Zeitung Heute : Wie gebe ich ungezwungen?

Elisabeth Binder

Immer wieder sonntags fragen Sie

Mich nervt es sehr, wenn in Restaurants Bettler an den Tisch kommen. Es ist zu offensichtlich, wie sie einem ein schlechtes Gewissen machen wollen. Aber nichts zu geben, kommt mir auch komisch vor. Wie verhält man sich?

Falls irgendein Restaurantbesitzer dies liest, hätte ich zunächst mal für diesen einen Verhaltensvorschlag: Wenn Sie merken, dass Bettler Ihr Restaurant entern und die Gäste um Gaben angehen, dann sollten Sie vielleicht doch einschreiten und sie höflich bitten, ihre Tätigkeit woanders hin zu verlegen. Wobei Sie ihnen durchaus etwas Proviant mitgeben können.

Es gibt Orte, an denen die meisten Leute Bettlern gern etwas geben. Große Einkaufsstraßen zum Beispiel. Dann gibt es Orte, die offensichtlich so ausgewählt sind, dass sie der Spendenlust mit Psycho-Tricks kräftig nachhelfen sollen. Kircheneingänge zählen dazu. Es ist ganz sicher davon auszugehen, dass jemand, der in einem Restaurant um milde Gaben bittet, das tut, um die Situation auszunutzen. Soll man diese Art von Gabenwerbung nun ermutigen? Ich glaube eher nicht. Denn darin steckt ja fast ein Stück Nötigung. Damit wir uns nicht missverstehen: Ich bin unbedingt dafür, Menschen Geld zu geben, die auf der Straße leben müssen. Obdachlose brauchen und verdienen unsere Hilfe. Es ist allerdings auch okay, wenn man sich nicht in die Enge drängen lassen mag, weder von sehr reichen noch von sehr armen Menschen, weder von mächtigen noch von eindeutig unmächtigen. Insofern erscheint es mir als völlig zulässig, die Bettelei in Restaurants nicht tolerierbar zu finden und sich auf einen auf den ersten Blick hart wirkenden Standpunkt zurückzuziehen, der lautet: Wer das drauf hat, wird sich wohl auch noch anders weiterzuhelfen wissen. Am dringendsten brauchen doch diejenigen Hilfe, die zu schwach sind, sich so was auszudenken, die, auf die man selber eher aufmerksam werden muss, als dass sie auf sich aufmerksam machen. Wenn eine unangenehme Szene in einem Restaurant dazu dient, diese Aufmerksamkeit zu schärfen, dann hat sie ihren Zweck erfüllt. Auch wenn man dem dort sammelnden Bettler gerade nichts gegeben hat.

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