Zeitung Heute : Wie gedruckt

INGO BACH

Rudolf-Walter Marnitz liest Heine im Berliner Bodoni-MuseumWas könnte für eine Lesung eine besserer Resonanzboden als die Verbindung des gespochenen Wortes mit dem gedruckten? So traf man sich am Freitag abend in der "Winkeldruckerey im Bodoni-Museum" - der Name ist eine Verbeugung vor Giambattista Bodoni (1740-1813), dem bedeutendsten Druckkünstler seiner Zeit -, um Texten von Heinrich Heine zu lauschen.Um die Empfindung für die Unmittelbarkeit noch zu steigern, wird während jeder Lesung auf einer rumpelnden Druckmaschine ein weiteres Gedicht Heines auf Papier gebannt; am Ende der Veranstaltungsreihe soll so eine exklusive Heine-Mappe entstehen.Doch während die Druckmaschine stöhnt, fragt man sich: Ist das Ambiente richtig gewählt? Zwischen den Maschinen drängen sich auf knarrenden Stühlen die Zuhörer, vom Hinterhof her dringt das Geschrei von Kindern in die Halle.Die stimmungsvollen Kerzen kommen nur schwer gegen das gleißende Neonröhrenlicht des Arbeitsraumes an.Doch dann beginnt Rudolf-Walter Marnitz zu lesen, und die Gedanken über Gunst oder Ungunst der Räumlichkeit sind vergessen.Hier ist ein Profi am Werk.Der Schauspieler, Regisseur, Rundfunk- und Synchronsprecher hat schon oft interpretiert: Fontane gehört ebenso zu seinem Repertoire wie Tucholsky, Kästner oder Kishon.Bei Heinrich Heine spüre er eine besondere Berufung.Erst spät sei er an "diese literarische Fundgrube" gelangt, sagt er."Heine ist in der Schulzeit von vielen Lehrern, ohne daß sie es wußten, totgeritten worden." Nun sattelt er neu und schreitet und trabt und galoppiert.Marnitz spielt virtuos auf der Tastatur der Intonation - mal vermeint man das Trommeln der Rebellion zu hören, wenn er "Die schlesischen Weber" interpretiert: "Wir weben, wir weben, Alldeutschland Dein Leichentuch!".Dann wieder wird seine Stimme wie von Zweifel zittrig, um mit Heine die "geheimen Ängste der Künstler" vor dem Kommunismus zu beschwören.Und als er "Das Testament" vorträgt, gelingt es Marnitz gar, das schelmische Augenzwinkern des Satirikers fühlbar zu machen. Umrahmt wird das Ganze von Igor Ginsburgs Klarinette, die in jiddischer Manier zwischen den Texten lacht und feiert und jauchzt, um dann einfach nur hemmungslos zu schluchzen.Dabei ist sie mehr als nur die Schwarzblende zwischen den Dichtertexten; sie ergänzt, intensiviert, schafft Atmosphäre."Diese Musik ist 200 Jahre alt, und sie wird auch zu Zeiten Heines so gespielt worden sein", begründet Ginsburg die Musikauswahl.So wird "Heine im Bodoni-Museum" zu einem Hörerlebnis der besonderen Art, auch und besonders für diejenigen, die den Dichter totgeritten glaubten.Heinrich Heine lebt, auch und gerade in einer alten Druckerei.INGO BACH Wieder am 15.und 29.August in der Winkeldruckerey des Bodoni-Museums, Linienstraße 65, Tel.2 82 51 37.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben