eine Angabe des Jarmuk Krankenhauses, in dem das Mädchen liegt. Dort wurden am Samstag nach den Angriffen der Nacht 101 Verletzte aufgenommen. Drei starben im Krankenhaus, der Zustand eines weiteren ist kritisch. Am Tag zuvor waren 36 Menschen eingeliefert worden. „Ich vermute, dass etwa die Hälfte der Verletzten hier bei uns sind“, sagt der Klinikdirektor Jamal Abid Hassan und betont, dass er nur die Zahlen der zivilen Opfer kenne. Falls Soldaten, die Staatsgebäude bewacht hätten, verletzt oder getötet worden seien, habe er das nicht erfahren. Diese Opfer bleiben ein Geheimnis des Militärs.

Die Militäranlagen, die Paläste Saddam Husseins und öffentliche Gebäude waren in der zweiten Bombennacht wieder die Hauptziele der Amerikaner. In den Wohnvierteln sind zwar keine Bomben direkt eingeschlagen, aber die Granatsplitter flogen auch dorthin. „Gelegentlich fliegen Splitter nur ein paar Meter weit, manchmal aber auch mehrere hundert“, sagt der Klinikdirektor.

Doch die Verletzungen, die in seinem Krankenhaus behandelt werden, können genauso gut von irakischen Luftabwehrraketen verursacht worden sein – wie es auch bei Rassul der Fall war. Während der Angriffe in der Freitagnacht haben die irakischen Verteidiger erfolglos versucht, die amerikanischen Flugzeuge abzuschießen. Aber was in die Luft geschossen wird, muss eben irgendwo auch wieder herunterkommen: Mehrmals fielen irakische Raketen in Wohnviertel und explodierten dort. Die amerikanischen Bomben trafen dagegen überwiegend ihre Ziele.

Auch das Jarmuk Krankenhaus wurde in Mitleidenschaft gezogen. Von welcher Seite bleibt ungewiss. Der Klinikdirektor weist auf die kaputten Fensterscheiben hin. „Aber wir geben nicht auf. Wir halten aus, bis Bush es satt hat. Oder bis er ins Exil geht. Ja, ich meine Bush“, sagt er und lacht kurz.

Das Jarmuk Krankenhaus liegt zwischen dem Zentrum und dem Flugplatz, und aus dieser Gegend kommen auch die meisten Verletzten. Ganze Familien mit Granatsplitterverletzungen sind eingeliefert worden. „Die Leute haben wieder dieselben Verletzungen wie während des ersten Golfkriegs: abgerissene Hände, schwere Beinverletzungen, Granatsplitter- und Brandverletzungen“, sagt einer der Ärzte, Doktor Abid Hassan.

Im dem Bett neben dem Mädchen Rassul sitzt eine Frau. Sie hält einen kleinen Jungen im Arm. Er hat weiße Verbände um Kopf und Hände und trägt einen löchrigen Schlafanzug, denselben, den er schon bei Beginn des Angriffs trug. Die Löcher stammen von den Splittern, die ihn trafen. „Er hat mit seiner Schwester im Haus gespielt“, erzählt Duha, seine Tante. Auch die Schwester wurde getroffen, konnte aber schon entlassen werden, sie hatte nur eine Schramme. Aber Ahmed ist seitdem bewusstlos. Steif liegt er in den Armen seiner Tante.

„Wir waren alle im Wohnzimmer und wollten zu Abend essen. Als wir den Kindern sagten, sie sollten sich setzen, knallte es. Es riss sie beide zu Boden, und wir brachten sie sofort ins Krankenhaus. Das ist jetzt 15 Stunden her“, sagt Duha. Ahmed ist immer noch nicht aufgewacht. Er hat einen großen Splitter im Hinterkopf. Aber plötzlich beginnt er, sich zu bewegen: Er windet sich und gibt unverständliche Laute von sich. Seine Tante Duha flüstert ihm Worte ins Ohr, dann legt sie ihr Ohr an seinen Mund, um ihn besser hören zu können. „Ich will nach Hause. Ich will nach Hause“, sagt Ahmed leise. Er schlägt die Augen auf. „Wo ist das Ei?“, fragt er. Da laufen Duha die Tränen herunter. „Er hatte gerade ein hartgekochtes Ei in der Hand, das er essen wollte, als die Wand von den Granatsplittern durchschlagen wurde.“ Und sie verspricht Ahmed so viele Eier, wie er sich nur wünscht.

Aus dem Nachbarzimmer dringen laute Schreie herüber. In den Pausen dazwischen vernimmt man ein leises Stöhnen. Die Schreie kommen von der zwölfjährigen Warda. In ihren Beinen steckten viele Granatsplitter, die mittlerweile entfernt worden sind. Jetzt sollen die Wunden gereinigt werden. Das brennt, und das kleine Mädchen heult. Sie zappelt mit den Beinen, aber die Ärzte halten sie fest.

Neben Warda liegt ihre Tante. Sie ist im achten Monat schwanger, ihr Bein wurde schwer verletzt. Aber starke Scherzmittel darf sie nicht nehmen, weil das dem Kind schaden könnte. Sie verdreht die Augen, ihr Gesicht ist nass von Schweiß und Tränen, auch ihr geblümtes Nachthemd ist tropfnass. „Tut so weh“, ruft sie.

Da treten plötzlich Krankenschwestern und Putzpersonal in das Krankenzimmer, sie schütteln ihre geballten Fäuste und rufen Slogans: „Saddam Hussein – dein Name ist eine Ehre, ein Finger deiner Hand ist mehr wert als die ganze USA.“ Sie übertönen die Schmerzenslaute der Verletzten. Die Frauen tanzen und klatschen. Patienten schließen sich an und drohen ebenfalls mit den Fäusten. Ein groteskes Schauspiel, inszeniert für das irakische Staatsradio, das gerade das Krankenhaus besucht. Ein Mann hält ein Mikrofon in die Luft, um die Durchhalteparolen aufzunehmen. Dann interviewt er die Leute über den Krieg, über Saddam Hussein und die USA.

Einige Frauen und Männer wenden sich resigniert ab, wenn der Mann vom Radio sie einmal nicht beobachtet. Mit leerem Blick starren sie einander an. Sie sind die ersten Opfer des Krieges.

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