Zeitung Heute : Wie kommt das Gesetz in den Dschungel?

Alle zwei Monate fährt ein Schiff den Amazonas hinunter, an Bord Richter und Anwälte. Es soll Gerechtigkeit bringen – ans Ende der Welt.

Erwin Koch

Es ist Wasser, braun und müde, nichts als Wasser hier, das wiegt und tröstet, es ist Sonntag, kein Wind, kein Vogel, jemand schnarcht, der Amazonas, sagt einer, sei hier 200 Kilometer breit, Piratengebiet. Die Staatsanwältin, ihre Lippen sehr rot, zirpt ein Lied, pisa a barata, zertritt die Kakerlake. Die Sonne so hoch, dass sie keinen Schatten macht, und Juarez Gonçalves Ribeiro spielt wieder Domino und verliert. Das Schiff schnaubt seinen tiefen treuen Ton, weiß und doppelstöckig, 23 Meter lang, sechs breit, es heißt „Tribuna“ – a justiça vem a bordo, die Justiz ist an Bord, Tiefgang ein Meter 60. Juarez Gonçalves Ribeiro ist Verteidiger, und Lindalva Gomes Jardina, die Staatsanwältin, deren Füße den Boden nicht erreichen, wenn sie auf der weißen Schiffsbank sitzt, trägt Durchsichtiges, noch acht Stunden bis Bailique, Inselgruppe im Amazonasdelta, 150 Kilometer hinter Macapá, der Hauptstadt des Bundesstaates Amapá, Nordbrasilien, genau am Äquator.

Die Handys sind längst stumm, Menschen liegen in Matten, Leib an Leib, man schläft und redet, feilt die Nägel, liest in glänzenden Heften, Schweiß strömt aus Juristen, aus Krankenschwestern, Mütterberaterinnen, Sozialarbeitern, Matrosen, aus einem Koch, einem Landvermesser, einem Spurensicherer, einer Zahnärztin, einer Vermittlerin, aus drei Militärpolizisten in kurzen Hosen.

Zum 52. Mal schrauben Recht und Gesetz sich durch die Hitze, ihre Segnungen in die Dörfer des Deltas zu tragen, die Flussmenschen, sagt die Richterin Sueli Pereira Pini, sind die Vergessenen unserer Gesellschaft, sie wissen nicht, dass sie Rechte haben, dass sie sich wehren dürfen und können, sagt die Richterin, das Ziel unserer Reisen ist es, den Menschen am Fluss die Angst vor dem Staat zu nehmen, und das Ziel ist es ebenso, die brasilianische Justiz, korrupt, schwerfällig, menschenverachtend, zu ändern, wir sind eine Sonderjustiz, eine Wanderjustiz, wir fahren zu denen, für die wir gedacht sind. Sueli Pereira Pini, auf ihrer zwölften Fahrt, sitzt an einem schweren Tisch in einem engen Zimmer, dem Gerichtssaal auf dem Oberdeck, vier auf vier Meter, sechs Stühle. Ich begreife mich als Befreierin, sagt sie und lacht nicht.

Die Hexe und die tote Kuh

Grünzeug schwimmt im Fluss Amazonas, Inseln aus Blättern und Wurzeln, das Ufer nun nahe, Lígia Dornelles, dekolletiert wie immer, die Vermittlerin, drückt Bepanthol auf die drei Tattoos, die sie sich, etwas übermütig, vorgestern in die Haut stechen ließ, Schulter, Leiste, Fessel. 40 Hängematten schaukeln im Takt, und wie es Morgen ist, liegt das Schiff an einem Steg, das Dorf steht auf Pfählen und heißt Vila Progresso, 1500 Menschen an einem Kanal, heute ist Montag, erster Arbeitstag der Juizado Itinerante Fluvial, der Wanderjustiz zu Wasser, Sônia Regina dos Santos Ribeiro, die Gerichtsschreiberin, setzt sich ans Laptop, schiebt einen Kaugummi in den Mund, es ist sieben Uhr, am Steg von Vila Progresso steht ein haarloser Hund, die Mütterberaterinnen gehen von Bord, die Sozialarbeiter, die Zahnärztin, nur die Gerechtigkeit bleibt auf dem Schiff, die junge Zahnärztin stellt sich unter das Vordach eines Hauses, zwei Dutzend Menschen warten bereits, sie hat keinen Bohrer dabei, nur Zangen und Putzbesteck, ein großes Gebiss aus Gips, eine große Zahnbürste.

Und Siro Cardoso Marques da Silva, Flussmensch, 66 Jahre alt, sitzt schon seit drei Stunden in seinem alten Boot, als er um Viertel nach sieben die Justiz erreicht, die alle zwei Monate das Delta durchmisst, er bindet seinen hölzernen Kahn an die weiße „Tribuna“, klettert barfuß aufs Deck, drei Töchter hat er mitgebracht, alle geschminkt und sauber gekleidet, und André, den Ältesten, und dessen Frau Leia, die lesen und schreiben kann, 20 Kinder hat Siro, 42 Enkel, zwei Urenkel und zwölf Kühe, er lächelt schüchtern. Eine Justizbeamtin reicht ihm eine Tasse süßen Kaffees, Siro erschrickt, niemand Fremdes hat ihm je Kaffee gereicht, seitdem er geboren ist an einem Seitenarm des Amazonas, drei Bootsstunden von hier, aus dem Radio hat er erfahren, dass heute das Justizschiff hier liegt, heute und vielleicht noch morgen, also ist er mit Sohn und Töchtern um vier Uhr nachts in sein Boot gestiegen, Siro braucht kein Licht, um den Weg zu finden, und nun steht er hier und wartet auf Gerechtigkeit, es ist halb acht, ein Hahn kräht.

Fast 66 Jahre sei sein Leben eine Freude gewesen, sagt Siro, ein Geschenk des Herrn, dann aber, vor zwei Monaten vielleicht, sei die Sonne weggeblieben, der Nachbar, Nestor das Neves Monteiro, und dessen Frau, diese Hexe, Maria de Nazaré da Luz das Neves, denen er, Siro, einst ein Stück Land überließ, aus Gutmütigkeit und zum Gefallen Gottes, diese Nachbarn fanden eines Morgens eine Kuh tot im Gras, sie schnitten ihr die Ohren ab und reisten damit nach Macapá, in die Hauptstadt, zeigten die Ohren den Richtern und behaupteten, André, mein Ältester, habe ihre Kuh erschossen. Wo diese Kuh doch schon zwei Tage tot im Gras lag. Seither ist der Friede dahin, sagt der alte Siro, die wollen mein Land. Die Töchter, Spangen im Haar, zockeln über das Deck, es ist acht Uhr, Sueli Pereira Pini, die Richterin, Mutter von fünf Kindern, verlassen von einem Mann, der nun eine andere liebt, setzt sich in den Gerichtssaal, die Schreiberin startet den Computer, kaut Gummi, der Kapitän, sich nicht zu schade, schrubbt das Deck.

Menschen klettern auf die „Tribuna“, aus Not oder Neugier, sechs, sieben Boote liegen nebeneinander, gedrungene Barken, Einbäume. An Land, vor Graças Gaststätte, sitzt Márcio Jaime dos Passos Pereira auf einem knappen metallenen Stuhl, ein Piercing steckt in der linken Braue, Márcio hockt an einem Tisch und füllt das Geburtenregister, Zivilstandsregister, Eheregister, Wahlregister, der Hund, der keine Haare hat, verbreitet Ekel, es gibt nichts Anhänglicheres als haarlose Hunde, die mehr Schwein sind als etwas anderes, Márcio verzieht das Gesicht und steht auf, bindet die Babywaage an den Ast eines Baums. Siro Cardoso Marques da Silva, der vor zwei Monaten seinen Frieden verlor, wartet hinter der Treppe des Schiffes. Senhor, fragt die Staatsanwältin, ihre Nägel unter neuester Lasur, Senhor, haben Sie Hunger? Wenn Sie erlauben, sagt Siro, dann habe ich. Die Frau legt ihm die Hand auf den Arm. Gehen Sie in die Küche, sagt sie, verlangen Sie vom Koch etwas Brot und Käse.

Neun Uhr 48. Zivilklage Nummer 1765/03. Der Kläger, Hiago Rocha Monteiro, sitzt auf dem Schoß seiner jungen Mutter, er ist acht Monate alt und trägt Hellblau, die Mutter ist 17 und schaut dem Mann, der neben ihr sitzt, nicht ins Gesicht. Der Beklagte, Kellner in Graças Gaststätte, verheiratet und Vater, spricht sehr leise, er streite nicht ab, flüstert er, der Mutter des Klägers, Deuziane Rocha Monteiro, bei Gelegenheit im Fleische begegnet zu sein, ein halbes Dutzend Mal vielleicht und ganz bestimmt zur gegenseitigen Erquickung, doch der Vater dieses ihres Kindes sei er nicht, sagt er, das Kind greift nach ihm, die Richterin lächelt. Sie fragt, weiß Ihre Frau davon? Ja, sagt der Mann. Und?, fragt die Richterin. Sie sagt, haucht der Mann, dass mich die Kleine nur hereinlegen will, die will nur Geld, ich soll, sagt meine Frau, einen Test machen lassen. Die Staatsanwältin, am andern Ende des Tischs, trägt am Hals ein kleines Krüglein, das sie jeden Morgen, und manchmal auch abends, mit Parfüm füllt, auf dass das Krüglein sich im Lauf der Stunden über ihre Haut ergieße, aber mein Herr, sagt nun die Staatsanwältin, das Kind sieht doch aus wie Sie. Der Mann hält dagegen, o nein, das ist nicht mein Kind, das Luder will nur mein Geld. Da setzt die Gerichtsschreiberin ein, das Kind sieht tatsächlich aus wie Sie, ja, sagt nun auch die Richterin, der kleine Hiago gleicht Ihnen aufs Haar. Nun lacht die Justiz, so lange, bis auch der Beklagte grinst, meine Frau, sagt er, will, dass ich nach Macapá fahre und dort untersuchen lasse, ob ich wirklich der Vater bin.

Der Gesang der Richterin

Jetzt sitzt der Kläger auf dem weichen Schoß der Staatsanwältin, und die Richterin diktiert der Schreiberin, der Beklagte wird hiermit aufgefordert, sich im städtischen Krankenhaus zu Macapá einzufinden, um sich zwecks Feststellung einer allfälligen Vaterschaft der Untersuchung seiner Erbsubstanz zu unterziehen. Sollte sich dabei herausstellen, dass er tatsächlich Vater des Klägers ist, hat er diesen, rückwirkend zum Zeitpunkt seiner Geburt, finanziell zu unterstützen. Die Schreiberin hämmert in den Computer, Sueli Pereira Pini legt dem Paar ihre Hände auf die Arme, sie spricht leise und langsam, singt beinahe, und sollte man Sie, singt die Richterin, im Krankenhaus vertrösten und wieder nach Hause schicken wollen, wie es so oft geschieht mit Menschen vom Fluss, dann lassen Sie sich nicht erschrecken, rufen Sie mich an, ich werde den Leuten schon Beine machen. Die Schreiberin druckt das Urteil aus, zehn Uhr 02, die Richterin stempelt und unterschreibt, dann die Mutter des Klägers, dann der mögliche Vater, er steht auf, schlägt der Mutter, die hinter ihm aus dem Zimmer will, die Tür vor der Nase zu. Arsch, knurrt die Staatsanwältin.

Es ist Aufregung in Vila Progresso, junge Männer belagern den Steg und schauen hinüber aufs Schiff „Tribuna“, das weiß und neu ist, ein Geschenk der Fundaçao Banco do Brasil an die Spezialjustiz von Amapá, 14 von 27 Bundesstaaten ahmen das Beispiel nach und schicken ihre Juristen in Bussen und Schiffen zu den Armen. Giselly Ramos, die blonde Zahnärztin, steht unter dem Vordach eines Hauses, es ist Mittag, Giselly, seit vier Stunden über Münder gekrümmt, schmerzt der Rücken, jetzt zieht sie den 33. Zahn. Der alte Siro wartet hinter der Treppe, die zum Oberdeck führt, und schaut ins Wasser.

Es geht uns nicht darum, sagt die Richterin Sueli Pereira Pini, Tochter eines Kaffeepflückers aus Brasiliens Süden, die mit zwölf bereits den Haushalt Fremder führte und nachts zur Schule ging, es geht uns nicht darum zu verurteilen, im Gegenteil. In einer Welt, die so abgeschieden ist wie diese hier, wo die Justiz im Jahr nur fünfmal, sechsmal aufkreuzt, ist der Friede wichtiger als kluge juristische Urteile. Wir versuchen zu versöhnen, zu vermitteln, 90 Prozent der Fälle, die wir behandeln, enden in einem Vergleich. Der Friede ist das Maß des Flusses. Ohne Friede kein Leben hier.

Heftig saugt sie an ihrer Zigarette, der Koch ruft zum Essen. Polizeiunteroffizier Willian gefällt das helle Blond der Zahnärztin, in kurzen Hosen schleicht er an, die Pistole am Gurt, und fragt leise, ob sie Cola möchte oder Fanta, er habe nicht viel zu tun auf diesem Schiff, flüstert er, keine Piraten weit und breit, und wenn Giselly seine Hilfe brauche, dann bitte, sagt Unteroffizier Willian, plötzlich unterbrochen vom Lärm eines Außenborders. Der örtliche Polizeichef hockt im Boot, schlank und grimmig, Sargento C. Costa, alle nennen ihn C. Costa, Schnüre baumeln an der engen grünen Uniform, Handschellen am Gurt und glänzende Patronen, der Motor heult auf, und C. Costa, begleitet von einem Soldaten, rast los, das Boot bäumt sich im warmen braunen Wasser, einen Mann soll er holen da draußen im Durcheinander der Inseln und Kanäle, einen gewissen Leonil Pantajo Pereira, Palmherzschneider von Beruf, eine Stunde flussaufwärts. Seine Schwiegertochter, sagt er, als er am späten Nachmittag vor der Richterin im kühlen Gerichtssaal sitzt, klein und leise, die Schwiegertochter Delma habe es sehr wohl genossen, als er sich vor zwei Jahren mit ihr in der Küche vergnügte, nackt, von Vergewaltigung könne nicht die Rede sein, sagt der Mann, C. Costa, böser denn je, steht hinter ihm und wacht. Wie alt war Delma damals? fragt die Richterin, nun singt sie nicht. 15. Und Sie? 45. Die Richterin schließt die Augen. Ich schwöre, sagt der Mann, das Mädchen hat mitgemacht, es klagt mich nun an, damit es und seine Familie an mein Land kommen, ich schwöre, wenn jemand hier das Opfer ist, dann ich. Die Richterin schweigt und fragt, warum, Leonil, sind Sie zehn Vorladungen nicht gefolgt? Ich habe nie eine Vorladung erhalten, ich war im Wald, schnitt Palmherzen, schwört Leonil Pantoja Pereira. Die Gerichtsschreiberin hämmert in den Computer, hiermit wird der Kriminalprozess Nummer 5470/02 an das ordentliche Strafgericht in Macapá überwiesen, Leonil, sagt die Richterin, ich setze Sie nicht in Untersuchungshaft, aber sollte ich, bevor Ihr Prozess beginnt, nur das Geringste von Ihnen hören, lasse ich Sie ins Gefängnis bringen, verstehen Sie? Der Mann nickt, er drückt seinen Daumen auf ein Stempelkissen, drückt ihn auf Papier, jetzt steht er auf, er kann kaum stehen, seine linke Wade ist geschwollen, Blut und Eiter rinnen aus faulem Fleisch, eine lange offene Wunde, Leonil, sagt die Richterin, ich lasse Sie nicht nach Hause, bevor Sie hier nicht bei der Ärztin waren.

Es ist dunkel geworden, Musik dringt aus dem Wald, pisa a barata, zertritt die Kakerlake, die Zahnärztin hat heute 134 Menschen behandelt, 62 Zähne gezogen, drei Wunden genäht, die Kinderärztin 107 Kinder gewogen, und Siro Cardoso Marques da Silva, auf der Suche nach seinem Frieden, schickt endlich die geschminkten Töchter nach Hause, er wartet, will nur noch Leia bei sich, die Schwiegertochter, die schreiben kann und lesen, morgen, vielleicht morgen hat die Richterin Zeit, seinen Fall zu behandeln, es eilt, der Alte stellt seinen Fuß auf einen roten Kübel aus Plastik, drückt den Deckel fest auf den Rand, kein Staubkorn darf dem Behältnis entkommen. Dann, um sieben Uhr abends, ist Massenhochzeit in der Kirche des Dorfes, Sueli Pereira Pini, die berühmte Richterin aus der Stadt, steht auf einer Bühne und spricht ins Mikrofon, es ist eine große Ehre für mich, sagt sie, zu dieser Stunde bei euch zu sein. Fünf Paare warten vor der Frau, fünf junge Männer in weißen Hemden und schwarzen Hosen, fünf junge Frauen in kurzen Röcken, zwei davon mit gewölbtem Bauch, die Richterin liest feierlich ihre Namen, dann öffnet sie das Zivilgesetzbuch und spricht, was sie sprechen muss, alle klatschen, dann übergibt sie der Staatsanwältin, die vom Geschenk der Liebe redet, alles hat einen Anfang und ein Ende, sagt sie, nur der Ring nicht, und ein Pfarrer, ganz in Weiß, gackert ins Mikrofon, die Frucht der Liebe, ganz klar, sieht man bereits an zwei Bäuchen, Gott sei trotzdem mit euch.

Irgendwann, als die meisten schlafen, legt ein schmales altes Boot an die „Tribuna“ an, ein dünner Mann steigt aus, bleibt stehen und weiß nicht, was zu tun ist, ein Klagen dringt über das Wasser, hohe seltsame Schreie, wie ein Tier, das verletzt im Wald liegt, es ist vier Uhr, eine Hygieneberaterin erwacht in ihrer Matte und weckt die Kollegin, die Frauen klettern hinüber ins alte Boot, sie klettern zurück, rufen die Ärztin, und dann, als endlich Wind aufkommt, ist die Klage vorbei, ein Kind wimmert, gerade geboren, und das alte Schiff löst sich von der „Tribuna“ und verschwindet in der Nacht, erste Vögel, es regnet, der Koch kocht.

Schwimmwesten und Gebete

Sturm fährt in die Matten, Regen bricht aus, der Kapitän hält in der Mitte des Wassers, das kein Ende hat, er rennt los, hilft den Matrosen und Polizisten, die blaue Plane über das Deck zu rollen, der Amazonas ist 6470 Kilometer lang und führt in jeder Sekunde 180000 Kubikmeter Wasser, der Sturm zerrt an den Planen, die Frauen und Männer auf der „Tribuna“ legen die Schwimmwesten bereit, die Zahnärztin betet, der Kapitän grinst, nichts Besonderes, sagt er, es ist Mittwoch, die Zahnärztin zog gestern 58 Zähne, das Schiff hält vor einem Ort, der Philadelphia heißt, und wieder steht der alte Siro Cardoso Marques da Silva, der nachts verschwunden war, unter der Treppe, die zum Oberdeck führt, und drückt den Fuß auf einen roten Kübel aus Plastik. Senhor, haben Sie Hunger? fragt die Staatsanwältin, Lindalva Gomes Jardina steckt heute in engem roten Stoff, Che Guevara strahlt vom parfümierten Busen. Wenn Sie erlauben, sagt Siro, dann habe ich jetzt Hunger. Mütterberaterinnen, Krankenschwestern, der Landvermesser verlassen das Schiff, Einbäume legen an, die Gerichtsschreiberin, in einem rosa Leibchen, mit rosa Hütchen und rosa Lippen, setzt sich ans Laptop und hämmert Recht.

1782/03. Hiermit vereinbaren die Eheleute Maria do Carmo Campos und Raimundo Campos, nach einem Gespräch mit der Vermittlerin Lígia Dornelles, bis zur nächsten Ankunft des Justizschiffes zwar weiterhin unter einem Dach zu wohnen und gemeinsam für ihre neun Kinder zu sorgen, aber in verschiedenen Betten zu schlafen. Die Ehefrau wird, wenn das Justizschiff in zwei Monaten wiederkommt, mitteilen, ob sie ihr Scheidungsbegehren aufrechterhält.

Juarez Gonçalves Ribeiro gewinnt im Domino, Unteroffizier Willian schneidet Zuckerrohr in kleine Stücke und saugt sie aus, und plötzlich steht sie auf dem Oberdeck, Maria Nazaré da Luz das Neves, die mit dem alten Siro im Streit liegt, drahtig und dunkel, mit Handtasche, auf dem rechten Auge blind, Ehefrau des Nestor das Neves Monteiro, zwei Kinder, zwölf Enkel, 19 Kühe. Die Richterin bittet ins kühle Zimmer, der alte Siro getraut sich nicht, er schickt seine Schwiegertochter, die lesen kann und schreiben, die Schwiegertochter zögert, geh, sagt Siro, und nimmt den Fuß vom roten Kübel. Leia bückt sich zum Eimer und stellt ihn auf den Tisch der Richterin.

Sie machen sich keine Vorstellung, hebt Maria Nazaré an, wie schlecht unsere Nachbarn sind, sie haben uns eine Kuh erschossen. Nichts als Lüge, sagt Leia, Siros Schwiegertochter. Meine Damen, setzt die Richterin ein, ich will hier kein Gekeife, wir sind Menschen mit Verstand und Würde, und wir sind Frauen, die wissen, wie schwer es ist, eine Familie zu haben, machen Sie sich nicht zu Sklaven Ihres Hasses. Leia weint, ich kann nicht mehr, Frau Richterin, ich ertrage den Geruch, den Schatten, den Blick dieser Frau nicht mehr, hier, in diesem Kübel, der am Sonntag plötzlich in unserem Hof stand, in diesem Kübel steckt der Beweis, dass sie uns verhext, Schlamm, Eierschalen, Wurzeln, wir können nicht mehr schlafen, nicht mehr essen, unsere Köpfe tun weh, Maria Nazaré ist eine Hexe, heult Leia, die lesen kann und schreiben. Ach was, lärmt jetzt Maria Nazaré, wer hat denn neulich gedroht, meinem Mann ein Pulver auf den Schwanz zu streuen, damit er ihn nicht mehr hochkriegt? Die Richterin legt ihre Hände auf die Hände der Parteien, Leia schluchzt, die Gerichtsschreiberin reicht Wasser und Taschentuch. Ich werde, sagt die Richterin, diesen Kübel mit nach Macapá nehmen und ihn dort untersuchen lassen, ich glaube nicht an Hexerei, ich glaube an die Vernunft, ihr seid Frauen, lasst euch nicht vergiften vom Streit eurer Männer.

1787/03. Hiermit erklären sich Leia Maciel de Marques und Maria Nazaré da Luz das Neves damit einverstanden, dass der vorliegende rote Plastikeimer, Beweisstück Nummer TC J77L/03, auf seinen Inhalt untersucht wird und dass die Parteien sich bis zum Vorliegen eines Ergebnisses jeder Feindseligkeit enthalten. Die Parteien erklären sich außerdem bereit, die Männer in ihren Familien dahingehend zu beeinflussen, dass diese, wenn das Justizschiff im August wiederkommt, ihre Hand bieten zu einer gütlichen Einigung.

Wind. Wolken über dem Fluss. Geier. Nachts die Flut, Weiterfahrt nach Itamatatuba. Arnold Schwarzenegger klebt an der Wand der einzigen Kneipe. Ein Musikgerät auf dem Tresen. Die Staatsanwältin muss tanzen, sie tanzt, bis sie tropft, zertritt die Kakerlake, stöckelt dann zum Schiff und zieht Trockenes an, auf jeden Fall Geblümtes, und der Spurensicherer fotografiert zur Erinnerung, Fest im Regenwald von Itamatatuba. Sueli Pereira Pini, die Richterin, sitzt auf einem Stuhl, etwas abseits und 43 geworden, sie blickt in die schwarze Nacht. Endlich muss ich, sagte ihr Mann, als er sie verließ, das Geräusch deiner vielen Stempel nicht mehr hören.

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