Zeitung Heute : Wie schwer wiegen 6,5 Kilo?
Manchmal, sagt sie, tanzt sie einfach. Steht in der Zelle und tanzt vor sich hin. Gerade schoss Melanie Werner noch jedes Wort heraus, 30 Monate Gefängnis konnten ihrer sehr direkten Berliner Art nichts anhaben. Der Gedanke ans Tanzen schon. Denn tanzen – das ist wie früher. Es war ihre glücklichste Zeit, auf den Diskothekenbühnen von Berlin. „So fing mein Leben an“, sagt die gerade 22-Jährige.
Heute sind zehn Quadratmeter Beton das Leben von Melanie Werner. Zehn Quadratmeter einer fensterlosen Gefängniszelle in Sao Paulo, geteilt von sechs Frauen. An der Wand kleben fünf Rechtecke aus Zement versetzt übereinander, in einem dieser „Betten“ haust Melanie.
Sie hat es umklebt mit Fotos ihrer Eltern, Postkarten aus Deutschland und „Blümchen, die würde ich zu Hause nie aufhängen“, sagt sie und lacht kurz. Gleich daneben hängen andere Eltern: Melanie muss ihr Bett mit einer Deutschen teilen.
Ein Nachmittag in der Besuchskammer des Gefängnisses kommt da einem Ausflug gleich. Melanie lässt sich auf dem zerschlissenen Sofa nieder, auf dem Gefängnisflur knallt eine Metalltür nervtötend auf und zu. Sie schlägt ruhig ihre Beine in der gelben Gefängnishose übereinander und schaut ihr Gegenüber offen an. „Heute Morgen habe ich die Direktorin gefragt, wie lange ich noch hier bleiben muss.“ Die Antwort lautete erneut: 7. Dezember 2007. Melanie bindet sich die langen, blonden Haare zurück und gibt so die Aufschrift ihres weißen T-Shirts frei: „Surf free!“
„Bin selbst schuld, hab’ halt ’nen Fehler gemacht“, bollert sie ins Neonlicht. „Hätt’ man besser dreimal nachgedacht.“ Hätte, sollte, müsste. Nachgedacht hat Melanie Werner in den letzten zweieinhalb Jahren stunden-, tage-, wochenlang. Wenn sie sich in ihrem halben Bett an die Wand dreht, um wenigstens ein bisschen allein zu sein. Wenn die Tore sich öffnen und „wir eine halbe Stunde Luft schnappen dürfen“, im Hof zwischen den Ratten und Kakerlaken. Wenn sie vor sich hin tanzt. Seit zweieinhalb Jahren grübelt Melanie Werner. Nur damals kam sie nichts ins Grübeln, als alles ganz einfach schien, am Eingang zu diesem Labyrinth aus falschen Freunden, eigenen Flausen und begierigen Medien.
„Brasilien! Wer will da nicht umsonst hin, dachte ich“, sagt Melanie, und wenn sie „Brasiiilien!“ sagt, klingt es selbst im Gefängnis wie Sonne, Strand und Samba. „Ich hatte den Autohändler ja schon ein paar Mal getroffen damals“, sagt sie und erzählt vom März 2003 und dem Café im Wedding, in dem sie als Aushilfskellnerin jobbte. Er stamme aus Brasilien und verkaufe in Berlin Autos, sagt er. Zwei Wochen lang taucht er immer wieder auf im Café, freundet sich mit Melanie an und fragt irgendwann, ob sie nicht mal nach Brasilien wolle. „Er brauchte dringend wichtige Dokumente von seiner Ex-Frau in Sao Paulo“, erzählt Melanie, und jetzt klingt sie gar nicht mehr nach Sonne und Strand. Wegen seines Autohandels könne er nicht weg von Berlin, aber wenn sie die Papiere holen würde, und sie könne ja ein bisschen bleiben… Melanie fliegt. Und wird zehn Tage später, am 8. April 2003 in Sao Paulo verhaftet.
Die „Ex-Frau des Autohändlers“ wird später gestehen, dass sie es war, die Melanies Tasche vor der Abreise packte. Der Taxifahrer wird aussagen, dass sie ganz ruhig blieb, als die Polizei den Wagen plötzlich stoppte. Aber als die Polizisten den Kofferraum öffneten und aus ihrer Tasche 6,5 Kilo Kokain holten, da war’s mit der Ruhe vorbei. „Da wollte ich sofort in den Verkehr rennen“, sagt Melanie, und es klingt nicht übertrieben.
Melanie wird verhaftet, ihr wird alles abgenommen und nichts erklärt: Niemand spricht Englisch, geschweige denn Deutsch. Tagelang darf sie niemanden anrufen, hat keinen Kontakt nach außen, keine Wäsche und keine Ahnung, was passiert. Schließlich kommt ein Konsulatsmitarbeiter, bringt ihre eine Zahnbürste, einen Satz Kleidung und fragt nach den Kontaktdaten ihrer Eltern. „Ich wollt’ nicht, dass die das erfahren“, erzählt Melanie. „Ich dachte, Mama, Papa, das kannste jetzt auch noch vergessen. Ich dachte: Das war’s jetzt.“
Dabei schien alles gerade anzufangen. Als Melanie in Hellersdorf mit 16 die Realschule fertig hat, beginnt ihre Suche. Sie bewirbt sich auf alles Mögliche, aber eigentlich hat sie einen Traum: „Ich wollt’ zur Polizei.“ Melanie lacht, wie sie das sagt in einem der härtesten Gefängnisse Brasiliens. Doch dann hat sie einen Sportunfall, und mit dem Fitnesstest der Polizei wird es nichts. Später versucht sie es bei der Bundeswehr. Melanie ist 18, sie will ihren Eltern nicht weiter auf der Tasche liegen und hat schon alle Papiere für die Bundeswehr zusammen. Doch dann kommt der Irak-Krieg „und ich dachte, der Dritte Weltkrieg fängt an, und ich bekam es mit der Angst“.
Doch dann zieht sie das große Los: „Ich war mit ein paar Freundinnen tanzen, als mich einer ansprach, ob ich das nicht für Geld machen will.“ Sie geht zu einem Casting – „plötzlich hatte ich einen Vertrag und jedes Wochenende Auftritte in ganz Berlin“. Endlich ging es los.
Vielleicht wusste Melanie wirklich nichts vom Rauschgift in ihrer Tasche. Vielleicht glaubte Melanie aber auch an den ganz großen Coup. 6,5 Kilo Kokain, das sind 500000 Euro. Vielleicht glaubte sie nur, das Leben ist ein großes Casting, und diesmal habe sie eine Brasilien-Reise gewonnen wie andere im Fernsehen Reisen, Arbeitsplätze und Millionen. Selbst hier, im Gefängnis von Sao Paulo gab es ein Casting: Melanie hat beim Schönheitswettbewerb des Gefängnisses Tatuapé mitgemacht – und gewonnen. Seitdem sie dann jüngst bei der „Wahl der Miss Knast Brasilien“ live im Fernsehen auftrat, ist sie im ganzen Land eine kleine Berühmtheit, und die „Bild“-Zeitung berichtete von der „blonden Ballerina“, die zur zweitschönsten Gefangenen Brasiliens gewählt worden sei.
Was auch immer sie damals glaubte: Sie hatte keine Chance. „Immer mehr deutsche Touristen werden Opfer eines ausgeklügelten Systems zwischen Drogendealern und der Polizei“, sagt Melanies Anwalt Mathias Oefelein. Allein in Sao Paulo sitzen 32 Deutsche ein, und sie alle haben mehr oder minder die gleiche Geschichte hinter sich, wie Drogenexperten bestätigen: Immer mehr Touristen, meist junge Frauen, werden von den Drogendealern gezielt angesprochen und, sobald sie die Ware – wissentlich oder unwissentlich – bei sich haben, von den Dealern an die Polizei verraten. „So erkaufen die Dealer sich Schutz für ihre echten Kuriere“, erklärt Oefelein, „die mit den großen Paketen von 15, 20 Kilo Kokain sicher ausreisen.“ Und die Polizisten verkaufen große Teile der „entdeckten Beute“ selbst und erfüllen zugleich ihre Ermittlungsquoten.
So profitieren alle – außer den Boten, wie Claudia aus Bremen, die mit mehreren Kilo Kokain am Körper erwischt wurde und seitdem mit Melanie in Tatuapé inhaftiert ist. Wie ihre Zellennachbarin Maren aus Hamburg, die sechs Kilo Kokain um den Bauch hatte. Wie zig Schwarzafrikaner, die sich für ein Honorar von ein paar hundert Dollar auf die Reise machen, die in Brasiliens Gefängnissen endet.
Wie Melanie Werner. Dem Richter reichten die Indizien ihrer Unschuld nicht aus: Ihr Urteil lautet fünf Jahre und vier Monate. „Danach kam ich dann hier an“, erzählt Melanie von ihren ersten Tagen in Tatuapé, dem Frauengefängnis in einem heruntergekommenen Bezirk von Sao Paulo, „und als ich verstand, dass ich hier jetzt bleibe, da hab’ ich einfach nur noch geweint.“
Über ihre heutigen Haftbedingungen darf Melanie nicht sprechen, sie winkt nur müde ab, während die donnernde Metalltür auf dem Flur nicht zur Ruhe kommt: Das Essen wird angeliefert, blaue Plastiktonnen voll schwarzer Bohnen und Reis rollen vorbei. Das immer gleiche Essen dürfte Melanies kleinstes Problem sein: Brasiliens Gefängnisse sind berüchtigt für ihre Überfüllung, für ihre Gewalt und für ihre Gangs.
Melanies Eltern kommen bald zu Besuch, und ihre Tochter fiebert ihnen entgegen . „Mama, Papa, auf die konnt’ ich mich verlassen“, sagt Melanie, schaut auf ihre Finger und flüstert fast: „Als Einziges auf die.“
Die Werners sind eingetroffen. Nun steht Marion Werner mit ihrem Mann Christian in Sao Paulo, und wenn sie mitten im Verkehrslärm auf Deutsch über die brasilianische Polizei spricht, lehnt sie sich lieber vor und flüstert. Die Werners drehen ihre tägliche Runde: vom Hotel einmal durch die kleine Altstadt von Sao Paulo und zurück. Mehr trauen sie sich nicht anzuschauen, und mehr wollen sie auch nicht sehen. Für Marion Werner ist es der zweite Besuch, häufiger konnte sie nicht kommen: Schon für ihre erste Reise „mussten wir einen Kredit aufnehmen“, erzählt Vater Werner, und er konnte damals nicht mitkommen, weil sein Chef ihn nicht gehen ließ. „Eltern sind Eltern“, sagt Mutter Werner, „und das selbst, wenn Melanie schuldig wäre.“
Dabei war es wohl nie die Stärke der Werners, familiäre Probleme zu bereden. Als Melanie mit 18 ihren Freund, einen Mazedonier, kurzerhand heiratete, hat sie das ihren Eltern lieber erst danach erzählt. Und dass ihre Tochter in Brasilien ist, hat Marion Werner durch ein Telegramm vom Konsulat erfahren, in dem stand: „Ihre Tochter wurde in Brasilien verhaftet. Bitte melden Sie sich.“
Die Werners kommen aus Ost-Berlin. Der Vater verlor mit der Wende seine Stelle als Kraftfahrer, fand nur Arbeit in der Nähe von Hamburg, seitdem ist der 45-Jährige unter der Woche nie zu Hause. Mutter Werner war nach der Wende auf Jahre arbeitslos, heute arbeitet sie im outgesourcten Catering einer Bank, und „keiner weiß, ob unser Vertrag bei der nächsten Ausschreibung verlängert wird“, sagt die 44-Jährige.
„Vater nie zu Hause, Mutter arbeitslos, das hat sie schon sehr mitgekriegt“, sagt Marion Werner mit Respekt für ihre älteste Tochter, „ihr war immer wichtig, dass sie uns nicht auf der Tasche liegt.“ Stattdessen wollte Melanie ihr Leben selbst in die Hand nehmen. „Und dabei entschied sie immer sehr, sehr spontan“, sagt ihre Mutter.
Neulich hat sich Melanie wieder entschieden. Mal wieder für ein Casting. Zuvor ging die Geschichte mit der „Bild“ziemlich nach hinten los. Die entnervten Eltern mussten sich danach in Berlin tagelang gegen die Boulevardmagazine von SAT 1 und RTL verbarrikadieren. Und dabei „stimmte die Geschichte ja gar nicht“, sagt Melanie: Die angebliche Miss Knast Brasilien landete in der Endauswahl der Schönheiten auf den hinteren Plätzen.
Jetzt hat sie es noch mal anders probiert, auf ihre Art: Ein brasilianisches Magazin bot ihr Geld für ein paar halberotische Fotos. Melanie lebt in Tatuapé von 60 Euro Sozialhilfe aus Deutschland und ein bisschen Arbeitslohn. Vielleicht ist das ja ihre Chance? Doch als die Fotos erscheinen, werden sie zum Politikum: Sao Paulos Tageszeitungen wettern, ob in den Gefängnissen alle alles dürften, sogar der Gouverneur von Sao Paulo gerät in Erklärungsnot. Und für Melanie wird der ersehnte Hauptgewinn erneut zur Niete: Weil im Gefängnis „ihre Extrawürste“ nicht mehr auf Gegenliebe stoßen, wird „Melanie tagelang bedroht“, sagt ihr Anwalt. Dann dringt die Geschichte auch noch bis Berlin-Hellersdorf durch – das Sozialamt kürzt Melanie die Hilfe und streicht sie später ganz.
Seitdem sie tanzte, hatte Melanie Werner kein rechtes Glück mit ihren Casting-Versuchen. Dabei wirkt sie hellwach, wie sie auf dem Plastiksofa der Besucherecke ins Neonlicht blinzelt, seit Stunden frei von jeder Bitterkeit erzählt und zwischendurch in perfektem Portugiesisch parliert. Hellwach und völlig ratlos. Wie es nun weitergeht? „Ich weiß nich’, ich denk immer nur, wann komm ich hier raus?“, sagt sie. Und wenn sie draußen ist? In Berlin? „Ich weiß nicht, das wird bestimmt nicht einfach.“ Was sie wohl machen wird – wieder tanzen? „Tanzen, tja, vielleicht“, murmelt sie, „bin ja weit weg von Deutschland.“ Pause. „Ich weiß halt gar nicht, wie’s da so läuft.“





