Zeitung Heute : …wie Heinz Baumann und ich verhaftet wurden

NAME

Von Hellmuth Karasek

Immer, wenn ich nach Oldenburg komme – aber das passiert in Wahrheit nur sehr selten – fällt mir der Schauspieler Heinz Baumann ein, der mir erzählte, er sei in Oldenburg geboren. Ein Kerl wie ein Riese, der, als ich ihn kennen lernte, gerne nach der Theatervorstellung vor ein, zwei, drei oder auch vier, fünf Glas Wein saß, über das Theater und die Schauspielerei philosophierte, während sich die Frauen, die in seiner Nähe saßen, die Augen aus dem Kopf stierten.

Kennen gelernt habe ich Baumann, den die Kollegen Heini Baumann nannten und dessen schlaksige Zurückhaltung offenbar Frauen zur Liebes-Raserei brachte, kennen gelernt habe ich Baumann einen Tag, nachdem ich Dramaturg am Stuttgarter Theater geworden war, wo er engagiert war und seine Liebe zum Heilbronner Rotwein (Trollinger wie Lemberger, sowie Trollinger mit Lemberger) entdeckt hatte, mit dem er sich im Laufe einer Nacht nach der Theatervorstellung in eine wunderbare Klarheit soff – um von anderen Trinkabenden zu erzählen und deren Hellsicht.

Wir hatten also an meinem ersten Tag als Dramaturg in einem Lokal hinter dem Theater gesessen, vom Theater erzählt und gefeiert. Und gegen zwei Uhr nachts waren Baumann und ich übrig geblieben. Und die wunderschöne junge Johanna Thimig aus der berühmten Wiener Schauspieler-Dynastie. Und während sie zu ihm zärtlich aufblickte – er war wie gesagt groß und schlaksig – diskutierte er mit mir über das moderne Theater. Es war Anfang der 60er Jahre, und wir zogen in den Schlossgarten, der sich vom Zentrum bis nach Cannstatt zog und der zur Bundesgarten-Schau wunderbar hergerichtet worden war.

Nachts war er damals abgesperrt. Wir mussten über ein Gittertor klettern, haben die schöne Johanna Thimig ritterlich über das Gitter gehievt und sind dann (vom Hauptbahnhof hatten wir uns jeder noch ein Bier mitgenommen) spazieren gegangen und haben die Probleme der Liebe, des Theaters und der Welt gelöst, wir waren keine dreißig und Johanna Thimig knapp über zwanzig.

Irgendwann standen wir dann im dunklen Park vor einem Polizei-Notruf-Melder und da es spät war und unsere Flaschen leer, haben wir den Notruf betätigt. Und Heinz Baumann mit seiner markanten Stimme und ich haben bei der Polizei ein Bier bestellt und dass sie es uns mit dem Streifenwagen bringen sollten. Selbstverständlich auf unsere Rechnung. Dann haben wir gewartet.

Als die Polizei mit Tatü-Tata-Tatü-Tata ankam, haben wir, es war früher Morgen, überlegt, ob es lustiger wäre, wenn wir zugeben würden, wir hätten das bestellt. Oder ob es witziger wäre, wir würden es abstreiten. Wir waren ohnehin mutterseelenallein im Park, weit und breit kein Mensch. Wir fanden es lustiger, die Bierbestellung per Notruf abzuleugnen. Und so wurden wir, Johanna Thimig, Heinz Baumann und ich, mit Tatü-Tata aus dem verschlossenen Schlossgarten zur Polizeiwache gebracht und dort festgehalten, nachdem man unsere Personalien aufgenommen hatte.

Nach etwa einer Stunde wurden wir freigelassen. Das Aufnahmegerät bei der Polizei hatte versagt und unsere Stimmen nicht aufgezeichnet, so dass man nichts gegen uns in der Hand hatte. Am nächsten Morgen, als ich auf die verflossene Nacht einigermaßen nüchtern zurückblickte, war ich doch froh, dass alles für mich an meinem ersten Amtstag als Chefdramaturg der Württembergischen Staatstheater so glimpflich abgelaufen war.

Heinz „Heini“ Baumann spielte dann bei Rudolf Noelte den „Snob“ und den Baron Tusenbach in den „Drei Schwestern“ (Noelte hatte den hässlichen Unglücksvogel, der im Duell fällt, mit Baumann schön, männlich und strahlend besetzt). Und vor allem auch den George in „Wer hat Angst vor Virginia Wolfe?“. Er war auch ein bestechend schmieriger Eisenring in Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“.

Wir haben damals viel zusammengearbeitet und gefeiert, dann ging ich zur „Stuttgarter Zeitung“ zurück, und Heinz Baumann ging an die Münchner Kammerspiele. Und eines Tages traf ich ihn in München in der „Kulisse“, und er erzählte mir eine Geschichte, wie er nämlich eine Vorstellung habe ausfallen lassen.

Also: Heinz Baumann saß in einer Kneipe und es war fünf Uhr nachmittags oder fünf Uhr dreißig. Und Baumann hatte mit ein paar Freunden oder Kollegen oder Menschen, die man beim Trinken auf einmal für Freunde und Kollegen hält, gezecht, Rotwein höchstwahrscheinlich, der schwer und wohlig die Kehlen hinuntergerieselt war. Und ein oder zwei junge schöne Frauen, die Baumann anhimmelten, hätten wahrscheinlich auch dabeigesessen. Und da sei es ihm, Baumann, auf einmal eingefallen, dass er ja heute um 19 Uhr, also in knapp eineinhalb Stunden, Vorstellung hätte. Und mitten im Suff hätte er klarsichtig erschrocken gewusst: „Ich kann heute nicht spielen. So wie ich jetzt bin, kann ich nicht auftreten. Mein Gott! Ich habe vergessen, dass ich heute Vorstellung habe! Was mach ich bloß!“

Baumann wusste, dass er, wenn die Vorstellung durch seine Schuld ausfallen müsste, eine fürchterliche Konventionalstrafe würde zahlen müssen. Zehntausend Mark und mehr für die entgangenen Einnahmen. Und dass er riskierte, fristlos gekündigt zu werden.

Mein Gott, was mach ich nur! dachte er wieder und wieder, zahlte dann, bestellte ein Taxi und ließ sich zum Englischen Garten fahren. Dort rannte er in seiner ernüchternden Verzweiflung immer wieder mit voller Wucht gegen einen dicken Baum, den Kopf nach vorn als Rammbock, bis er blutend zusammenbrach. So wurde er gefunden, von der Polizei in ein Krankenhaus gefahren und dort notbehandelt.

Kurz nach sieben traf er, mit dickverbundenem Kopf und einem ärztlichen Bericht in der Tasche, bei den Kammerspielen ein, meldete sich bei dem Abend-Diensthabenden und erzählte, er sei – man könne es ja sehen und ein ärztliches Attest habe er auch – im Englischen Garten überfallen und niedergeschlagen worden. Er sei nicht Schuld, dass er nicht rechtzeitig zur Vorstellung gekommen wäre.

Der Abendregisseur habe ihn mitleidig und gleichzeitig verständnislos angesehen, erzählte mir Baumann. Das alles sei zwar traurig und schön und gut, für das Theater aber ohne Belang. Denn, so der Abendregisseur, das wisse er, Baumann doch, habe ja heute überhaupt keine Vorstellung.

„Stell dir vor“, sagte Heinz Baumann zu mir und prostete mir mit einem Glas Rotwein zu, „ich hatte die Tage verwechselt. Ich hatte frei.“ Und dann sagte er, was er immer zu solchen Geschichten sagte, nämlich, während er schmerzlich grinste: „Dämon Alkohol!“ und fügte hinzu: „Genau wie damals mit Johanna Thimig im Schlossgarten. Nur umgekehrt!“

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben