Zeitung Heute : WIE LEBT ES SICH OHNE HAUPTSCHULE?

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Steffen Flath, Kultusminister in Sachsen

Was vor 15 Jahren mit viel Skepsis aufgenommen wurde, hat sich heute zu einem Exportschlager entwickelt: die sächsische Mittelschule. Das zweigliedrige Schulsystem Sachsens weckt das Interesse anderer Länder. Der zweite Platz Sachsens beim letzten Pisa-Test beweist die Leistungsfähigkeit. Professor Manfred Prenzel, Leiter des Pisa-Konsortiums, lobt: „Bemerkenswert sind für Sachsen . . . die relativ geringen Anteile sehr leistungsschwacher Schüler. Die Mittelschule leistet eine ganz ausgezeichnete Arbeit: Sie schafft es, dass nur relativ wenige Schülerinnen und Schüler auf einem niedrigen Kompetenzniveau zurückbleiben.“

Das Besondere an dieser Schulform ist, dass sie Haupt- und Realschule integriert. Kein sächsischer Schüler wird in eine „Restschule“ abgeschoben, sondern die Mittelschüler sind mit einem Anteil von rund 65 Prozent Mitglieder einer „Mehrheitsschule“. Die Klassenstufen 5 und 6 haben Orientierungsfunktion. Erst ab Klasse 7 werden die Schüler nach Leistungsentwicklung und geplantem Abschluss nach Lehrplänen unterrichtet, die sich in Umfang und Anforderung unterscheiden. Differenziert wird in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Physik, ab Klasse 8 auch in Chemie. Die Hauptschüler werden in Klassen oder, was meistens der Fall ist, in Gruppen unterrichtet.

Trotzdem steht die Mittelschule für Durchlässigkeit und Anschlussfähigkeit. So ist der Wechsel zwischen den Bildungsgängen bei entsprechender Leistungsentwicklung möglich. Nach der Devise „Kein Abschluss ohne Anschluss“ können Hauptschüler mit qualifiziertem Hauptschulabschluss nach Klasse 9 an der gleichen Schule den Realschulabschluss erwerben. Das berufliche Gymnasium dient sodann als Oberstufe, die zur allgemeinen Hochschulreife führt.

Fördern und Fordern stehen im Zentrum schulischer Arbeit. Die Mittelschule steht für Chancengerechtigkeit und Integration. Jede Schule hat großen Gestaltungsspielraum: Das gilt für die Ausgestaltung der Wahlpflichtangebote, aus denen alle Schüler Neigungskurse wählen, ebenso für den flexiblen Förderunterricht und die Gestaltung ganztagsschulischer Angebote, die den Interessen, Bedürfnissen und Leistungen der Schüler Rechnung tragen. Sachsen stellt für Ganztagsangebote allein in diesem Jahr 30 Millionen Euro zur Verfügung. Für alle Bildungsgänge an der Mittelschule gilt eine klare Leistungsorientierung. Die Schüler nehmen an zentralen Abschlussprüfungen teil.

Nach dem Grundsatz, dass eine moderne Bildungspolitik den Ansprüchen einer vorsorgenden Sozial- und Wirtschaftspolitik genügen muss, laufen an den Mittelschulen Projekte für abschlussgefährdete Hauptschüler. Ziel der mit EU-Geldern finanzierten Projekte ist es, die Zahl der Schüler ohne Schulabschluss zu reduzieren und die Ausbildungsfähigkeit zu verbessern.

Es wundert nicht, dass Sachsen Schule in ganz Deutschland macht. Allein in den vergangen drei Monaten besuchten Bildungsexperten aus Bremerhaven, Hamburg und Schleswig-Holstein den Freistaat, um von den Erfahrungen Sachsens zu profitieren.

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