Zeitung Heute : Wie macht man weißes Gold?

Von der Baumwolle lebt sein Dorf, wie fast überall auf der Welt wird sie mit giftiger Chemie produziert. Biopionier Philipe macht es anders. Das bedeutet mehr Schinderei und weniger Ernte, aber der Ökobauer aus Mali bereut es nicht: denn das Gift töte Boden und Menschen.

Norbert Thomma

Der Regen kam nicht, als es Mai wurde, und auch in den Wochen danach fiel kein einziger Tropfen Wasser vom Himmel. Die Sonne brannte, ungehemmt von Wolken, 40 Grad Hitze im Schatten, die ockerfarbene Erde lag rissig und hart, viele Monate nach dem Ende der Regenzeit. Dem Rhythmus eines Jahres nach sollte längst wieder der Himmel die Erde befeuchten.

Da begannen die Bauern von Yanfolila zu beten, erst alleine und still, dann gemeinsam in den Gotteshäusern. Zum Marabu gingen die einen, zum Priester die anderen. Es half nichts. Tage vergingen. Nun sollten die Fetischeure helfen, mit ihren Zaubern und Opfern und magischen Kräften. Sie taten, was sie konnten, und wieder vergingen viele Tage, an denen sich Menschen und Tiere und Pflanzen nach Wasser sehnten. Nichts. Nichts als Warten.

Dabei sollte dieses Jahr ein besonderes werden für Philipe Sagara, 59 Jahre alt, ökologischer Landwirt im Süden von Mali, wo die Grenzen nach Guinea und Elfenbeinküste nicht weit sind. Seit drei Vegetationsperioden schon hat er seine Felder von chemischen Giften verschont. Über den Winter hatte er genügend Kompost gemacht als organischen Dünger. Er würde Baumwolle wachsen sehen und pflücken, und diese Baumwolle würde das erste Mal ein offizielles Zertifikat bekommen: Bio.

Nur der Regen fehlte, ohne den es kein Wachsen und kein Leben gibt, nur Dürre und Not. In ihrer Verzweiflung besannen sich Philipe und die anderen Bauern der alten Frauen. Die Frau des Schmiedes sollte sie anführen, denn Schmiede, das wussten schon die Ahnen, verfügen über okkulte Kräfte. Und Frauen jenseits der 60 müssen es sein, reine Frauen, deren Leib je nur ein einziger Mann erblickte, ihr Gatte.

Was tun die reinen, alten Frauen, Philipe?

„Ich weiß es nicht, ich darf es gar nicht wissen! Man sagt, sie gehen im Dunkeln durch unsere Gassen – nackt. Ich kann sie nur hören. Ein Singen und Trommeln und Murmeln höre ich dann. Aber jeder Mann, der die Augen auf die nackten Frauen wirft, muss sterben. Wir Männer schließen uns ein in der Nacht, wenn die reinen Frauen mit ihrer Zeremonie unterwegs sind.“

Weiche Erde, glänzende Blätter

Es regnete. Es begann noch in jener Nacht auf die Haut der nackten Alten zu regnen, und es hörte nicht auf am nächsten Tag und sieben weitere Tage. Die Tümpel füllten sich, in den Brunnen stieg der Pegel, die Erde wurde weich, und die Blätter der Bäume glänzten gewaschen vom Staub. Philipe legte das handgeschnitzte Joch über seine zwei Ochsen. Sie heißen „der Größere“ und „der Gepunktete“. Es sind helle Tiere mit schwarzen Ohren und Nasen, die spitzen Hörner nach oben gebogen; hinter dem Hals sitzen Höcker, die an Dromedare erinnern. Der Bauer führte die Ochsen aufs Feld, drei Kilometer über mäandernde Wege, begleitet vom Sirren und Zirpen der Grillen, um den Kompost unterzupflügen. Ein Hektar Boden war bestellt, auf dem nun Baumwolle erblühen konnte.

Philipe Sagara ist ein kleiner, schlanker Mann mit dünnen Bartfäden um den Mund. Falten hat sein Gesicht nur, wenn er lacht. Er trägt einen verwaschenen, blauen Boubou, ein körperlanges Hemd. Die rissigen Füße stecken in braunen Badelatschen. Wenn er redet, lässt er die Hände tanzen wie ein Schattenspieler. Er sitzt auf einem grob gezimmerten Hocker und schaut auf sein kleines Reich: eine Mauer aus Lehmziegeln, die den Hof umgibt; vier hoch gewachsene Mangobäume, die Schatten spenden; zwei Ochsen, ein Esel, zehn Ziegen, vier Schafe, Hühner gackern; zehn Hütten stehen im Geviert, meist runde Lehmbauten mit spitzen Strohkappen als Dächer; ein ummauertes Loch, aus dem ein Mädchen an einem Seil mit Gummisack aus zehn Metern Tiefe das Wasser zieht; Frauen stoßen im dumpfen Rhythmus wuchtige Stößel in kniehohe Mörser, um Mais zu schroten; in einer Kuhle sammeln sie Abfälle und Mist, wertvollen organischen Dung; hier wohnt, wie es in Mali üblich ist, eine Großfamilie aus Brüdern, Frauen, Großeltern, den unverheirateten Kindern, gut 20 Köpfe; und der Bauer sieht die Hütten, die Gemeinschaftsküche und Schlafräume sind, Lagerschuppen und Kornspeicher, welche türlos auf Steinen und Balken stehen, um Schädlinge und Feuchtigkeit von der kostbaren Nahrung fern zu halten.

Warum bauen Sie die Baumwolle biologisch an, Philipe?

„Ich habe gemerkt, wie die Fruchtbarkeit des Bodens nachgelassen hat, von Jahr zu Jahr. Ich konnte immer mehr Geld für Dünger und Spritzmittel ausgeben, und trotzdem sank der Ertrag. Ich bin nun unabhängiger, auf lange Sicht wird damit die Familie besser überleben. Außerdem ist das Gift gefährlich. Es tötet nicht nur den Boden, auch die Menschen.“

Philipe Sagara hat kein Radio, keinen Fernseher, kein Auto, kein Fahrrad. 80 Kilometer vor Yanfolia wird die Asphaltstraße zu einer rostroten, staubigen Lateritpiste. Er kennt nicht die Geschichte des Aralsees, wo eines der größten Gewässer der Welt zu einer Salzwüste wurde, ausgelaugt von den Monokulturen der Baumwolle. Philipe weiß nichts von Statistiken, die sagen, Baumwolle bedecke weltweit 2,4 Prozent der agrarischen Fläche, verbrauche aber mehr als zehn Prozent aller Pestizide; Entlaubungsmittel zur maschinellen Ernte gar nicht eingerechnet. Er hat nie gehört von Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wonach 40000 Menschen jährlich an Pflanzenschutzgiften sterben, ein Viertel davon im Baumwollanbau.

Sie haben ihre eigenen Geschichten hier in Mali. Von der Frau im Nachbardorf, die ihre Kopfläuse mit Insektizid loswerden wollte und unter elenden Schmerzen krepierte; von den vier toten Kindern ein paar Kilometer weiter, die von einer Ziege aßen, die an Pestiziden verendet war; und einmal sah Philipe einen seiner Brüder im Sprühnebel der chemischen Spritze taumeln und umfallen.

Seitdem lagerte die Familie Sagara den gefährlichen Stoff nicht mehr im Hof. Sie hat am Rand von Yanfolila eine allein stehende Hütte gebaut, mit Holztüre und Vorhängeschloss. Wer aufsperrt, sieht im Halbdunkel nichts als drei Plastikflaschen, eine weiße mit Insektizid, zwei gelbe mit Herbiziden. Todbringendes Gebräu.

Ihre Brüder sind konventionelle Bauern geblieben, Philipe?

„Ja. Sie schauen sich meine Arbeit mit Interesse an. Sie mögen das Gift nicht, aber sie haben auch Angst vor der Armut. Was wir anbauen, essen wir. Nur die Baumwolle bringt uns Geld. Die Brüder sagten, wenn es bei mir schief geht, ist immer noch ihre Baumwolle da. Doch sie werden meinen Erfolg sehen, und sie werden folgen.“

Philipe hatte nichts gesehen, was Beispiel geben konnte, er ist ein Pionier. Er hat vom biologischen Anbau gehört und entschieden: Ich mache das. So wurde er zum ersten Ökolandwirt von Yanfolila, registriert mir der Nummer 01Y1019, der erste von inzwischen 60 dieser Gegend, gewählt zum Präsidenten der lokalen Biobauernvereinigung.

62 Tonnen Kompost

Leicht wurden ihm die Jahre nicht. Er musste lernen, Kompost zu machen. Legte Gruben an auf seinem Hof und nahe den Feldern, vier Meter im Quadrat und einen Meter tief, stapelte Schicht auf Schicht von Grünzeug, Mist, Ernteresten und zerstampften Termitenhügeln, begoss jede Schicht mit Wasser aus dem nächsten Brunnen, bis der Kompost 20 Zentimeter über der Erde stand wie ein großes Grab. Dann bohrte er Löcher hinein mit einem Stock, für den Sauerstoff. Acht Tage Arbeit waren das für Kompost, der für gerade einen halben Hektar Baumwolle genügt.

Sogar die Schulbank hat Philipe auf seine alten Jahre noch einmal gedrückt. Lesen und Schreiben brachte man ihm bei, wenigstens in Bambara, der gebräuchlichsten Landessprache. Biobauern müssen ein Feldbuch führen können, zur Kontrolle.

Denn plötzlich wurde der Bauer aus der Sahelzone zum ersten Glied einer langen Kette, an deren Ende biologische Hemden und T-Shirts in europäischen Regalen liegen: Eine Grossist garantiert per Vertrag die Abnahme der Öko-Fasern und bezahlt 25 Prozent zum üblichen Weltmarktpreis dazu. So kommt es, dass bei uns Kunden mit dem Kauf von Kleidung finanziell ausgleichen, was im Süden von Mali so gerechnet wird: Bio ist sehr viel mehr Plackerei auf dem Feld und etwas geringere Ernte.

Jeden Morgen hörte Philipe das Krähen der Hähne und die kehligen Schreie der Esel. Er sah das Tageslicht so rasch aus der Nacht kommen, als hätte jemand um 6 Uhr früh den Schalter umgelegt. Immer, nur der Sonntag gehört Gott, ging er ohne Speise aufs Feld, der Sonne entgegen durch leicht hügeliges Gelände, passierte weißstämmigen Eucalyptus, Karitébäume mit ihren zerzausten Kronen und feuerrote Hibiskussträucher, deren Früchte kleinen Flammen glichen.

Er pflanzte Hirse, Mais, Erdnuss und Sorgum, und er säte die Samen der Baumwolle, je einen Hektar. Die Samen hatten die Größe von Zitronenkernen, bedeckt mit dünnem, weißen Filz. 80 Zentimeter Abstand die Reihen, in diesen 40 Zentimeter Abstand von Staude zu Staude, so gedeiht Baumwolle am besten, und Philipe hoffte auf Regen, denn nichts begehrt mehr Wasser als das „weiße Gold“, wie sie die Baumwolle ehrfürchtig nennen. Am Mittag, wenn die Sonne am höchsten stand, brachte ihm die Frau eine Schüssel Brei, die er mit den Fingern aß, er saß im Schatten des zehn Meter hohen Nérébaums mit den weiten Ästen.

Im vierten Jahr also plagte sich Philipe nun mit den Härten des biologischen Landbaus. Wo früher einige Säcke an Kunstdünger reichten, bewegte er nun 62 Tonnen Kompost. Schaufel um Schaufel lud er auf seinen einachsigen Blechkarren, den der Esel all die vielen Kilometer zog, dieses dumme Vieh, das nie so will, wie der Bauer will, wie Philipe lachend erzählte.

Er erwehrte sich der Schädlinge, wie er es gelernt hatte. Setzte Okra als Fangpflanze zwischen die Baumwolle und um das Feld herum, weil Okra den Läusen und Kapselwürmern besser schmeckt. Er braute sein eigenes biologisches Insektizid, stampfte die Körner des Neembaums zu Puder, löste dieses in Wasser, ließ es gären, filterte den Sud und rührte Kobiöl unter, das die Brühe beim Spritzen besser an Zweigen und Blättern haften lässt.

Er sah das Unkraut wachsen und hackte, nun, da chemische Mittel zur Pflanzenvernichtung nicht mehr erlaubt waren. Die ganze Familie hackte Unkraut, und schließlich standen 45 Arbeitstage zu Buche für etwas, was früher ein Mann mit Herbiziden in wenigen Stunden erledigen konnte.

Doch auch die Baumwolle stieg in die Höhe, fingerdicke Stängel, die während fünf Monaten zwei Meter Höhe erreichen, sie bekamen Blätter, Blüten und Kapseln, die am Ende der Reife aufplatzen und faustgroße, weiße Knäuel zum Vorschein brachten. Und Philipe, Stolz und Freude standen im Gesicht, ging durch sein weiß getupftes Feld, griff mit vier Fingern Büschel um Büschel, steckte sie in neu gekaufte Säcke, um das weiße Gold mit keinerlei Gift aus alter Zeit zu belasten.

Wer macht den Preis für Ihre Ernte, Philipe?

„Mmmh. Keine Ahnung. Ich habe oft darüber nachgedacht, ohne Ergebnis. Die CMDT gibt den Preis fürs Kilo über das Radio bekannt, so ist das bei uns. Und dann wird im Dorf herumerzählt, wie viel Geld es gibt.“

Die CMDT, staatliche Monopolgesellschaft, zentraler Händler der Pestizide in einem der ärmsten Länder der Welt, wo zwei Millionen Bauern von der Baumwolle leben und damit 50 Prozent des gesamten Exports von Mali besorgen. Und so ist Philipe Sagara, wohnhaft 11. Grad nördlicher Breite und 8. Grad westlicher Länge, Teil des Weltmarktes, abhängig von den Launen des „Londoner Cotton Outlook A Index“ oder des „New York Cotton Exchange“, Konkurrent von Großfarmen in Usbekistan, China und den USA; alleine US-Baumwollfarmer werden jährlich mit fast vier Milliarden Dollar vom Staat gefördert. Mali verliert dadurch geschätzte zehn Prozent seiner Exporterlöse.

Lohn der Plackerei

Biobaumwolle in Yanfolila? Philipe hätte das alleine nicht geschafft. Er brauchte die Anleitung einer Schweizer Entwicklungsorganisation, die Schulungen durchführen ließ, Alphabetisierung förderte, für kleine Kredite sorgte, denn ohne Esel und Karren lassen sich Massen an Kompost nicht auf die Felder transportieren. Und er wird weiter Menschen in Europa brauchen, die für giftfreie Ware etwas mehr Geld bezahlen.

Mitte Dezember kam der Tag des Wiegens. Philipe hatte seine Ernte in jener Hütte gelagert, die seinem Schlafplatz am nächsten war. Nun trug er armweise die weißen Flocken zum kleinen Blechkarren, vor den der dumme Esel gespannt war, vier Männer stampften die Wolle mit den Füßen, um das Volumen zu verkleinern, bis sie haushoch geschichtet war, von Bastmatten und Tüchern am Davonfliegen gehindert.

Die Fracht wurde zu dem Platz gefahren, wo schon andere Biobauern warteten. Man schob die Wolle auf Planen mit roten und blauen Streifen, verschnürte sie zu Ballen von der Größe eines Sofas, jeden zu gut 110 Kilo. Sie wuchteten Philipes Ertrag von einem Jahr auf die blaue Standwaage, justierten den Messingarm, schoben Gewichte. Und der Kontrolleur schrieb in sein Buch: 708 Kilogramm. Sie werden 234 Euro bringen, das Einkommen für zwölf Monate.

Es ist kein sehr gutes Jahr gewesen, aber beileibe kein katastrophales. Und was Philipe vor allem glücklich macht in diesem Moment: Er, Ökobauer der ersten Stunde und das Beispiel, dem viele folgen sollen, hat einen ganzen Hektar Boden bestellt ohne todgiftige Herbizide und Insektizide, ohne Angst um seine Gesundheit und die der Kinder, nun versehen mit dem Bio-Siegel der Kontrolleure von Ecocert.

Ein Hektar ist das von weltweit 33 Millionen Hektaren, auf denen Baumwolle steht, etwa die Fläche Deutschlands. Was für Zahlen: 1 ha : 33000000 ha. Das mag kein großer Schritt für die Menschheit sein, doch es ist ein großer Schritt für Philipe Sagara und die Bauern von Yanfolila.

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