Zeitung Heute : …wie ich einmal mit Peter von Zahn den Anschluss verpasste

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Von Hellmuth Karasek

Das mag 1995 oder 1996 gewesen sein, jedenfalls war es im Dezember, und ein Dienstag war es auch, so weit ich mich erinnere. Ich fuhr mit dem IC von Hamburg nach Essen, es war Nachmittag, düster und fast schon dunkel, von Zeit zu Zeit fiel dicker, flockiger Schnee, die Landschaft zwischen Hamburg und Bremen war von dämmrigem Weiß, Schnee, so weit das Auge reichte. Ich sollte am Abend aus meinem 50er-Jahre-Buch „Go West" in Mönchengladbach lesen. Vor Essen wollte man mich mit dem Auto abholen. Für den Notfall hatte ich das Handy dabei, das aber während der Fahrt noch nicht funktionierte. Handys waren zwar nicht mehr selten, aber noch ziemlich neu: klobige Knochen, mit wenig Funktionen. Dafür traf ich im Zug Peter von Zahn, den auf angenehme Weise alt gewordenen Reporter der Windrose und genoss bei der Unterhaltung seinen bedächtigen Singsang in der Stimme mit dem unverwechselbar sächsischen Unterton. Wir unterhielten uns mit einem Bundeswehroffizier über Auslandseinsätze. Oder so ähnlich.

Dann ging ich in den Speisewagen, und als ich dort an meinem Kaffee schlürfte, ertönte eine Lautsprecheransage, nachdem der Zug ziemlich heftig abgebremst hatte und stehen geblieben war. Wegen eines technischen Problems verzögere sich die Weiterfahrt auf unbestimmte Zeit. Der Zug stand und stand, draußen schneite und schneite es, die Dunkelheit wuchs, im Zug kam langsam Unruhe auf. Und obwohl niemand etwas über Lautsprecher angesagt hatte, auch kein Schaffner in Sicht war, sickerte allmählich durch: ein Mann habe sich vor den Zug geworfen, von einer Brücke sei er gesprungen. Schrecklich! Furchtbar! Und außerdem könne das Stunden dauern. Dann hörte man auch Polizeisirenen, sah Blaulicht und erahnte im Dunkeln Rettungswagen.

Die Passagiere wurden unruhig, Geschäftsleute fürchteten um ihre Termine, Familienväter wollten ihre Angehörigen beruhigen, ich telefonierte mit meinem Handy mit dem Verlag in Hamburg und der Volkshochschule oder der Buchhandlung in Mönchengladbach. Vor dem Kartentelefon im Zug hatte sich eine lange Schlange gebildet, aber ich war ja Handybesitzer, damals der einzige weit und breit.

Der Zug stand neben einem kleinen Bahnhof, der verlassen und verschlossen war, nach Bremen waren es schätzungsweise 15 bis 20 Kilometer. Also hatte ich eine Idee. Wie wäre es, wenn ich ausstiege, mir über die Auskunft die Bremer Taxizentralnummer besorgte und mir einen Wagen zum kleinen Bahnhof bestellte. Ich erläuterte mein Vorhaben Peter von Zahn, zu dem ich ins Abteil zurückgekehrt war. Drei, vier Herren , die unser Gespräch hörten, fanden das eine hervorragende Idee und fragten, ob sie sich anschließen könnten. Wir stiegen im Pulk aus. „Mir nach, meine Herren!“, rief ich und hielt mein Handy hoch wie ein Fremdenführer sein Erkennungsschild. Wir zählten durch, wir waren sechs, also beschlossen wir, dass ich drei Taxen bestellen sollte. Gesagt, getan.

Wir warteten, zehn Minuten, fünfzehn Minuten, eine halbe Stunde auf der Landstraße vor dem Bahnhof. Die Menschen im stehenden IC warteten auch. Im warmen Zug. Ich rief noch einmal an. Die Wagen seien schon unterwegs. Aber der Schnee...

Weitere zehn Minuten verstrichen und immer noch waren keine Taxis in Sicht. Da setzte sich auf einmal der Zug in Bewegung, langsam, majestätisch, fast geräuschlos. In meiner Erinnerung ist es auf einmal das Bild eines silberweißen, rotgestreiften ICE, der mit seinen Lichtern verschwand und uns im Dunkel zurückließ. Vor kurzem noch wegen meines Handys als Retter gefeiert, stand ich auf einmal doch recht traurig in meiner Gruppe da. Ich hatte alle in die kalte Einöde gelockt. Schon deshalb werde ich das gütige Lächeln Peter von Zahns nicht vergessen. Schon gut, schien es auszudrücken. Sie haben ja das Beste gewollt, im Grunde genommen!

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