Zeitung Heute : "Wie gefährlich ist Cyber-Sex?"

H.SCHLÖSSER

HANNOVER .Da steht er nun, der Traum aller Mädchen: E-Cyas (sprich Isaias).Der Mann mit dem seltsamen Namen ist ein Typ, den man getrost in einem Werbespot für Jeans oder Getränke auftreten lassen könnte: 1 Meter 86 groß, sportliche Figur, grüne Augen, dunkelbraune Haare.Er hat nur ein Problem: Seine Existenz ist rein virtuell.Sein Schöpfer, die I-D-Gruppe aus Essingen, will mit ihm an den Erfolg von digitalen Stars à la Kyoko Date und Lara Croft anknüpfen.Und er ist auf dem besten Weg dahin - das Medienecho zur CeBIT Home, wo E-Cyas erstmals vorgestellt wurde, war enorm.Ein Interview mit dem Jugendmagazin "Bravo" hat er schon hinter sich."Die Leser wollten zum Beispiel wissen, ob Cybersex gefährlich sei", berichtet Bernd Kolb von der I-D-Gruppe.



Angst um seine Tochter braucht man keine zu haben: Zuhause ist die Figur in der künstlichen Computerwelt "Cycosmos" ( www.cycosmos.com ).Hinter dem Wortmonstrum steht ein neues Angebot im Netz, das am vergangenen Mittwoch in Hannover eingeweiht wurde.Wenn es nach seinen Machern ginge, wird sich die Seite bald zu einem Treffpunkt der Internet-Szene entwickeln.Das Konzept: "Statt nur aufgepeppte Informationen auf Webseiten abzubilden, geht es hier um die Vernetzung digitaler Persönlichkeiten", so Oliver Suhre von der I-D-Gruppe.



Jeder, der sich anmeldet, wird zunächst gefragt, welchem Geschlecht er angehört - oder angehören möchte, denn der Wahrheitsgehalt wird nicht überprüft.Um Wirklichkeit geht es auch nur den wenigsten."Viele", sagt Suhre, wählen für ihr Äußeres, mit dem sie in Cycosmos auftreten wollen, menschliche Formen und gestalten die Figur nach ihrem eigenen Vorbild.Wir sehen aber auch ein Bedürfnis nach phantasievolleren Formen und Farben.Leute, die sich drei Beine verpassen wollen und Feuer speien können."



Hat man sich eine Figur, den sogenannten Avatar erschaffen, wird man nach seinen Vorlieben und Hobbys gefragt.Eine spezielle Suchmaschine ermöglicht nun automatisch das Auffinden von Gleichgesinnten, mit denen dann in Chaträumen geplaudert werden kann."Das Ziel von Cycosmos ist der Aufbau von Gemeinschaften", so Oliver Suhre.Haben sich 50 Surfer gefunden, die eine bestimmte Vorliebe teilen, so wird ihnen eine eigene Homepage eingerichtet.



Das Angebot der I-D-Gruppe, die einmal als Werbe-Agentur angefangen hat, ist zwar kostenlos, doch uneigennützig kann man es nicht nennen."Wir sehen das als einen neuen Schritt hin zu gezielter Werbung.Durch die Community-Bildung können die gewohnten Streuungsverluste herkömmlicher Werbung verhindert werden", sagt Suhre.Bei 15 000 registrierten Mitgliedern, Tendenz steigend, ist ihm das Interesse der Wirtschaft gewiß.Daß die Anwender mit dieser Art der Vereinnahmung Probleme haben könnten, sieht Suhre nicht.Vielmehr könnten auch sie von den Werbeinformationen profitieren."Wenn in einer Homepage von Madonna-Fans ein CD-Shop inseriert, bietet dies doch einen Nutzwert für die Gruppe." Naheliegend sei es, kurzfristig Angebote dieser Art einzubinden - entsprechende Gespräche mit Anbietern von Online-Shops würden auf der Messe geführt.



Derweil macht sich der Botschafter von Cycosmos, E-Cyas, an seine Karriere als Popstar.Ende Oktober wird seine erste Platte bei EMI-Records erscheinen.Der Titel: "Are you real?"

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