Zeitung Heute : …wie ich Helmut Griem nach einer Prügelei wiedersah

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Von Hellmuth Karasek

Ich war keine 30, als ich 1963 dabei war, vom Theater wieder zur Kritik zu wechseln, zurück von den Württembergischen Staatstheatern zur „Stuttgarter Zeitung“. Offensichtlich muss ich noch wesentlich jünger ausgesehen haben, denn als ich als Stuttgarter Dramaturg eines Nachmittags ins Kino wollte, wo Ingmar Bergmans Skandalfilm „Das Schweigen“ lief, bei dem der schwedische Pastorensohn Gottsuche und Selbstbefriedigung, Qual und Liebe auf das Innigste verzwirbelte, hatte ich keinen Ausweis bei mir. Und so wurde ich nicht ins Kino gelassen.

Eines Nachmittags fuhr ich mit dem Zug von Stuttgart nach Darmstadt, wo beim „Darmstädter Echo“ Schorsch Hensel Kritiker war (später der Theaterpapst der „FAZ“) und Gerhard F. Hering Intendant. Hering hatte einen großen Ruf, weil er in der Nazi-Zeit eine Kölner Kunstausstellung von Nazi-Kunst (Breker etc.) durch reine Beschreibung ad absurdum geführt hatte, ohne dass ihm jemand was anhaben konnte. Als Intendant gehörte er zu der Gruppe der Belesenen, literarisch Gebildeten, Theoretischen. Daneben gab es die dampfenden Krafttiere, Rampensäue, Theaterpraktiker, Strieses – alle, die immer sagten, dass „der Lappen hochgehen müsse“, egal, was passiert. Und, als neue Gruppe, die blau rasierten Brechtianer, schmallippige Theaterarbeiter, die den kanonisierten Brecht im Schlaf zitierten konnten und von „Modell-Inszenierungen“ sprachen.

In Darmstadt hatte an diesem Abend Hans Bauer Federico Garcia Lorcas „Donna Rosita bleibt ledig“ inszeniert. Der spanische Lyriker, rätselhaft übersetzt und rätselhaft zu spielen, war damals etwas, was schön zwischen Traumpoesie und Kunstgewerbe hin- und her schwankte. Bauer war Außenseiter und Einzelgänger, streitsüchtig und trinkfest, von seinen Schauspielern vergöttert, eine faszinierende Regie-Figur am Rande: Das „poetische Theater“ war eine ausklingende Mode.

Hering hatte mich mit zur Premierenfeier an einen Tisch bei einem „Chinesen“ geladen, damals das In-Lokal in dem gepflegten Darmstadt, wo es den Jugendstil gab und Karl Krolow und die Akademie für Sprache und Dichtung. Darmstadt war das Erlesenste, was es an deutscher Theaterprovinz gab.

An dem Abend wurde viel getrunken, und am späten Abend kam ein schöner Blondling mit einer schönen Frau und setzte sich dazu. Und als ich, sicher schon etwas angetrunken, mich mit dem schwermütigen Bauer anlegte (oder er sich mit mir), mischte sich der blonde junge Mann ein, der wie ein Nazi aussah – blonde Bestie, dachte ich voll (Sexual)-Neid. Irgendwann, es war schon sehr spät, hatte er mich hinausgebeten und wir haben uns auf der Toilette ein wenig geprügelt, nicht schlimm, bloß so. Ich dachte, wer ist dieser Affe, der sich für Bauer so ins Zeug legt und auch noch eine so hübsche Begleiterin hat? Er dachte, wer ist dieser Theaterideologe.

Ein paar Wochen später, ich war schon wieder Kritiker bei der Zeitung, fuhr ich zu den Ruhrfestspielen, wo Willi Schmidt Schillers „Kabale und Liebe“ in Recklinghausen inszeniert hatte. Das Gewerkschafts-Festival mit seinem Nachkriegsruf – hier hätten Kumpel Kohle für Kunst geliefert – hatte damals einen hohen Stellenwert. Willi Schmidt, als sein eigener Bühnenbildner zärtlich spöttisch „Leisten-Willi“ genannt, weil er ein Meister der strengen Form war, stellte so etwas wie die klassische Fehling-Gründgens-Tradition des deutschen Theaters dar. Als der Ferdinand auftrat, erschrak ich: War das nicht der Beau und Streithammel, mit dem ich mich kürzlich in Darmstadt auf dem Klo gestritten und geprügelt hatte? Ja, es war Helmut Griem, den ich zum ersten Mal auf der Bühne sah, noch dazu in einer präzisen, schauspielerisch ausgezeichnet durchgearbeiteten Aufführung, die bewegend, eindrucksvoll war. Mein Gott, dachte ich, so kann man andere verkennen. Und ich verfasste eine äußerst lobende Kritik und beschrieb das Spiel von Helmut Griem mit großer Bewunderung und Zuneigung.

Später wurden wir einander vorgestellt. Wir erinnerten uns an den alkoholisierten Streit in Darmstadt. Griem war mir von da an sehr gewogen. Er habe, so sagte er, bewundert, wie ich über meinen Schatten gesprungen sei, als ich ihn als Ferdinand wiedersah.

Aber, ehrlich gesagt, was wäre mir anderes übrig geblieben?

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