Zeitung Heute : Wie fang ich an?

Christine Meffert

Die Kunst. Am 16. Mai 1985 um 15Uhr30 sah Uwe Tellkamp das Sonnenlicht auf die Rosen im Garten fallen und begann zu schreiben. So erzählt er das. Als hätte er angefangen zu bluten oder zu schwitzen. Es passierte ihm. Etwas hört auf, etwas fängt an. Die Zeit bekommt einen Knick. Bis heute hat er nicht mit dem Schreiben aufgehört. Er hat sich entschieden – er hört mit der Medizin auf. Er hat während der Nachtdienste geschrieben. Das war anstrengend. Krankenhaus ist Krieg, sagen Ärzte. Er sagt das auch. Tellkamp ist Unfallchirurg. So schreibt er auch. Präzise, aber mit Blut. Es geht ihm um Leben und Tod. Er schleift seine Figuren durch die Welt, fügt ihnen Wunden zu, und sie werden durch diese Schleiferei neue Menschen.

Die erste Szene kommt wie ein Flash, erzählt Tellkamp. Auch der erste Satz, er wird ihm geschenkt, er leuchtet. Am Anfang, sagt Tellkamp, sei er voller Bilder. Danach müsse er den Raum, den er beschreiben will, immer wieder in sich erzeugen. Dann kommen die Figuren zurück, gefolgt von Sätzen, und er untersucht seine Helden wie Patienten, schreibt langsam die Diagnose.

Der Schriftsteller hat es gut. Für einen Neuanfang muss er sich nicht von seinen Gewohnheiten, seinen Zigaretten oder seiner Frau trennen. Sein Anfang ist kein Kampf, sagt Tellkamp. Nur von den anderen Anfängen, die auf ihn einstürmen, von denen muss er Abschied nehmen. Aber die kann er in seinen Schrank tun.

Uwe Tellkamp legt ein ruhiges Äußeres an den Tag. Das ist der Arzt in ihm. Alle beruhigen, Sicherheit herstellen. Er ist 36 Jahre alt, steckt in einem dunklen Anzug, der rote Pullover unter dem Jackett ist grob gestrickt. Er hat letztes Jahr den Bachmann-Preis gewonnen, den größten Preis für Literaturanfänger. Er redet, und es wird augenfällig, dass dieser Mann nicht ruhig ist. Er kocht. Das Neue kocht in ihm.

Tellkamp ist bereit. Er wird gleich im Literarischen Colloquium Berlin, dem Haus der Literaten am Wannsee, den Anfang seiner neuen Erzählung „Der Turm“ vorlesen. Doch deshalb kocht er nicht: Es ist wegen seines neuen Berufes, der neuen Stadt, seines neuen Lebens. Von Dresden ist er mit seiner Frau vor ein paar Wochen nach Karlsruhe gezogen. Sie tritt dort eine neue Stelle an, und er wird künftig ausschließlich schreiben.

„Der Anfang ist da“, sagt er und steigt auf das Podest. Er liest: „Unter den tief herabhängenden Zweigen eines Apfelbaums tauchte der Turm auf …“

Der Beginn eines Romans auf einem weißen Blatt Papier ist vielleicht der leichtherzigste Anfang, der zauberhafteste von allen. Er steht ja bis zum Ende nicht fest. Der Schriftsteller kann ihn revidieren, hin- und herschieben, immer wieder umschreiben. Tellkamp hat den Anfang in der Hand, erfindet ihn immer wieder neu. Er muss nicht einmal mit dem Anfang anfangen. Der Schriftsteller begrenzt sich selbst, andere Anfänge werden begrenzt.

* * *

Das Leben. Als das Kind geboren wurde, fiel der erste Schnee des Jahres.

Die Mutter war in der ersten Woche nicht ein einziges Mal vor der Tür. Nur der Vater ist aufs Standesamt, das Neugeborene eintragen. Die Zeit hat sich aufgelöst in dieser Woche, der Anfang hat sie besiegt. Es war ganz gleich, ob es Morgen war oder Abend oder mitten in der Nacht.

Dann, vor etwa zwei Wochen, haben sie ihr „Nest“ verlassen. Sie wollten sehen, wie das geht, zu dritt da draußen. Sie hat sich den Kleinen auf den Bauch gebunden, dann sind sie den Kottbusser Damm zum Ufer hinunterspaziert. Sehr stolz und vorsichtig. Sie sind angehalten worden, weil sich jemand das Kind anschauen wollte. Die Leute waren so freundlich und interessiert, sagt die Mutter. So zuvorkommend. Auch das war neu.

Am Zickenpark konnte sie nicht weiter. „Ich war überwältigt.“ Sie musste weinen, hat ihren Mann umarmt, immer wieder das Kind geküsst. Zum ersten Mal hatten sie sich zu dritt – als Familie – der Welt gezeigt.

Sie wollten ihren Sohn „Wenn der Schnee kommt“ nennen. Doch dann nannten sie ihn Abasi, das heißt „Stern“ auf Suaheli. Mit erstem Namen heißt er Yannic. Ein neuer Anfang ist eine Entscheidung.

Der Vater, Thomas Sassin, betreibt eine Mietwäscherei in Berlin-Kreuzberg. Er hat sie von seinen Eltern übernommen. Er muss viel arbeiten. Zu Hause macht sie die Wäsche. Es läuft ganz gut. „Der Zukunft kann prinzipiell positiv entgegengesehen werden“, sagt Herr Sassin.

Sie haben sich gut überlegt, wann der rechte Zeitpunkt für den Anfang sei. Sie haben entschieden: Jetzt. Nun kann der Stern aufgehen. Der gemeinsame Anfang, glauben sie, ist wichtig. Sie haben alles zusammen gemacht. Er hat mit dem Bauch gespielt, während sie schlief. Er war beim Geburtsvorbereitungskurs dabei. Er war bei der Geburt dabei. Er war der Erste, der das Kind gewickelt hat.

Sie haben Großeltern, die helfen. Die Generationen kommen zusammen durch das Kind, sagt die Mutter. Sie ist 33, der Vater 39. Sie sind sehr glücklich. Sie sagt, sie fühle sich erwachsener. Sie sei nun Mutter, nicht mehr Kind.

Ihr Anfang ist leicht. Selbst wenn sie sich nun von der eigenen Kindheit verabschieden, von Freiheiten. Was sie gewonnen haben, sind Glück und Möglichkeiten. Das Leben ihres Sohnes ist offen. Es kann viel passieren. Es ist ein Anfang ohne große Beschränkungen, ein Anfang ohne Wehmut.

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Die Welt. Ein anderer spürt die Beschränktheit seines Anfangs ohne Unterbrechung. Die Frau auf dem Sozialamt hat gesagt: „Kommen Sie wieder, wenn Sie ganz unten sind, wenn Sie obdachlos sind. Dann kriegen Sie Hilfe.“ Die Vermieter haben ihn stehen lassen, als er sich eine Wohnung anschauen wollte. Er hatte sich die Bescheinigung, dass er keine Mietschulden hat, vom Gefängnis ausstellen lassen. Keine gute Idee.

Günter P. war vor den Kopf geschlagen. Er wollte doch NEU anfangen. Seine Schuld hatte er verbüßt. Wenn Sigrid Melchert vom Verein Freie Hilfe, die Frau, die ihm bei seinem Anfang hilft, nicht einen Makler kennen würde, hätte er noch immer keine Wohnung. Sein neues Haus ist rosarot. „Wie kann ein Minister mit 10000 Euro ent…“ hat jemand in das Rosarot geschrieben, kam aber einer vorbei, ist der Schreiber nicht fertig geworden. Wiederaufbauprogramm, Berlin-Kreuzberg 1952, damals auch überall Anfang.

Das Gefängnis war für ihn ein Provisorium, obwohl er mehr als 20 Jahre drin war. Ist es leichter, von Verhasstem Abschied zu nehmen? Im Knast kriegen sie alles vorgesetzt, alles ist reglementiert, sagt Frau Melchert. Manch einer ginge am liebsten wieder rein, wenn er merkt, wie einsam er draußen ist, wie schwer es ist, Arbeit zu finden. Vielleicht ist Günter P. anders. Er hat sich gewehrt, als man ihn auf dem Sozialamt abspeisen wollte.

Er ist groß und breit, hat schwere Hände und graues Haar. Er hat diese Berliner Beredsamkeit an sich, die immer einen Haken findet, immer schwankt zwischen Witz und Nörgelei. Seit ein paar Wochen hat er Ausgang, um seine Angelegenheiten zu regeln. Frau Melchert sagt, viele, die so lange drin waren, wissen nicht, wie man am EC-Automaten Geld abhebt. Herr P. weiß, wie das geht. Aber er erzählt von einem, der konnte sich keine Fahrkarte mehr kaufen, „der kam einfach mit dem Touchscreen nicht zurecht“. Die Beamten, die den Mann begleiteten, aber auch nicht, sagt P. Schließlich hätten sie ein Taxi genommen.

Der Anfang ist die Hälfte des Ganzen. Das ist von Aristoteles. Die Hälfte ist jetzt rum für Günter P., mindestens. Er ist 45 Jahre alt. Vorherbestimmt war alles, sagt er. Seine Mutter hat ihn zu den Großeltern gegeben, damals war er zwei Jahre alt. Potsdamer Ecke Kurfürstenstraße ist er aufgewachsen, wenn er nicht gerade im Heim war, und da war er oft. Strafbunker, Rohrstock, Einzelhaft. Seine „Mischpoke“ will er nie wieder sehen. Wenn einer ihn kaputtmachen will, dann macht er den kaputt – das ist immer sein Gesetz gewesen. Zwei hat er fast totgeschlagen, im Suff. Im Suff, sagt er, als sei er damals verhext gewesen. Als er festgenommen wurde, hat er die Handschellen zerrissen, den Polizeibus auseinander genommen.

Günter P. könnte eine von Tellkamps Figuren sein. Er ist viel herumgeschleift worden vom Leben. Hat ihn das zu einem anderen Menschen gemacht? Kann ihm der Neuanfang gelingen?

Er hat ein Antigewalttraining absolviert. Er sei nicht mehr so aggressiv, sagt er. Haben die Leute Angst vor ihm? Neehee, sagt er. Hat er Angst? „Vor mir selbst?“, fragt er, als sei ihm diese Frage schon durch den Kopf gegangen.

Seine Freiheit fing damit an, dass er vor zehn Jahren das Trinken aufgab. Das war seine Entscheidung. Seit drei Jahren ist er bei den Guttemplern, die haben sich der Abstinenz verschrieben. Vor Weihnachten hat er von einem Guttempler eine Bohrmaschine bekommen. Aus kleinem Anfang entspringen alle Dinge.

Mit Sicherheit kann man über den Anfang von Günter P. sagen: 42 Quadratmeter. Zwei Zimmer, Küche, Bad. Kaltmiete 227 Euro, plus 1566 Euro vom Sozialamt für die Grundausstattung. Für das Bett sind ihm 55 Euro zugewiesen. Er hat eins für 180 Euro gekauft. Da passt auch noch eine Frau rein, wenn mal eine kommt. Günter P. hatte keine Frau, als er reinging. Auch egal, die wenigsten Frauen warten 20 Jahre. Und wenn doch, dann geht die Beziehung ein paar Monate später auseinander. Die Männer wollen bei ihren Frauen wieder dort anfangen, wo sie aufgehört haben, als wäre nichts gewesen, als hätten sie nur mal Zigaretten geholt. Als hätte die Frau nicht jahrelang allein gelebt.

Die Wohnung ist geweißt, der Teppich verlegt, Bett und Schrank hat Günter P. aufgebaut. Im Flur hat er einen Holzbügel an einen Nagel gehängt. Seine Zelle in Tegel misst drei mal zwei Meter, so etwa, nachgemessen hat er nie. Aus seinem neuen Schlafzimmer fällt der Blick auf Hauswände, die das letzte Mal vor dem Krieg verputzt worden sind. Gestrüpp, im Sommer ein grüner Schimmer.

Am 14. Januar 2005 ist er frei. Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben. Dann geht er mit seinem Bewährungshelfer essen am Ku’damm. Er wird versuchen, Vorhänge für die Fenster zu bekommen. Die sind nicht genehmigt vom Sozialamt. Er wird sich Fleisch kochen. Seine Großmutter, die ihn statt der Mutter erzog, hat sich anonym bestatten lassen. Er weiß nicht, wo. Ein Kumpel von früher ist ihm treu geblieben. Mit dem war er an Silvester in einer Kneipe.

Jetzt fährt er los, mit Frau Melchert in ihrem kleinen Auto, eine billige Waschmaschine suchen. Die Straßen sind leer. Auf dem Spielplatz vor seinem neuen, rosaroten Haus spielt kein Kind. Es ist ein sauberer Wintertag, im Himmel hängt ein Rest Morgenröte. In den Cafés trinken türkische Männer Tee. Ein paar Meter weiter in derselben Straße belädt Thomas Sassin seinen Kombi mit frischer Wäsche.

* * *

Gott. Vielleicht kauft Herr P. die Waschmaschine von Lena. Sie ist wie er in Schöneberg aufgewachsen. Sie könnten sich kennen. Sie geht den umgekehrten Weg, sie geht aus der Welt hinaus. Ihr Anfang spielt in aller Abgeschiedenheit, in Brandenburg, in einem Benediktinerinnen-Kloster. All die Dinge, die Günter P. jetzt anschafft, hat sie abgeschafft, verkauft, verschenkt. Mitgenommen hat sie Bücher, einen Gummibaum, ihr Klavier. Ihr Besitz gehört jetzt der Gemeinschaft.

Die Gemeinschaft der 30 Schwestern ist ein eigenes Wesen, sagt sie, seit ein paar Wochen versucht sie, sich dort einzufinden, „zurechtzurutschen“. Sie sagt noch „bei euch“, verbessert sich „bei uns, meine ich“. Sie will ihren wahren Namen nicht in der Zeitung haben, das wäre ihr zu viel Berührung mit der Welt.

Günter P. hat keinen Beruf, den er bei einer Bewerbung angeben kann, sie gibt vier auf. Sie war Musiklehrerin, Tanztherapeutin, Fremdsprachen-Korrespondentin und Übersetzerin. „Ich habe viel gelernt über das Leben. Jetzt bin ich 40. Jetzt wird es Zeit“, hat sie am Anfang des vergangenen Jahres gedacht. Es ist ein später Neuanfang. Es fällt ihr schwer, ihre Gewohnheiten zu ändern. Das Aufstehen um fünf Uhr, der streng geregelte Tagesablauf, dass man das Leben von draußen ganz ablegt, nicht mehr zur Arbeit geht. Der Gehorsam. Aber sie sieht darin keine Unterwürfigkeit, sondern Vertrauen. Auch hier habe man immer die Wahl, sagt sie. Sie fühle sich so frei wie nie.

Sie lacht, „manche würden mich vielleicht dafür steinigen, aber ich glaube, dass Gott uns sehr nah ist, er ist nicht der Ferne, der die Strippen in der Hand hat, der nur gut oder nur böse ist. Ich denke eher an Gott in uns“.

Im Grunde trägt sie diesen Anfang schon seit 13 Jahren mit sich herum, seit sie auf einer Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela in einem Kloster dachte: „Das bin ich.“ Damals haben Freunde ihr das übel genommen. Reicht es nicht, religiös zu sein, du willst ja nur vor der Welt fliehen, haben die gesagt. Sie hat die Entscheidung aufgeschoben. Als der Gedanke im vergangenen Jahr wieder Macht gewann, hat sie in dem Benediktinerinnen-Kloster angerufen, gefragt, ob sie vorbeikommen könne. Das kleinste Zimmer, das „Jonas-Zimmer“, war noch frei. Aber der Ritus, der Habit, das viele Latein erschienen ihr zu streng. Sie hat ein paar Monate auf dem Gedanken herumgekaut. Dann ist sie wieder hingefahren und da hat sich – „es klingt kitschig“, sagt sie – aber es hat sich eine Tür geöffnet.

Sie sei ein sehr temperamentvoller Mensch, ihr Leben bislang ein Auf und Ab gewesen. Hier sei sie auf dem Weg zu mehr Gelassenheit, es habe noch keine schwere Prüfung gegeben. Aber das, sagt sie, kann ruhig noch kommen.

Wer hat das Ende beschlossen, den Anfang gesetzt? Wer hat sich den Jahreswechsel ausgedacht? Das neue Jahr ist jetzt eine Woche alt. Bald ist der Zauber des Anfangs verflogen. Es ist nur ein kurzer Moment, in dem die Zeit eine andere Geschwindigkeit hat, wie wenn ein Pendel kurz in der Luft stehen bleibt, bevor es weiterschwingt. Was braucht ein Neuanfang? Entschiedenheit, Mut, Schöpfungskraft, Schornsteinfeger, Hyazinthen und die Fähigkeit, das Alte sein zu lassen? Und jetzt kommt das Schwierigste: Wie hör ich auf?

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